Navigation überspringen

Aktuelles

19. Juni 2011

Erste Gesamtsicht sächsischer Kirchenglocken erschienen

Werk über: „Glocken in Sachsen – Klang zwischen Himmel und Erde“

Bild: Buch cover (Foto: eva Leipzig)

DRESDEN – „Das Buch ist als Ermunterung für Kirchgemeinden gedacht“, so der Autor Dr. Rainer Thümmel, der als sächsischer Glocksachverständiger ein einzigartiges Werk mit Beschreibungen, zahlreichen Abbildungen und Auflistungen der über 3.800 Glocken auf 432 Seiten vorgelegt hat. Beim ersten Durchblättern des zusammenfassenden Werks dürfte dem Leser allerdings weniger Ermunterung aufkommen als Erstaunen über die akribische Darstellung sächsischer Glockengeschichte und den gegenwärtigen Zustand. Da hier auch die im 2. Weltkrieg 1.443 vernichteten Glocken zum ersten Mal aufgeführt werden sowie die derzeitige Herausforderung für Kirchgemeinden, wiederum die eisernen Ersatzglocken ersetzen zu müssen, kann der Leser schließlich das motivierende Anliegen des Autor nachvollziehen.

Mit diesem umfangreichen und gut ausgestatteten Werk über die Glockengeläute in den Gemeinden der Landeskirche schließt Dr. Thümmel eine seit Langem bestehende Lücke in der Literatur über die Ausstattung sächsischer Kirchen.

Bild: Glockenweihe von drei Glocken in Bockau

Neben interessanten Details über Werkstoffe, Guss und Gießer der Glocken wird anhand ausgewählter Beispiele von Einzelglocken und Geläuten im Zeitraum des 13. bis zum 21. Jahrhunderts zugleich auch ein Stück sächsischer Kulturgeschichte vorgestellt. Zahlreiche Farbaufnahmen des Radebeuler Fotografen Klaus-Peter Meißner unterstützen das Anliegen des Autors. Wissenswertes zum Geläuteaufbau, zu Wartung, Instandsetzung und Erneuerung der Glockenanlagen, zur Glockendenkmalpflege bis hin zu Turmuhren wird den Lesern in gut verständlicher Form übermittelt. Der Band dient somit zugleich als Wissensspeicher und Gedenkbuch.

Bild: Glockenzug im erzgebirgischen Cranzahl

Neben der Retrospektive bleiben die aktuellen und sehr lebendigen Bemühungen der Kirchgemeinden, ihren Glockenbestand zu sichern und in eine nachhaltige Nutzung für Gottesdienst und Gebet zu führen. Tatsächlich werden fast wöchentlich neue Glocken unter öffentlicher Anteilnahme durch Städte und Dörfer zum Kirchturm gefahren. Glocken sind in Rohstoff, Herstellung, Zier und Aufzug vielleicht teuer wie nie zuvor. Dennoch schaffen es diese identitätsstiftenden Sympathieträger, die Herzen und damit die Bereitschaft der ganzen Gemeinde zu gewinnen, um die materiellen Kosten aufzubringen. Immerhin konnte mit den 430 neuen Glocken in den letzten gut 20 Jahren mehr gesichert werden als in der Zeit zwischen 1946 und 1989 (360), obwohl sich die Kosten inzwischen verdreifacht haben. Gerade kürzlich war das größte sächsische Geläut an der Dresdner Kreuzkirche nach längerer Überprüfung und Sanierung pünktlich vor Beginn des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentages in der Elbestadt wieder zu hören.

Bild: 500. Glockenguss in Lauchhammer

Besonders der Neuguss von mehreren Glocken ist immer ein großer Ereignis für einen Ort. Da wird geplant, gesammelt, der Glockenguss in der Gießerei mit verfolgt und die Glocken schließlich in einem Festumzug zur Kirche begleitet. Glockenweihe, Glockenaufzug und das erste Läuten sind dann weitere Höhepunkte. Häufig wird zudem ein stählerner Glockengestühl nach altem Vorbild mit einem hölzernen ersetzt und der Turm saniert. An diesem Wochenende wurden im erzgebirgischen Lößnitz drei neue Bronzeglocken mit Pferdegespannen angefahren und am Sonntag geweiht. Der Einbau und das erste Anläuten lassen allerdings noch wegen der anstehenden Umbauarbeiten im Turm auf sich warten.
Jede Glocke ist im Grunde ein Unikat und eine „Persönlichkeit“ mit Namen, Gesicht (Zier) und Klang. Derzeit wird die Zier von drei Bronzeglocken für die Werdauer Marienkirche angefertigt und in die südbrandenburgische Glockengießerei nach Lauchhammer gebracht. In Sachsen wirkten117 Glockengießer, über die das Buch ausführliche Beschreibungen enthält. Ebenfalls interessant, derzeit liegt der Anteil der Bronzeglocken bei 58 Prozent. Er wird höher sein, wenn zur bestehenden kleineren Bronzeglocke in Werdau, die drei neuen Glocken die bisherigen Eisengussglocken ersetzen.

Zur Person: Dr. Rainer Thümmel war nach dem Studium an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg zunächst im Bereich Forschung und Technik in der Industrie und anschließend als Mitarbeiter in zwei wissenschaftlichen Institutionen in Dresden tätig. 1985 wechselte er in den Dienst der sächsischen Landeskirche. Mit der Inventarisierung des Glockenbestandes unter seiner Leitung begann die Neuorganisation des hiesigen Glockenwesens. In Anerkennung dieser Arbeit wurde er 1997 zum Sachverständigen für Geläute und Turmuhren bestellt und 1999 in den Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen gewählt. Aufgrund seiner Erfahrung bei der Sanierung denkmalgeschützter Geläute, plante und begleitete er engagiert im Auftrag der EKD in Italien die Sanierung des Geläuts der Christuskirche in Rom.
Dr. Thümmel hatte die Gelegenheit, sein gerade erschienendes Buch in Messehalle 2 auf der Bühne der Kirchentagsbuchhandlung während des Kirchentages vorzustellen.

Rainer Thümmel
Glocken in Sachsen
Klang zwischen Himmel und Erde
432 Seiten [18 x 27 cm] zahlreiche Abb.
HC/FH
EUR 38,00 [D]
ISBN 978-3-374-02871-9
2011 (Neuerscheinung)

Evangelische Verlagsanstalt

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps