26. Oktober 2009 - ANNABERG-BUCHHOLZ
Annaberg-Buchholz erinnert an 20 Jahre friedliche Revolution
„20 Jahre friedliche Revolution – Annaberg-Buchholz erinnert sich“

Erste Demonstration am 4. November 1989
ANNABERG-BUCHHOLZ - In wenigen Tagen, am 9. November 2009 jährt sich zum 20. Mal der Fall der Berliner Mauer. Dieser Tag war für viele Bürger in Ostdeutschland das Zeichen für neu erlangte Freiheit und die schrittweise Zurückgewinnung wichtiger Bürgerrechte, wie Reise-, Meinungs- und Pressefreiheit. Bereits Wochen und Monate vorher hatten Friedensgebete, Mahnwachen und Demonstrationen den Weg für den Mauerfall geebnet.
Nicht nur in Leipzig und Dresden, Berlin und Plauen, auch in Annaberg-Buchholz gab es im Wendeherbst zahlreiche Aktivitäten und Initiativen. Zahlreiche Demonstrationen, „Runde Tische“ und öffentliche Diskussionsforen, die Umnutzung der MfS-Kreisdienststelle zum kirchlichen Kindergarten und eine Wendezeitung sind dafür nur einige Beispiele.
Die Stadt und aktive Akteure der Wende nehmen das denkwürdige Jubiläum zum Anlass, um mit einer Veranstaltungsreihe jene Tage im November 1989 noch einmal lebendig werden zu lassen. Dabei soll es nicht allein um die Reflektion der Vergangenheit gehen, sondern auch um die Lehren aus dem Herbst 1989.
Die Veranstaltungsreihe „20 Jahre friedliche Revolution - Annaberg-Buchholz erinnert sich” rückt vor allem jene Ereignisse in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, die sich in Annaberg-Buchholz abgespielt haben. Initiativen der Bürgerbewegung und der Kirchen werden dabei in besonderer Weise benannt.
Am 2. November um 11:00 Uhr öffnet im Annaberger Rathaus eine Ausstellung ihre Pforten, die vielfältige Themen des Herbstes 1989 in Annaberg-Buchholz benennt. Chronologisch, in Bild und Text, wird die Wende in Annaberg-Buchholz dokumentiert. Berichte, Originaldokumente und Zeitungsartikel, Zeitzeugenberichte und Protokolle bringen die Zeit vor 20 Jahren noch einmal der Bürgerschaft nahe. Darüber hinaus lassen eindrucksvolle Fotos die dramatischen Ereignisse der Wende lebendig werden.
Nur eine Stunde später, am 2. November um 12:00 Uhr öffnet im Erzgebirgsmuseum eine weitere Ausstellung ihre Pforten. Sie ist in Zusammenarbeit zwischen dem Museum und dem Landkreis-Gymnasium St. Annen entstanden. Die Schau zeigt Originaldokumente, Fotos und Transparente der Wende sowie Sachzeugnisse aus der DDR-Zeit. Außerdem präsentiert das Landkreis-Gymnasium die Ergebnisse seiner Projektarbeit. Sie stand unter der Überschrift: Wie sehen und empfinden Schüler die Wendezeit?
Mit einer Gedenkstunde wird am 4. November um 19:00 Uhr der 20. Jahrestag der ersten Demonstration in Annaberg-Buchholz begangen. Interessierte Bürger sind dabei ganz herzlich in die Evangelisch-methodistische Kirche am Emilienberg eingeladen. Dabei erzählen Zeitzeugen und Akteure der Wende von jenen bewegten Tagen im Herbst 1989. Besonders eindrücklich ist dabei ein originales Tondokument vom ersten Friedensgebet am 4. November 1989 und der anschließenden ersten Demonstration in Annaberg-Buchholz.

Im Anschluss daran gehen die Teilnehmer ab 21:00 Uhr einen Weg des Gedenkens zum Annaberger Markt. Mit Kerzen und einer kurzen Andacht soll dabei noch einmal an die erste Demonstration in Annaberg-Buchholz sowie an die friedliche Revolution erinnert werden, die gewaltlos ein ganzes System ins Wanken und schließlich zum Einsturz brachte.
Am 6. November um 19:30 Uhr befasst sich eine Talk-Runde in der Bergkirche mit den Entwicklungen des Jahres 1989 in Stadt und Region sowie mit der Gründung des Neuen Forums. Aktive Mitgestalter der Wende, wie z. B. Pfarrer Thomas Fritzsch, Andre Brückner, Klaus Hermann sowie Lutz Reichardt, heute Bundesvorsitzender der Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland werden die Vorbereitung und die Ereignisse der Wende besonders thematisieren. Außerdem geht es um die heutigen Herausforderungen der Demokratie. Ein Originalvideo zeigt dabei Bilder von einer Demonstration in Annaberg-Buchholz.
Die Veranstaltungsreihe in Annaberg-Buchholz schließt mit einem Diskussionsforum am 19. November um 19.30 Uhr im Haus des Gastes „Erzhammer“. Unter dem Thema „Feind ist, wer anders denkt“ verdeutlichen Dr. Martin Böttcher (Birthler-Behörde) und Tobias Hollitzer (Museum Runde Ecke Leipzig) die Repressionen und Methoden des DDR-Staatsapparates, der SED und des MfS.

Der Freistaat Sachsen fördert die Reihe im Rahmen des Programms "20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit".(PM-Annaberg-Buchholz)
Stadt Annaberg-Buchholz mit Zeittafel
Die erste Demonstration in Annaberg-Buchholz am 4. November 1989

...“Als die entscheidende Großdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 gewaltfrei endete, begannen auch in Annaberg-Buchholz die Vorbereitungen für die erste Demonstration auf der Straße. Ein Vorbereitungskreis versammelte sich dazu in der Wohnung von Albrecht Kämpf in Tanneberg-Siebenhöfen. Bei der ersten Sitzung mussten die Teilnehmer beim Verlassen des Hauses feststellen, dass dieses von der Polizei umstellt war und ihre Autos bestens „bewacht“ waren. Die „Freunde“ und „Helfer“ griffen aber nicht ein sondern ließen die „Dissidenten“ unbehelligt nach Hause fahren.“ (*)
So wurde der Emilienberg, wo sich die Methodistenkirche befindet, zum Ausgangspunkt für die erste Großdemonstration. Etwa 7.000 Bürger des Kreises fanden sich bei nasskaltem Wetter ein, um zum ersten Mal in der Öffentlichkeit für ihre demokratischen Rechte zu kämpfen. Forderungen wie „Freie Wahlen“ oder „Weg mit dem Führungsanspruch der SED“, „Neues Forum zulassen“, „Stasi in die Volkswirtschaft“, aber auch „Unsere Wälder mahnen – Umweltmaßnahmen“ wurden auf Spruchbändern oder in Sprechchören zum Ausdruck gebracht. Die Losung „Reformen mit Wucht statt Massenflucht“ ging auf die vielen DDR-Bürger ein, die im Sommer und Herbst 1989 das Land über die „grüne Grenze“ in Ungarn oder über die Botschaften der Bundesrepublik Deutschland in Budapest, Warschau und Prag verließen.
Schon lange vor dem Gottesdienst war die Kirche brechend voll, so dass sich viele Menschen auf dem Vorplatz aufhalten mussten. Der Gottesdienst wurde über Lautsprecher nach außen übertragen. Im Anschluss an diesen Gottesdienst informierten die Vertreter des Neuen Forums über die Ziele ihrer Bewegung und stellten sich somit der Bevölkerung vor.
Der Demonstrationszug bewegte sich dann vom Emilienberg über die Bruno-Matthes-Straße an der damaligen SED-Kreisleitung (**) vorbei zum Markt. Vor der SED-Kreisleitung spielte sich etwas sehr Symbolisches dieser Zeit ab. Viele Demonstranten stellten ihre Kerzen, die sie zur Demonstration trugen, auf den Stufen zum Eingang ab. Vor die verschlossene Tür hingen sie ein Plakat mit der Aufschrift: „Die SED hat versagt“. Auf dem Markt riefen die Menschen in Richtung Rathaus „Wir sind hier – wo seid ihr? Sie brachten damit zum Ausdruck, dass sich niemand seitens der Stadtverwaltung um ihre Belange kümmerte. Später löste sich diese Demonstration friedlich auf...
Auszug aus der Dokumentation „Jahre der politischen Wende im Landkreis Annaberg“, herausgegeben vom Landkreis Annaberg am 1. Juli 2008
(*) Autor: Klaus Kampf – Dokumentation des Bürgerforums im Landkreis Annaberg e.V., Ortsgruppe Neudorf: Die politische Wende 1989/90 aus der Sicht des Bürgerforums
(**) Gebäude Hermannstraße 9


