22. November 2006
Bußtagspredigt des Landesbischofs gegen Lauheit und Angepasstheit
Bohl: Die heutige Versuchung ist die Selbstzufriedenheit

DRESDEN – Für Landesbischof Jochen Bohl sind Merkmale der Buße ein „veränderter Blick auf die eigene Wirklichkeit“ und die „Bereitschaft zur Umkehr“, um das Eingeschliffene und Altbekannte aufzugeben. Angesichts der Zeit des Geistes und der Logik des Wettrüstens vor 25 Jahren war der Ruf nach Frieden „ein Bußruf“. Bohl erinnerte am heutigen Buß- und Bettag in seiner Predigt in der Dresdner Kreuzkirche an diese Epoche, als in der Jugendarbeit der Landeskirche die ersten Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ getragen wurden.
Er verwies darauf, dass nach dem Ende der Friedensdekade 1981 junge Christen damit Mut bewiesen hätten und „sich in der Nachfolge Jesu Christi geleitet wussten. Beim Rückblick auf jene Zeit, wo sie sich „den eingeschlagenen Weg der Mächtigen verweigerten“, bescheinigte Bohl damit der Kirche, „nicht lau, sondern entschieden, eindeutig“ gewesen zu sein.
Der Landesbischof verschwieg in seiner Predigt nicht die vielfältigen Versuchungen zu jeder Zeit, sich an die gerade herrschenden Irrtümer anzupassen: „Immer sind wir in Gefahr, der verderblichen Kraft zu erliegen, die ihnen innewohnt. Das war vor 25 Jahren so und ist heute nicht anders“.
Bezogen auf den Predigttext im Buch der Offenbarung des Johannes sieht Bohl in der heute weit verbreiteten Form der Selbstzufriedenheit die Versuchung, aus den gesicherten Lebensumständen heraus zu meinen, den Glauben an Gott ablehnen zu können. Dahinter verstecke sich aber, so Bohl, „eine eingeschränkte Wahrnehmung, ein verengtes Gesichtsfeld“.
An die eigene Adresse gerichtet, rief er dazu auf, auch das Christsein nicht so zu leben, dass es „ausschließlich“ nur zum eigenen Nutzen gelebt wird. Der Landesbischof verweist auf die „tiefer werdenden Spaltungen in der Gesellschaft“ und auf Ausgrenzungen und appelliert an den Beitrag eines Jeden, „ein Werk der Barmherzigkeit zu tun“. In positiver Konsequenz zum diesjährigen Motto der Friedensdekade „und raus bist Du“, führte er das Beispiel der Nachcafes für Obdachlose an, weil dies ein veränderter Blick sei – „ein Blick auf den Nächsten in Liebe“./
Hintergrund: „Schwerter zu Pflugscharen“
Die Anfänge der Friedeninitiative "Schwerter zu Pflugscharen" liegen jetzt genau 25 Jahre zurück und verweisen nach Sachsen. Die Initiative erfuhr nach der Friedendekade 1981 und dem damaligen Buß- und Bettag eine besondere Dynamik. Zahlreiche Jugendliche hatten mit den unwechselbar frisch aufgenähten runden Zeichen an den Jacken persönliche Konsequenzen zu tragen. Es standen in der damaligen DDR Strafandrohungen bis hin zu Schulentlassungen auf der Tagesordnung. Grund dafür waren die 200.000 Lesezeichen und Aufnäher aus Vliesstoff, die der damalige sächsische Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider zuvor unter die Leute brachte und dann eine starke Verbreitung fanden. "Die Vertiefung und Zurüstung in friedensethischen Fragen am Ende dieser Dekade stärkte das persönliche Verhalten", erinnert sich der heutige Dresdner Oberlandeskirchenrat.
Die Konfrontation ab dem 18. November war damit vorprogrammiert, wo vor allem Mittel- und Oberschüler, aber auch Berufsschüler mit "schlimmen Folgen" zu rechnen hatten. Ihnen wurde "undifferenzierter Pazifismus als westlich importiert und verfassungsfeindlich vorgeworfen“, so Bretschneider. Ab Februar 1982 wurden aufgrund dieser Begründungen die staatlichen Gegenaktivitäten ausgeweitet, bis hin zu Maßnahmen, wo die Zeichen aus den Parkern herausgeschnitten wurden.
Aufmerksam wurden die Behörden schon vorher, als Abrüstungstage kirchlich initiiert, nicht dem verordneten Friedenwillen entsprachen. So kamen deutsch-deutsche Arbeitsgruppen zusammen, die Materialien und Impulse weitergaben. Aus dieser Arbeit ergab sich mit dem Buß- und Bettag 1980 der Zielpunkt für die erste Friedensdekade.
Um der gegründeten Friedensdekade ein öffentlichkeitswirksames Symbol zu geben, fiel dem damaligen sächsischen Landesjugendpfarrer die Skulptur von Jewgeni Wutschetitsch mit dem Titel "Wir werden die Schwerter zu Pflugscharen umschmieden" ein. Die Kopie des Originals in der Moskauer Tretjatow-Galerie steht vor dem UN-Gebäude in New York.
"Das war ein biblisches Symbol und damit unanfechtbar für das Friedenszeugnis der Christen und außerdem politisch nicht einseitig", so Bretschneider. Trotzdem war an eine normale Druckerlaubnis vor dem sich herausbildenden christlichen Friedensengagement nicht zu denken, so dass Bretschneider auf die Idee kam, über die genehmigungsfreie „Textiloberflächenveredelung“ durch eine Druckerei in Herrnhut das Motiv vervielfältigen zu lassen.
Das Zeichen begleitete daraufhin die Friedenarbeit der Kirchen in den 80er Jahren und wurde zum Symbol über die Gedenkgottesdienste ab dem 13. Februar 1982 an der Dresdner Frauenkirche hinaus. Die international beachtete Ökumenische Versammlung mit dem Motto „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in der Dresdner Kreuzkirche im April 1989 war schließlich ein Höhepunkt der Friedenskultur. Zusammen mit den Friedengebeten in der Leipziger Nikolaikirche stellten die kirchlichen Friedenskreise eine Voraussetzung für das Gelingen des demokratischen Aufbruchs am Ende der DDR-Zeit dar.


