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Aktuelles

17. April 2017

Dem Wunder von Leipzig auf der Spur

Was Luther und die Friedliche Revolution verbindet, fragt der Leipziger Kirchentag

Bild: Die Pfarrer Friedrich Magirius (l.) und Christoph Wonneberger (Quelle: SONNTAG, 16.4.17)
Die Pfarrer Friedrich Magirius (l.) und Christoph Wonneberger sind Zeitzeugen beim Kirchentag

Die Spuren Gottes in Leipzig muss man nach Ansicht vieler Christen nicht lange suchen. Da ist nicht nur Luthers Disputation oder Bachs Komposition, da ist vor allem die Friedliche Revolution von 1989. Der frühere Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer (1943–2014) sprach von ihr als eines »Wunders biblischen Ausmaßes«. Kein Wunder also, dass der Leipziger Kirchentag auf dem Weg (25.–27. Mai) die Friedliche Revolution in insgesamt 17 Veranstaltungen thematisiert – in Form von Stadtführungen, Podiumsdiskussionen oder Bibelarbeiten.

An den Orten des Geschehens – wie der ehemaligen Stasi-Zentrale »Runde Ecke« oder dem alten Stasi-Bunker Machern – soll der Unfreiheit im SED-Staat nachgespürt werden. Unter dem Titel »Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution« diskutieren am 25. Mai, 19.30 Uhr, im Café Telegraph Pfarrer Christoph Wonneberger mit dem Hi­storiker Rainer Eckert und dem Bürgerrechtler Uwe Schwabe über die Rolle der Kirche im Wendeherbst 1989. »Die Revolution in der DDR ist im Wesentlichen getragen worden von protestantischen Christen«, erklärt Rainer Eckert, der selbst als evangelischer Christ in Potsdam Teil der Umwälzungen von 1989 war.

Für ihn gibt es eine direkte Verbindung zwischen der Reformation und der Friedlichen Revolution. »Für uns war Luther eine Ermutigung, zu unseren Überzeugungen zu stehen und sich gegen Ungerechtigkeit und Tyrannei zu wehren«, erinnert er sich. Dass diese Revolution überwiegend friedlich blieb, habe auch am »Diskurs-Training« in den christlich beeinflussten Basisgruppen gelegen. »Es war von großer Bedeutung, dass man sich an den Satz Friedrich Schorlemmers gehalten hat ›Haltet die Fäuste still, kämpft mit Worten‹.«

Eckart kann nur staunen, wie durch die friedliche Verweigerung Einzelner eine solche »unheimliche Leichtigkeit« entstanden ist, die ein unbezwingbar scheinendes, waffenstarres System innerhalb weniger Wochen zu Fall brachte.

Das ist vor allem deshalb staunenswert, weil am entscheidenden Tag, dem 9. Oktober 1989, eine enorme Angst in der Luft lag, wie Friedrich Magirius betont. »Diese Angst saß tief an diesem Tag und machte sich in der ganzen Stadt breit«, schreibt der ehemalige Leipziger Superintendent in seinem soeben erschienenen Buch »Gelebte Versöhnung«. Magirius wird am 27. Mai, 11 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum als Zeitzeuge berichten.

Auch um die Zukunft des Gedenkens soll es gehen, unter anderem bei einem Kneipengespräch am 27. Mai, 18.30 Uhr im Café Telegraph. Hier spricht Rainer Eckart mit den Bürgerrechtlern Tobias Hollitzer und Werner Schulz sowie dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt zum Thema »In der DDR war alles besser«.

Wichtig für Eckart ist der Blick nach vorn: »Wir müssen wegkommen von der Opferzentrierung und hin zum Blick auf die, die aktiv widerstanden haben.« Das sei wichtig für unsere Demokratie in den gegenwärtigen Krisen, dass die positiven Werte gestärkt würden wie Freiheit, Menschenrechte, Gleichheit – eben durch die Erinnerung an positive Beispiele in unserer ­Geschichte.

Stefan Seidel
Quelle: DER SONNTAG, Nr. 15 | 16.4.

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