17.Oktober.2008 - LEIPZIG
Zehn offene Worte
Stellungnahme der Theologischen Fakultät zum Neubau auf dem Augustusplatz
1. Wir begrüßen es, dass sich nun auch einzelne Hochschullehrer der Universität zur Nutzung und Innengestaltung des Neubaus am Augustusplatz öffentlich zu Wort melden.
2. Wir sprechen uns deutlich dafür aus, die längst überfällige Diskussion sachlich und ohne gegenseitige Diffamierungen der Personen und ihrer Auffassungen zu führen.
3. Die LVZ hat in ihrer Ausgabe vom 16. Oktober 2008 gemeldet, der Senat der Universität habe eine Resolution zur Nutzung und Neugestaltung des Paulinums beschlossen. Richtig ist, dass es sich bei der von Prof. Hubert Seiwert verfassten Resolution um keinen ordnungsgemäßen Senatsbeschluss handelt, sondern um eine Initiative, der sich die Senatoren mehrheitlich durch Unterschrift angeschlossen haben.
4. Die Resolution stellt fest, dass »der Neubau des Paulinums am Augustusplatz die Aula der Universität und keine Kirche sein wird.« Diese Feststellung widerspricht eindeutig der von der Staatsregierung des Freistaates Sachsen und der Universität vorgegebenen Aufgabenstellung für den Architektenwettbewerb und das ihm folgende Qualifizierungsverfahren. Darin hieß es: »Die neue Aula soll als Ort akademischer Veranstaltungen, der Universitätsgottesdienste und der universitären Musikpflege eine lebendige Begegnungsstätte werden.« Und: »Wesentlich ist dabei die Nutzung als Aula und als Kirche«. Eben für diese, der Tradition des Ortes angemessene, und für keine andere Lösung hat der Freistaat die entsprechenden Mittel der Steuerzahler zur Verfügung gestellt.
5. Bei dem Streit um die Glaswand geht es nicht um die im Grundgesetz verankerte institutionelle »Trennung von Staat und Kirche«, die auch von uns selbstverständlich bejaht wird. Es geht um die Trennung von »Glaube und Wissenschaft«, bzw. von »Glaube und Vernunft.« Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, die nicht ständig verwechselt werden sollten. Die Trennung von Glaube und Vernunft halten wir für eine wissenschaftstheoretische Position, die dem gegenwärtigen Diskurs über Wissenschaft und Religion nicht mehr gerecht wird. Wir wehren uns dagegen, dass Menschen, die sich an der Universität für die selbstverständliche Freiheit in Forschung und Lehre ebenso einsetzen wie für eine lebendige Pflege des christlichen Glaubens als »Ewiggestrige« diffamiert werden, die einer mittelalterlichen Mentalität verhaftet seien.
6. In der Diskussion wurde mehrfach die Forderung erhoben, dass der entstehende Neubau überkonfessionell genutzt werden sollte. Diesem Anliegen stimmen wir zu. Selbstverständlich ist auch die katholische Studentengemeinde herzlich eingeladen, ihre Gottesdienste in der neuen Universitätskirche zu feiern.
7. Überkonfessionalität ist aber nicht mit Interreligiosität zu verwechseln. Auch hierbei handelt es sich um zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Leipziger Universität hat sich mit ihrer Universitätskirche Jahrhunderte lang auf den christlichen Glauben bezogen. Zu dieser Tradition bekennen wir uns. Nur wer die eigene Tradition und Geschichte kennt und pflegt, wird auch den Herausforderungen der Zukunft gerecht. Eine dieser Herausforderungen ist der interreligiöse Dialog, der in dem Neubau unbedingt einen Ort haben sollte. In diesem Dialog kommt es aber gerade darauf an, die eigene Tradition aktiv und offen einzubringen und nicht zu verstecken und zu verleugnen.
8. Ebenfalls wird in der Diskussion immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ressourcen der Universität in erster Linie der Forschung und Lehre zur Verfügung zu stehen hätten. Auch darin wissen wir uns mit unseren Kritikern einig. Wir geben aber zu bedenken, dass die Universität darüber hinaus auch einen kulturellen Auftrag wahrzunehmen hat, bei dem es um eine umfassende Bildung von Persönlichkeiten gehen sollte. Dazu gehört es, dass auch der Universitätsmusik und anderen künstlerischen Aktivitäten optimale Bedingungen eingeräumt werden.
9. Die der Universität zur Verfügung stehenden Räume und Flächen für Forschung und Lehre betragen mindestens 99 Prozent. Wir fragen alle Beteiligten: Warum sollte es nicht gerechtfertigt und erträglich sein, dass mit dem Neubau von Aula und Kirche weniger als ein Prozent der Flächen für einen Gesamtraum mit einem erkennbar sakralen Charakter geschaffen wird? Dass wir damit keinen alleinigen Besitz- und Nutzungsanspruch anmelden, versteht sich von selbst. Vielmehr soll der Bau als ganzer für akademische Veranstaltungen, Gottesdienste und Universitätsmusiken zur Verfügung stehen.
10. Wir halten es für dringend erforderlich, umgehend eine von uns seit Jahren erbetene Konferenz aller künftigen Nutzer unter Einschluss des Architekten einzuberufen, zu der es bisher leider nie gekommen ist. Nur auf diesem Wege lassen sich tragfähige Lösungen und notwendige Kompromisse erarbeiten.
Leipzig, den 16.10.2008
Für die Theologischen Fakultät
Prof. Dr. Jens Herzer (Dekan)
Prof. Dr. Martin Petzoldt (Erster Universitätsprediger)


