Navigation überspringen

Aktuelles

21. September 2006

In Leipzig ging viertägiger Theologenkongress zu Ende

Mit Mut und Vertrauen

Bild: Professor Herbst während seines Grundsatzvortrages
Professor Michael Herbst, Greifswald

LEIPZIG - Mit einem Grundsatzvortrag zum Thema „Evangelisation in Theologie und Praxis“ von  Prof. Michael Herbst (Greifswald) und einem Abendmahlsgottesdienst endete am Mittwoch der viertägige  Theologenkongress in Leipzig, zu dem sich auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste  880 Theologinnen und Theologen aus ganz Deutschland und dem Ausland zu Erfahrungsaustausch und Perspektiventwicklung für eine Kirche der Zukunft getroffen hatten.

Am Beispiel englischer Gemeinden, die unter derselben Entwicklung  von Finanzkrise und galoppierender Entkirchlichung leiden wie sie sich in der  deutschen Volkskirche gerade abzeichnet, verdeutlichte Herbst, wie diakonisches Handeln zum evangelistischen Brückenschlag werden kann und zugleich bestehende Gemeinden aus ihrer Binnenorientierung  befreit. Dabei gelte es, im Gespräch mit Gott herauszufinden, wo Christen einer Gemeinde sich „heilsam und ohne Taktik“ zugunsten anderer helfend einbringen könnten.  Dabei, so Herbst, gehe es nicht „um die Vermehrung der eigenen Anhängerscharen“, sondern um eine Nächstenliebe, die im Blick auf das Evangelium nicht stumm bleiben könne. Eine missionarische Kirche solle auch den Mut haben, den alten biblischen Geschichten verändernde und berührende Kraft zuzutrauen.

Als Beispiel chancenreicher Evangelisation jenseits auf schnelle Entscheidung zielender Predigtveranstaltungen, wies Herbst auf Glaubenskurse für Erwachsene  wie „Emmaus“ und „Alpha“ hin. Sie beteiligten die Gemeinde und böten Glaubensinformation, erste Erfahrungsräume und eröffneten Räume und Wege des gemeinsamen Entdeckens. In Zeiten der Ohnmacht müsse die klassische evangelistische Predigt „neu konjugiert“ werden: „Unser Predigen muss aufhören, Abhandlungen über Religionssachen zu sein“. Es gelte, so Herbst, auf die Kraft authentischen Lebenszeugnisses und die Herausforderung der biblischen Geschichten zu setzen.

Im Blick auf die in Deutschland vorgegebene Struktur der flächendeckenden in Ortsgemeinden warb Michael Herbst für den Abschied vom „Revierförsterdenken“ und für ein „Ja zum Plural“, wie es sich in der anglikanischen Kirche  in Form von  neuen, vielfältigen  Profilgemeinden jenseits der bisherigen Ortsgemeinden entwickle.(21.9.6)

Bild: Abschlussgottesdienst
Plenum in der Leipziger Peterskirche

Im Auftaktgottesdienst zum 4. Theologenkongress am 18. September in der Leipziger Nikolaikirche konstatierte Landesbischof Jochen Bohl, dass  es in den östlichen Landeskirchen einen dauerhaften Abbruch der Kirchenmitgliedschaft gebe und Christen zur Minderheit geworden seien. Dass es auch in den westdeutschen Landeskirchen unter den Bedingungen der Freiheit enorme Abbrüche gegeben habe, sei besonders beunruhigend. Bohl warnte  die Kongressgemeinde vor Resignation angesichts sinkender Mitgliederzahlen und einer geistigen Krise des Landes, das durch krassen Materialismus gekennzeichnet sei und die in Gier als Lebenshaltung münde. Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer den Menschen das Wort Gottes sagen, dann helfen wir damit auch unserem Land in seiner geistigen Krise“, so Bohl. Das Evangelium wecke Barmherzigkeit, den Wunsch zu teilen und schaffe tragfähige Gemeinschaft. [ Predigt ]

In den zwei darauf folgenden Tagen hatten mehrere Foren an verschiedenen Orten stattgefunden, wo es beispielsweise um das heutige Pfarrerbild, des Transzendenten, die Bedeutung der ehrenamtlichen Mitarbeit und des diakonischen Handelns ging.
Struktur der Zukunft - Wie sieht der Gemeindedienst des Pfarrers in den kommenden Jahren aus?“ Diese Frage stand im Zentrum von Vortrag und Diskussion in der Reformierten Kirche des Forums um Profil und Leitbild pastoraler Existenz.
Johannes Berthold, Professor an der Fachhochschule für Religionspädagogik und Gemeindediakonie Moritzburg, erklärte dazu: „Wir erleben derzeit und künftig den Paradigmenwechsel von der Mehrheitskirche zur Minderheit.“ Dieser Wechsel von der Diasporakirche zur Missionskirche sei die größte Herausforderung: „Pfarrer sind reisende Apostel.“ Die Ortsgemeinde sei ein Auslaufmodell.

Wozu Kirche auch morgen nötig sei: Um diese Frage ging es auf dem dritten Forums in Leipzig am Dienstag in der Thomaskirche. Reinhard Höppner, Präsident des Evangelischen Kirchentags, gab darauf wie seine Mitstreiter eine differenzierte Antwort. Heute müsse man den Satz von Marx umdrehen, sagte Höppner: Die Welt sei bereits stark verändert. Jetzt komme es wieder darauf an, sie zu interpretieren. Dabei könne die Kirche helfen, denn mit ihrer Botschaft werde die Welt wieder verständlich
Für die Synodalpräsidentin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Gudrun Lindner, muss Kirche unter anderem ein Bedürfnis an Glauben erfüllen. Die Zahl der Menschen, denen das wichtig sei, gehe seit zehn Jahren nicht mehr zurück. Wenn aber der Grundwasserspiegel nicht mehr sinke, könne er auch wieder steigen, und die Kirche müsse zeigen: "Ohne Glauben lebt es sich schlechter!"

Im 6. Forum, wo die stärkere Bedeutung der Laien thematisiert wurde verwies der Leipziger Theologie-Professor Wolfgang Ratzmann darauf, dass sich die Kirche vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen und Einnahmen in verschiedenen Punkten ändern werde: Sie werde künftig keine "Volkskirche mit Selbstverständlichkeitscharakter" mehr sein. Auch Ratzmann geht davon aus, dass die Kirche der Zukunft stärker durch verantwortliche Mitarbeit von Laien geprägt sein wird. Das werde die Aufgaben der Pfarrerinnen und Pfarrer verändern, hin zu einem "indirekten Dienst", bei dem die Anleitung Ehrenamtlicher im Vordergrund stehe. Außerdem sprach sich Ratzmann für mehr Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Gemeindeformen aus. Bei der Reform der Kirche sollte nach Ansicht des Dozenten jedoch ihre Kernkompetenz nicht vernachlässigt werden: "Sie ist die einzige, die das Wort Gottes verkünden kann." Deshalb solle sie sich künftig mehr auf die Verkündigung etwa im Gottesdienst konzentrieren.

Diakonische und missionarische Arbeit in der Gemeinde gehören zusammen. Der Moderator des 7. Forums „Missionarische Gemeinde der Zukunft“, Pfarrer Ulrich Laepple (Berlin) fragte danach, wie Mission und Diakonie enger zusammenkommen und gegenseitige Vorurteile abgebaut werden könnten.
Christian Führer, Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche sagte, es gehe darum, an den konkreten Nöten der Welt zu arbeiten und gleichzeitig Hoffung zu verbreiten. Die Kirche müsse so sein, wie Jesus sie in die Welt gebracht hat. Führer berichtete von seinen Erfahrungen, etwa mit der seit 15 Jahren an der Nikolaikirche aktiven Erwerbslosen-Initiative sowie aus seiner Arbeit mit Jugendlichen, die schon zu DDR-Zeiten begann. Ein Schreibtisch-Konzept habe es dafür nie gegeben: "Bei uns ist die Schwelle für Rollstuhlfahrer genau so niedrig wie die für Atheisten."
Für Landesbischof Jochen Bohl, der als Vikar mit einer Diakonisse Sterbende begleitete, gehört dies zusammen. Die Diakonie ist nach seinen Worten heute in der Sozialstation angekommen, bedauerte Bohl. Es gehe um Anteile auf den Märkten des Sozialwesens, weiterhin aber auch um eine klare Profilierung der Diakonie als eine „dem Auftrag des Herren folgende Einrichtung.“ Die diakonische Dimension sei von der des christlichen Zeugnisses untrennbar, bekräftigte Bohl. Ohne die klare "Unterstreichung des gepredigten Wortes durch das getane Wort", wäre die Ausbreitung des Christentums in der Vergangenheit nicht möglich gewesen. Für die Gemeinde ergebe sich allerdings die Herausforderung, das diakonische Werk nicht einfach an die Profis abzugeben. Viele Innovationen im Sozialwesen seien schließlich immer schon von der Basis gekommen, hätten seine Wurzel im Leben der Gemeinde.

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps