25. September 2009
Diakonie verzeichnet gestiegene Zahl von Wohnungslosen
Jugendliche unter 25 Jahren immer häufiger von Armut und Wohnungsnot betroffen
RADEBEUL - Im vergangenen Jahr 2008 waren es 2.837 Menschen, die Hilfe und Unterstützung bei einer diakonischen Einrichtung der Wohnungslosenhilfe suchten und erstmals waren mehr als 30 Prozent davon Frauen. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 waren es 2.572 Menschen, die bei der Diakonie Unterstützung und Hilfe fanden. Das sind nur die Zahlen der Diakonie - eine offizielle Statistik gibt es nicht mehr. Das Sächsische Staatsministerium für Soziales (SMS) hat die Zählung eingestellt – obwohl die CDU in ihrer Antwort auf unsere Wahlprüfsteine lapidar schreibt: „Die Zahl der Wohnungslosen wird statistisch erfasst. Die Jahresberichte der Träger von Einrichtungen informieren meist auch über den bestehenden Bedarf.“
„Hier weiß die rechte Hand offenbar nicht mehr, was die linke tut. Kein Wunder, dass das Problem der Wohnungslosigkeit auch im neuen Koalitionsvertrag nicht auftaucht, ebenso wenig wie Armut und Armutsbekämpfung“, kommentiert Christian Schönfeld, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen, diesen offenkundigen Widerspruch.
So werden sie jedes Jahr mehr: Menschen, die wohnungslos sind oder kurz davor stehen, es zu werden. Und das in einem Land, das seinen immensen Wohnungs-Leerstand mit der Abrissbirne bekämpft. So ist das Phänomen der Wohnungslosigkeit in Sachsen schwer zu ertragen und noch schwerer zu begreifen.
Wie werden Menschen wohnungslos? Wer in den Beratungsstellen, Tagestreffs und Wohnprojekten der Diakonie nachfragt, erhält die Antwort, dass der Absturz in die Wohnungslosigkeit sehr schnell gehen kann. „Wir erleben es immer wieder, dass diese Menschen oft überhaupt kein Geld haben. Sie können die Formulare in den Arbeitsagenturen nicht ausfüllen, sie bekommen ihre Rechte nicht und haben kein Vertrauen zu den Behörden“, sagt Rotraud Kießling, in der Diakonie Sachsen zuständige Referentin für die Wohnungslosenhilfe.
Wenn Wohnungslosigkeit in Sachsen nicht noch weiter zunehmen solle, müssten die örtlichen Sozialhilfeträger angemessene Kosten für die Unterkunft und die tatsächlichen Nebenkosten von Hartz-IV-Empfängern zahlen. Häufig seien es nämlich die aus den finanziellen Lücken entstandenen Mietschulden, die zum Verlust der Wohnung beitragen, so Kießling weiter.
„Vor allem die Geldnöte überschuldeter Haushalte und Familien mit Kindern, die von Regelleistung oder Sozialgeld leben müssen, schlagen früher oder später immer auf die Wohnungssituation durch. Und am meisten leiden dann die Kinder.“ Deshalb sei es enorm wichtig, dass Betroffene rechtzeitig Rat einholten – bevor die Notlage „wohnungslos“ eingetreten ist. Aber auch Jugendliche unter 25 Jahren sind immer häufiger von Armut und Wohnungsnot betroffen, hat die Referentin beobachtet. „Unsere Zahlen signalisieren eine deutliche Zunahme: Fast ein Viertel der Menschen, die diakonische Angebote der Wohnungslosenhilfe nutzen, sind junge Menschen unter 25 Jahren. Das ist umso erschreckender, weil damit klar wird, dass die vorrangigen Hilfe-Angebote für Jugendliche oftmals nicht greifen. Auch in der Schuldnerberatung tauchen immer mehr junge Menschen auf, die ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können.“
Wer zu den Anlaufstellen der Diakonie komme, brauche sofort Hilfe. „Die Hälfte aller Hilfesuchenden hat überhaupt keine eigene Wohnung mehr, der anderen Hälfte droht der Verlust der bisherigen Wohnung. 79 Prozent hatten keine Arbeit. 60 Prozent der Betroffenen leben vom Arbeitslosengeld II“, so Kießling weiter.
Doch jeder habe einen Anspruch auf Hilfe. Auch „Personen, bei denen besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind“, wie das Sozialgesetzbuch XII Menschen beschreibt, die sich in Fußgängerzonen, Einkaufspassagen oder Unterführungen aufhalten, die auf Parkbänken, unter Brücken oder in abbruchreifen Häusern schlafen müssen. „Das größte Problem ist die Ausgrenzung von Wohnungslosen aus dem öffentlichen Leben. Sie werden als Störung betrachtet und von öffentlichen Plätzen und Straßen vertrieben“, so Kießling abschließend.
Die Diakonie Sachsen hält 30 Hilfeangebote speziell für Menschen in Wohnungsnot bereit.
"Lebenslagenstatistik der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Sachsen" und "Positionierung zum Sozialbericht 2006" unter Diakonie Sachsen


