20. September 2005
Für Diakonie Sachsen ist Kinderarmut in Deutschland ein Armutszeugnis
Diakonie-Direktor: Kinder sind für die Zukunft der Gesellschaft unverzichtbar

RADEBEUL - „Die kommende Bundesregierung muss die Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland zum dringendsten Anliegen der kommenden Legislaturperiode machen“, fordert Diakonie-Direktor Christian Schönfeld anlässlich des morgigen Weltkindertages. „Dass mehr als eineinhalb Million Kinder und Jugendliche hierzulande in Armut leben, ist der eigentliche sozialpolitische Skandal. Armut hat negative Auswirkungen auf Gesundheit, soziale Integration und schulische Leistungen der Kinder. Wir sind mittlerweile zu einer kinderarmen Gesellschaft im doppelten Wortsinne geworden. Wie lange wollen wir es uns noch leisten, mehr als zehn Prozent jeder Generation an einen Kreislauf von Armut, geringer Bildung und Arbeitslosigkeit zu verlieren?“
Es sei eine Schande, dass Deutschland in puncto Kinderarmut in Europa derart weit vorne liege, so Schönfeld weiter. Die Diakonie Sachsen werde sich für Bedingungen einsetzen, die Kindern und Jugendlichen ein unversehrtes Aufwachsen in ihren Familien und in der Gesellschaft ermögliche. Dazu werde sie auch ihre eigenen Angebote in den Kirchenbezirken noch stärker vernetzen.
„Der Kreislauf, der kinderreiche Familien arm macht, muss unterbrochen werden. Er ist ein Armutszeugnis für diese reiche Gesellschaft. Kinder sind ein Segen Gottes und für die Zukunft der Gesellschaft unverzichtbar. Das Leben mit Kindern ist spannend und schön.“
Kinder tauchten in den Medien fast nur noch im Zusammenhang mit Armut, Kosten und Schwierigkeiten auf. „Dass das oft tatsächlich so ist, ist schlimm genug. Aber es nimmt auch jungen Menschen den Mut, überhaupt noch Kinder zu bekommen. Es fehlt an positiven Vorbildern. Wer heute einen tollen Job vorzuweisen hat, gilt etwas. Wer eine tolle Familie hat, aber einen weniger tollen Job, genießt schon weniger gesellschaftliche Anerkennung. Das muss sich ändern,“ fasst Schönfeld seine Forderung nach einem veränderten gesellschaftlichen Leitbild zusammen.
Zudem werde häufig behauptet, die moderne Gesellschaft mit ihren neuen Unsicherheiten, mit ihren Forderungen nach Mobilität und Flexibilität sei prinzipiell unvereinbar mit der Lebensform Familie. „Wahr daran ist, dass der Druck auf Familien immens zugenommen hat. Wir kriegen das in unseren Familien-, Erziehungs- und Lebensberatungsstellen täglich mit. Der Kampf ums finanzielle Überleben absorbiert oft alle Kräfte.“ Dennoch sei die Familie immer noch die am häufigsten angestrebte Lebensform. Deshalb bräuchten Familien auch alle Unterstützung. „Wir haben im Wahlkampf erlebt, wie sich die Parteien gegenseitig darin überboten, die wahren Anwälte von Familie und "moderner" Familienpolitik zu sein. Gleichzeitig bekommen Familien plötzlich das Fahrgeld für den Bus zur Schule nicht mehr erstattet. Für manche Eltern ist damit der Besuch ihrer Kinder in einer höheren Schule im Nachbarort nicht mehr finanzierbar. Da stimmt ja wohl nichts mehr.“
Schönfeld plädiert dafür, wenn sich in den nächsten vier Jahren nichts ändere, es bei der nächsten Wahl so zu machen wie die Brasilianer: „Die haben quer über ihren Wahlschein einfach „Feija pretto“, schwarze Bohnen, geschrieben. Wir sollten dann einfach „Familie“ drüberschreiben. Dann gibt es vielleicht auch bald ein Familienwahlrecht.“(DW-19.9.5)


