6. Mai 2005
Der 8. Mai - ein Tag der Erinnerung an den Friedensauftrag der Kirche
Das Wort der christlichen Kirchen in Deutschland soll in den Diskussionsprozess der Kirchgemeinden einfließen

... erinnern, bedenken und einstehen für Frieden
DRESDEN – Da das diesjährige Gedenken an das Kriegsende am 8. Mai 1945 auf einen Sonntag fällt, besteht in über 1.000 Gottesdiensten in den Kirchgemeinden der sächsischen Landeskirche die Möglichkeit, an das Ende der Nazi-Herrschaft und der Kriegskatastrophe zu erinnern . Für die Gestaltung der Sonntagvormittagsgottesdienste, aber auch besonderer Andachten oder Gottesdienste am Abend, sind seitens der Landeskirche Anregungen und Empfehlungen gegeben worden. Außerdem hat die sächsische Kirchenleitung auf ihrer letzten Sitzung am 30. April 2005 beschlossen, umgehend den Kirchgemeinden und Dienststellen das zuvor am 27. April gemeinsam von den christlichen Kirchen in Deutschland unterzeichnete Wort zum Ende des Zweiten Weltkrieges zuzuleiten. Den Inhalt des Papiers mit dem Aufruf, „Wer das Gedächtnis verliert, verliert die Orientierung“, sollen die Gemeinden und ihre Mitarbeitenden sowohl in den innerkirchlichen als auch in den gesamtgesellschaftlichen Diskussionsprozess mit einbeziehen.
Um einen Impuls zu einem konstruktiven Prozess für ein zukunftsgerichtetes Gedenken und Erinnern in den Gemeinden in Gang zu setzen, hatte der Dresdner Oberlandeskirchenrat Dr. Christoph Münchow Ende März im kirchlichen Amtsblatt „Gedanken zum Gedenken am 8. Mai 2005“ veröffentlicht. So gab es bereits entsprechende Themenabende und Gedenkveranstaltungen, aber auch Planungen zu Aktionen, die über den gemeindlichen Rahmen hinausgingen.
Die Landeskirche war an der Kranzniederlegung und an der Gedenkveranstaltung aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers in Zeithain am 23. April beteiligt. Ebenfalls begleitete sie zuvor in Kamenz die Initiative zur Bewahrung des Gedenkens an die Opfer faschistischer Gewaltherrschaft an der Gedenkstätte auf der Hoyerswerdaer Straße am 19. April, an der auch Superintendent Wolfgang Müller teilnahm. Die Sebnitzer erneuerten einen Gedenkstein, der an den Todesmarsch von Häftlingen aus dem KZ-Außenlager am Chemiewerk Schwarzheide erinnern soll. Dieser Gedenktag als „Pilgerweg der Jugend“ wurde maßgeblich von der dortigen Kirchengemeinde, dem Kirchenbezirk Pirna und dem Landkreis Sächsische Schweiz vorbereitet und stand unter dem Leitwort: „60 Jahre Kriegsende: Erinnern, Bedenken, Einstehen für Frieden“.
Am 8. Mai selbst, soll bei Leipzig zwischen Borsdorf und Wurzen ebenfalls an einen Todesmarsch von KZ-Häftlingen erinnert werden. In der evangelischen Kirche von Gerichshain hält die Junge Gemeinde dazu ein Friedensgebet.
Einen Tag zuvor, am 7. Mai, findet bereits eine zentrale Veranstaltung zum Gedenken des 60. Jahrestages der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur in Kamenz statt. Für 9:30 Uhr ist ein ökumenischer Gottesdienst in der Klosterkirche St. Annen angesetzt, zu der das Landratsamt und die beiden Kirchen einladen.
Landesbischof Jochen Bohl wird am 8. Mai im Sonntagsgottesdienst um 9:30 Uhr in der Dresdner Kreuzkirche predigen. Dieser „Gottesdienst im Gedenken an das Kriegsende und an 60 Jahre Frieden“ wird musikalisch durch den Kreuzorganist Holger Gehring und die Sopranistin Annette Frenzel begleitet. Anschließend, so die Planung, wird Bohl an der Gedenkveranstaltung des Freistaates Sachsen um 11:00 Uhr im sächsischen Landtag teilnehmen.
In der Dippoldiswalder Stadtkirche beginnt um 10:00 Uhr ein Gedenkgottesdienst. Anschließend werden unter dem Geläut der Gedächtnisglocke die Plätze des Gedenkens in der Stadt aufgesucht. Im Freiberger Dom und in der Mittweidaer Stadtkirche beginnen die Gedenkgottesdienste ebenfalls um 10:00 Uhr. Der evangelische Gottesdienst in Mittweida wird live durch den Hörfunk in MDR-figaro übertragen. Es predigt Pfarrer Johannes Grasemann.
Auch in kleineren Orten wie Ebersbach, Ponickau und Schönfeld bei Großenhain stehen die Gottesdienste unter diesem Thema.
Die zentrale Gedenkfeier der Stadt Zittau beginnt am 8. Mai um 11:00 Uhr in der Frauenkirche, wo auch der Oberbürgermeister sprechen wird. Anschließend werden auf dem Frauenkirchfriedhof an den Gedenk- und Grabstellen der Opfer des Krieges gedacht. Zwischen 12:00 und 16:00 Uhr wird der jüdische Friedhof geöffnet sein.
Im ostsächsischen Löbau findet um 16:00 Uhr in der St.-Nikolai-Kirche ein Gedenkkonzert zum Kriegsende statt.
Das Hochstift Meißen lädt an diesem Tag um 12:00 Uhr ebenfalls zu einem Gottesdienst anlässlich des Kriegsendes in den Dom zu Meißen ein. In der Predigt wird Dompropst Dieter Auerbach aus Radeberg an den Meißner Superintendenten Herbert Böhme erinnern. Dieser hatte in den letzten Kriegstagen durch sein mutiges Auftreten wesentlich dazu beigetragen, dass der weltberühmte Burg-Dom und die Altstadt nicht sinnlos vernichtet wurde. Der Gottesdienst wir musikalisch durch den Domchor unter Leitung von Domkantor Andreas Weber gestaltet.
Um 18:00 Uhr findet in der Dresdner Frauenkirche ein Ökumenischer Gottesdienst mit Chormusik der dortigen Frauenkirch-Kantorei statt.
Im Dom zu Freiberg wird um 19:30 Uhr aus Anlass des Endes der Nazi-Herrschaft ein besonderes Konzert für Orgel und instrumentaler Begleitung mit Werken von J.S. Bach, F.M. Bartholdy und Max Bruch zu hören sein. Außerdem wird an diesem Abend die Filmmusik aus dem Kinoepos „Schindlers Liste“ von John Wiliams durch das Westsächsische Kammerorchester unter Leitung von Horst Singer erklingen.
Im westsächsischen Glauchau ist nach Aussage des dortigen Superintendenten Peter Heß ebenfalls zum 8. Mai um 19:30 Uhr ein zentraler ökumenischer Gedenkgottesdienst in der Marienkirche in Vorbereitung.
Das Glockengeläut zu Gottesdienst und Gebet an diesem Tag, aber auch zur Einkehr und Umkehr kann den besonderen Charakter dieses Gedenktages dadurch besonders hervorzuheben, wenn alleine nur mit der größten Glocke geläutet wird (Bußgeläut).
- Medientipp: Um 8:00 Uhr zeichnet „nah_dran“, das Magazin für Lebensfragen im MDR-Fernsehen, ein Schicksal aus den letzten Kriegstagen nach. Wegen des Hissens der weißen Fahne am Kirchturm der kleinen sächsischen Gemeinde Gersdorf wurde Pfarrer Karl Talazko von SS-Leuten erschossen.
- 10:00 Uhr beim Hörfunk MDR-figaro. Übertragung eines evangelischen Gottesdienstes aus der Stadtkirche in Mittweida bei Rochlitz.
Die Erinnerung an die Verwüstung, an die Niederlage, aber auch an die Befreiung von der Nazi-Diktatur wird nicht auf wenige Tage oder auf den Termin des 8. Mai im kirchlichen Raum oder darüber hinaus beschränkt bleiben. Veranstaltungen in der Leipziger Thomaskirchgemeinde am 9. Mai oder in der Auferstehungskirchgemeinde am 10. Mai sind erst Auftakte in einem weiterführenden Prozess, der in die zeitliche Mitte der vom Ökumenischen Rat der Kirchen (Genf) 2001 ausgerufenen „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ führt. An dieser Dekade beteiligen sich zahlreiche kirchliche Gruppen und Initiativen, sowie Kirchgemeinden und Arbeitsbereiche der Landeskirche.
Abgesehen davon führt derzeit die regionale Bonhoeffer-Gesellschaft in Sachsen anlässlich des 60. Gedenktages (9. April 1945) der Ermordung des Theologen Dietrich Bonhoeffer im KZ –Flossenbürg eine Vorlesungsreihe an der TU-Dresden durch. Sie hatte bereits am 7. April begonnen und soll mit elf Themen und Referenten am 7. Juli 2005 mit einem Kolloquium unter Professor Roland Biewald, Dresden, abgeschlossen werden.
Häufig waren die Erinnerungen an die Bombardierungen sächsischer Städte Anfang 1945 durch alliierte Luftangriffe Auslöser für das Gedenken an die Zerstörungen im eigenen Land und dem Ende des Krieges. Ein besonderes und international beachtetes Ereignis waren dazu die Gedenkfeierlichkeiten zum 13. Februar 2005 in Dresden mit der Nagelkreuzübergabe in der Unterkirche der Frauenkirche und dem abendlichen Ökumenischen Gottesdienst in der Kreuzkirche, wo Landesbischof Jochen Bohl predigte. Er sagte damals, dass mit der Anwendung von schrankenloser Gewalt durch Nazideutschland am Ende „ein besinnungsloses Rasen“ geworden sei, das schließlich auf das Leben, das Land und Städte zurückschlug.
Wenn in den nächsten Wochen und Monaten der konstruktive Prozess des Erinnerns weiter voranschreitet, so verbindet sich damit die Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden und Versöhnung. Als Ort der Versöhnung wird nach Vollendung des Wiederaufbaus, die Dresdner Frauenkirche am 30. Oktober 2005 eingeweiht und als Nagelkreuzzentrum in Europa mit anderen Orten und ihrer Kriegsverwundungen verbunden sein.(5.5.05)
Wort der christlichen Kirchen: "Wer das Gedächtnis verliert, verliert die Orientierung"


