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Aktuelles

2. Dezember 2016 - MÜGELN

Neue Heimat für zweite Heuersdorfer Orgel

Im Südraum Leipzigs verschwanden 23 Ortschaften und mit ihnen elf Kirchen

Bild: Baermig-Orgel auf der Empore von der Börtewitzer Kirche

MÜGELN - In Börtewitz bei Mügeln, nördlich von Oschatz, wurde kürzlich in Gegenwart des Kirchenvorstands der Kirchgemeinde und der Orgelbauer ein besonderes Instrument durch den Orgelsachverständigen Bernhard Müller aus Borna abgenommen. Es handelt sich um die 1867 von Gotthilf Bärmig erbaute Orgel aus dem Heuersdorfer Ortsteil Großhermsdorf bei Borna. Als nach langem Widerstand der Ort Heuersdorf aufgrund des vorrückenden Braunkohleabbaus aufgegeben werden musste, erregte 2007 besonders die Umsetzung der alten Emmauskirche nach Borna viel Aufsehen.

Weniger bekannt ist das Schicksal der Taborkirche im Ortsteil Großhermsdorf (Heuersdorf). Diese wurde lediglich dokumentiert und zum Abriss freigegeben. Die im April 2009 ausgebaute Orgel lagerte seitdem bei der Orgelbaufirma Bochmann in Kohren-Salis. Nachdem die Teile nur knapp einer Beschädigung durch das Hochwasser 2013 entgingen, fand sich schließlich in Börtewitz ein geeigneter neuer Aufstellungsort

Nach sorgfältiger Überholung wurde das gut erhaltene kleine Instrument mit acht Stimmen auf der ebenfalls sanierten und aus optischen Gründen etwas erhöhten Orgelempore aufgestellt. Die schlichte Farbfassung orientiert sich an der Innenraumgestaltung der Börtewitzer Kirche. Die kleine Kirchgemeinde trug eine beachtliche Summe zur Finanzierung der 60.000 Euro Gesamtkosten bei, den größeren Teil übernahm die Landeskirche. Am 2. Adventssonntag, 4. Dezember 2016, soll die Orgel um 10:30 Uhr in einem festlichen Gottesdienst wieder in Dienst gestellt werden. Dazu wurden auch ehemalige Heuersdorfer eingeladen.

Bild: Herstellerschild über dem Spieltisch an der Baermig Orgel

Mit dem Übergang vom Tief- zum Tagebau bei der Braunkohlengewinnung Ende des 19. Jahrhunderts und des erhöhten Flächenbedarfs mussten weite Naturräume und alte Kulturlandschaften weichen, seit 1924 ganze Dörfer. Im Südraum von Leipzig sind bis heute 23 Ortschaften und mit ihnen elf Kirchen verschwunden. Über deren Schicksal gibt eine Tafel in der geretteten Emmauskirche in Borna Auskunft. Nicht nur Menschen wurden entwurzelt, auch für wertvolle Kulturgüter aus abgebrochenen Kirchen und anderen Baudenkmälern begann eine Wanderschaft ohne Ziel.

Altäre, Kanzeln oder Orgeln, die für einen konkreten Ort geschaffen wurden, lassen sich nur schwer in einen anderen Ausstattungszusammenhang integrieren. Oft wechseln die Objekte deshalb mehrfach den Standort, was ihrem Erhaltungszustand nicht unbedingt zuträglich ist, oder geraten in Depots in Vergessenheit.
Den „Rekord“ hält sicher die 1799 von dem Leipziger Johann Gottlieb Ehregott Stephani erbaute Orgel aus Kreudnitz. Nach der Devastierung des Ortes 1967 stand sie einige Jahre in der katholischen Kirche in Deutzen, später in Stralsund und dient heute im Dom von Halle als Interimsinstrument. Nach der Restaurierung der großen Domorgel wird die Stephani-Orgel wohl wieder auf Reisen gehen müssen.

Ein anderes und mehrfach für seine Klangschönheit gerühmtes Instrument, von Emil Wiegand im Jahr 1858 für Ruppersdorf bei Borna geschaffen, wurde vor dem Abriss des Ortes 1957 nach Stollberg versetzt und harrt seit mittlerweile 25 Jahren in den Lagerräumen einer Orgelbaufirma auf eine Wiederbelebung. Ob diese gelingt, bevor vielleicht bis 2018 in Pödelwitz im Zuge der Devastierung die nächste „Braunkohle-Orgel“ ausgebaut wird?

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