19. April 2010
„Wir sind zur Hoffnung berufen“
Landesbischof zum 60. Geburtstag
Bohl steht für eine „einladende Kirche“ - eine „Kirche für die Schwachen“

DRESDEN – Mit einer Andacht in der Dresdner Dreikönigskirche (Haus der Kirche) hatte am 19. April ein Empfang der Kirchleitung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens aus Anlass des 60. Geburtstages von Landesbischof Jochen Bohl begonnen. U.a. nahmen der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Bischof Joachim Reinelt, Bistum Dresden-Meißen, daran teil. Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler sowie Ministerpräsident a.D. Professor Dr. Kurt Biedenkopf waren ebenfalls unter den zahlreichen Gästen.

Professor Dr. Martin Petzoldt, Theologische Fakultät Leipzig, griff in seinem geistlichen Wort Inhalte von J.S. Bachs Kantate „Ich bin ein guter Hirt“ auf. Sie wurde in Teilen vor und nach seiner Auslegung von einem Ensemble unter Leitung von KMD Professor Dr. Dr. Christfried Brödel aufgeführt. Auf die Generation von Jochen Bohl bezogen, erinnerte sich Petzoldt an alte Bilder des Guten Hirten, die „Verwerfungen“ mit dem tatsächlich Erlebten in frühen Jahren mit sich bringen mussten.
Auch in der Bach-Kantate werde ein starkes, durchaus paradoxes Bild zu Gehör gebracht: Die Frage nach dem Leiten der Herde, sich zu opfern, selbst aber zu schützen: Schutz vor Raub und dem „Höllenwolf“.

Der Hochschullehrer verwies darauf, dass im übertragenen Sinn dem Raub der Schafe immer ein Gottesraub voranginge. Bezogen auf zwei Diktaturen in Deutschland sei dies im versuchten Zurückdrängen des Christlichen geschehen. Mit Blick auf die friedliche Revolution sei es Christus dagegen gelungen, den Rachen des Löwen zuzuhalten.
Der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Stanislaw Tillich, verband in seinem Grußwort das Lebensalter Bohls mit der Spannung des geteilten Deutschlands und schließlich seiner Wiedervereinigung. In diesen Tagen stehe wie vor 20 Jahren die Freude an die „Wiederkehr der Freiheit des Glaubens“ vor Augen. Staat und Kirche seien seit dieser Zeit zwar weiterhin formal getrennt, aber dennoch durch gemeinsame Ziele verbunden.

So sei Politik und Kirche besonders der Kinder sowie der Schwachen verpflichtet, so Tillich. Er sprach zugleich die demografischen Herausforderungen an und würdigte die Rolle der Christen in Sachsen, die nach seiner Beobachtung wie „selbstverständlich“ Verantwortung übernehmen würden. Dem Landesbischof wünschte er viel Gesundheit, Kraft und Gottes Segen die Aufgaben in diesem Land in guter Partnerschaft anzugehen.

Bischof Joachim Reinelt schloss sich den Glückwünschen an und betonte, dass er sich darin auch der Unterstützung der Gemeinden sicher sein kann. Er persönlich sei in drei Wechsel der Landesbischöfe „nie enttäuscht worden“. Im Vergleich zu vor 60 Jahren sei die Zusammenarbeit „selbstverständlich geworden“. Reinelt wünsche sich weiterhin eine „herzliche Verbundenheit, um die Liebe Christi in diesem Land zu verwurzeln“.
Weitere Grußworte überbrachten seitens der Kirchenbünde der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Uwe Michelsen (Hamburg), Mitglied des Rates der EKD, und Dr. Friedrich Hauschildt, Leiter des Amtes der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).
Der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), hatte Landesbischof Bohl zuvor in einem Glückwunschschreiben gewürdigt:

"Sie repräsentieren seit etlichen Jahren eine ostdeutsche, eine sächsische, eine lutherische, eine von diakonischen Erfahrungen geprägte Stimme, in der Sache klar mit reflektierter Leidenschaft", schreibt Friedrich. In den Gremien erlebe er Bohl als "nachdenklichen, nach den richtigen Deutungen und Handlungen fragenden Zeitgenossen". "Ich sehe die sächsische Landeskirche unter Ihrer Leitung als einen wichtigen Grundstein der gesamten VELKD. Ich freue mich sehr auf unsere weitere Zusammenarbeit - und darauf, Ihre unverwechselbare Stimme wahrzunehmen."
Um nicht die „60“ zu stark in den Vordergrund zu stellen, teilte der Präsident des Landeskirchenamtes, Dr. Johannes Kimme, die bisherige Lebenszeit in jeweils 30 Jahre und las stellvertretend für die ersten Jahrzehnte eine frühe Beurteilung aus Bohls Vikariatszeit vor, wo ihm Aufgeschlossenheit für Neues und soziale Kompetenz bescheinigt wurde. Mitte der neunziger Jahre sprach sich Jochen Bohl selbst für eine „einladende Kirche“ und für eine „Kirche für die Schwachen“ aus. „Kirche öffnen – nicht schließen“, fasste der Präsident Bohls Programm zusammen.

Dr. Kimme überreichte ihm anschließend eine Festschrift mit ausgewählten Predigten des Landesbischofs. Bohl selbst erinnerte sich in seinem persönlichen Wort am Festtag an einen Zwischenstopp 1995 in Dresden, wo der Wiederaufbau der Frauenkirche gerade begonnen wurde. Der Erfolg dessen sei ihm nicht vor Augen gewesen, umso mehr später die Freude über das gemeinsam Erreichte. So hoffe der Landesbischof an diesem Tag weiterhin auf ein gutes Zusammenwirken: „Wir sind eine starke Gemeinschaft, da wir zur Hoffnung berufen sind.“
Synodalpräsident Otto Guse fiel an diesem Tag die besondere Rolle zu, weil er neben der Begrüßung zur Andacht moderierend durch das Programm des Empfangs führte.
Nach dem Grußwort von Superintendent Andreas Stempel (Meißen), stellvertretend für die Superintendenten, würdigte Oberkirchenrat Christian Schönfeld, Nachfolger von Bohl als Chef der Diakonie Sachsen, Jochen Bohl als „Schrittmacher des Sozialen“, auf dessen Wirken in der Diakonie dankbar zurückgeblickt würde.
Im Vorfeld des Geburtstags erbat sich der Landesbischof statt Geschenke eine Spende für das Programm „Cash for Work“ zum Wiederaufbau in Haiti, das arbeitslose Katastrophenopfer einsetzt und ihnen für ihre Arbeit ein Entgelt zahlt.
Die Kollekte am Ausgang der Andacht wurde ebenfalls zugunsten der von Diakonie Sachsen besonders empfohlenen Aktion gesammelt.(19.4.2010)


