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»Ich komme nicht, um zu beschuldigen«

Die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher spricht in Chemnitz mit Schülern

Inge Auerbacher im Gespräch mit Schülern der Oberschule in Chemnitz-Gablenz. (Foto: Sven Gleisberg)
Inge Auerbacher im Gespräch mit Schülern der Oberschule in Chemnitz-Gablenz. (Foto: Sven Gleisberg)

Von Dorothee Morgenstern

Diese vielen Stiegen! In Amerika ist die Aula nie so weit oben!« Inge Auerbacher aus New York kommt in der Oberschule Chemnitz-Gablenz erstmal ins Schwitzen, denn die Aula befindet sich im zweiten Obergeschoss. Doch dann füllt sich der Raum mit Schülerinnen und Schülern und Inge Auerbacher ist voll in ihrem Element: »Ich komme nicht, um euch zu beschuldigen, sondern um mein Leben mit euch zu feiern«, beginnt sie ihren einstündigen Vortrag.

Als eines von etwa 100 Kindern überlebte sie das Konzentrationslager Theresienstadt; fast 15 000 Kinder verloren dort ihr Leben. Insgesamt waren dort 141 000 Menschen zwischen Oktober 1941 und Mai 1945 eingesperrt.

Inge Auerbacher, geboren am Silvestertag des Jahres 1934, wuchs als einziges Kind jüdischer Eltern in Schwaben auf. Im Alter von sieben Jahren wurde sie zusammen mit ihren Eltern in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Alle drei überlebten und emigrierten 1946 nach New York. Dort erkrankte Inge Auerbacher an Tuberkulose und musste zwei Jahre im Krankenhaus zubringen. Auch später brach die Krankheit wieder auf. So konnte sie das erträumte Medizinstudium nicht absolvieren. Doch sie schloss das College erfolgreich ab und arbeitete 38 Jahre lang als Chemikerin in der medizinischen Forschung. Daneben ist sie seit den 1960er Jahren als Holocaust-Überlebende im Dienst der Versöhnung aktiv. Sie hält Vorträge, schreibt Bücher, über sie wurden Filme gedreht. Und immer trägt sie einen Schmetterling an ihrer Kleidung, im Gedenken an das Konzentrationslager-Gedicht »Doch einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehen«.

Ungeachtet ihrer fast 80 Lebensjahre ist sie unermüdlich unterwegs, jetzt zum dritten Mal in Sachsen. Vier Schülerlesungen, ein Kirchgemeindeabend und ein Gespräch im Frauenverein der jüdischen Gemeinde stehen in einer Woche auf ihrem Programm. »Jude ist keine Rasse, es ist eine Religion«, erklärt sie den Chemnitzer Schülern und fragt »Wer ist der bekannteste Jude?«. Schließlich gibt einer die richtige Antwort: »Jesus.«

Viele Ehrungen hat Inge Auerbacher bekommen, im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz. Zu Hause in New York wohnt sie mit Hindus, Muslimen und Christen Wand an Wand, das ist ihre Wahl-Familie. Dasselbe wünscht sie sich für die ganze Welt. Deshalb gibt sie den Chemnitzer Schüler mit auf den Weg: »Schaut nicht auf die Farbe eines Menschen, wir müssen einfach zusammen leben!«

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