28. Mai 2008
Kirche und Universität Leipzig gedenken Sprengung der Universitätskirche
„Die Universitätskirche wird leben“ – Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft

Gedenken am Bauzaun zum 30. Mai
LEIPZIG – Anlässlich der Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli vor 40 Jahren lädt die Theologische Fakultät am 30. Mai zu einem Universitätsgottesdienst in die Nikolaikirche ein. In dem Gedenkgottesdienst wird Landesbischof Jochen Bohl die Predigt halten und der Universitätschor unter Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm singen. Zu Beginn um 10:00 Uhr werden alle Kirchenglocken der Stadt zur Erinnerung an die mutwillige Zerstörung des Gotteshauses zu Andacht und Gebet rufen.
Im Anschluss an den Gottesdienst findet um 11:00 Uhr auf dem Augustusplatz eine Gedenkveranstaltung unter dem Motto „Die Universitätskirche wird leben“ statt, auf der Friedrich Schorlemmer die Ansprache halten wird. Musikalisch wirken Bläser des Deutschen Evangelischen Posaunentags mit, deren großes dreitägiges Fest an diesem Tag in Leipzig beginnt. Anschließend soll sich nach einem Aufruf u.a. des früheren Pfarrers der Nikolaikirche, Christian Führer, eine Demonstration für den Namen „Universitätskirche St. Pauli“ und ihrer baulichen und funktionalen Einheit als Kirche und Aula anschließen.

Hinweis auf die Gedenveranstaltung am 30. Mai vor dem Neubau
Auf der Etzoldschen Wiese (Sandgrube) in Probstheida, wo die Trümmer der Universitätskirche nach der Sprengung am 30. Mai 1968 verbracht wurden, gedenken die Evangelische und die Katholische Studentengemeinde der Zerstörung.
Um 20:00 Uhr findet in der Leipziger Thomaskirche ein Gedenkkonzert mit dem Universitätschor und dem Mendelssohnorchester statt, wo neben einer Bach-Kantate und einer Sinfonie von Schostakowitsch die Erstaufführung das für diesen Tag komponierte Auftragswerk "Epitaph" des Komponisten und Kirchenmusikers Volker Bräutigam im Vordergrund steht. Er war Assistent des damaligen Universitätsorganisten Robert Köbler. Geplant sind Grußworte des Universitätsrektors und des Oberbürgermeisters. Als Gäste werden auch Vertreter aus der Bundes- und Landespolitik erwartet.
Einen Tag zuvor ist um 11:00 Uhr in der Thomaskirche der offizielle Gründungsakt der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ vorgesehen. Unter den Mitbegründern der Stiftung sind u.a. Professor Dr. Martin Petzoldt als 1. Universitätsprediger der Universitätsgemeinde und die Bürgerinitiative für den Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V. Als einer der Stiftungskuratoren konnte der Dresdner Professor Ludwig Güttler gewonnen werden. Die Stiftung will bei Schaffung und Nutzung dieser Stätte wissenschaftliche, kulturelle und kirchliche Aktivitäten fördern. Dabei solle sich die Gestaltung des Innenraums weitgehend am historischen Vorbild orientieren. Eine bauliche Trennung von kirchlicher Nutzung und einer Universitäts-Aula lehnt sie ab.
Im Festsaal des Alten Rathauses findet am 29. Mai um 14:00 Uhr ein Kolloquium zur Geschichte und den Folgen der Sprengung der Universitätskirche statt. Mehrere Hochschullehrer gehen im Rahmen des Gedenkens auf die Vorgeschichte und die Hintergründe der Sprengung sowie auf ideologische und rechtliche Fragestellungen ein. Nach dem Vortrag des Theologieprofessors Martin Petzold über den Universitätsgottesdienst als christlich-spirituelle Chance inmitten eines „universitären Wissenschaftsbetriebs“ stehen die Beiträge zur Diskussion.
Im Neuen Rathaus ist im Zusammenhang des Gedenkens eine Ausstellung über Erinnerungen von Zeitzeugen zu sehen.
Um 19:30 Uhr findet in der Alten Börse am Naschmarkt eine Autorenlesung mit Dietrich Koch statt, der mit der Vorstellung seines Buches „Nicht geständig – Der Plakatprotest im Stasi-Verhör“ über die staatliche Repression gegen damalige Protestler erzählt.
Am 31. März hatte sich in Leipzig Landesbischof Jochen Bohl aus Anlass des bevorstehenden 40. Jahrestages der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli zu den Gründen der Zerstörung, zum Gedenken und zu offenen Gestaltungsfragen des Neubaus geäußert: „Für viele christliche Bürgerinnen und Bürger der DDR wurden spätestens durch den barbarischen Akt der Sprengung die wahren Ziele des sozialistischen Staates offenkundig und seine Legitimation tief erschüttert.“ In der sächsischen Landeskirche seien die Ereignisse unvergessen, zumal Repressionen und Willkür sich gegen einzelne, heute noch lebende Personen richteten. Für deren damaliges „unerschrockenes Bekenntnis weiß die Landeskirche sich unverändert zu Dank verpflichtet“, so Bohl.


