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Zweiter Fachtag zur Geschlechtergerechtigkeit

„Kinder, Kirche und Karriere“ Teil 2: Religions- und Gemeindepädagogik

Bild: Blick in die Runde am Fachtag in Dresden

„Würden Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn empfehlen Gemeindepädagogik zu studieren?“ Mit dieser Prüffrage fand das zweite Fachgespräch zum Thema „Kinder, Kirche und Karriere“ am 14. Januar 2016 im Landeskirchenamt statt. Organisiert war diese Veranstaltung von der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen e.V. (eaf), der Gleichstellungsbeauftragten und den Dezernaten III (Kinder, Jugend, Bildung…) und VIII (Dienst- und Arbeitsrecht…) des Landeskirchenamtes.

Bild: Gleichstellungsbeauftragte Kathrin Wallrabe begrüßt die Teilnehmer

Um eine gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche zu ermöglichen, bedarf es Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, die jungen Menschen erlauben, Beruf und Familie, sowie die berufliche Weiterentwicklung für beide Geschlechter zu vereinbaren. Abbau von Benachteiligungen und Maßnahmen zur Familienfreundlichkeit erhöhen die Professionalität des Berufes. Individuelle Lösungen ersetzen keinen institutionellen Fortschritt auf diesem Gebiet.

Diese Erkenntnisse seien schon beim vorrangegangenen Fachgespräch mit der Pfarrerschaft deutlich geworden, erinnerte die Gleichstellungsbeauftragte Kathrin Wallrabe. Dorothee Marth (eaf) hob bei der Vorstellung der Gleichstellungsatlasses  hervor, dass Frauen in Führungspositionen in der sächsischen Landeskirche besonders selten seien und Teilzeitstellen würden überdurchschnittlich in der Hand von Frauen liegen.

Bild: Teilnehmer

Das bestätigten auch Berichte und Zahlen aus dem Berufsfeld Gemeindepädagogik, die Thomas Wintermann (Referent Dez. III) vortrug. So teilten sich 581 Gemeindepädagoginnen sich 314 Vollzeitstellen. Zudem gebe es sehr verschiedene Anstellungsträger: In 300 Kirchgemeinden und in 18 Kirchenbezirken fungieren die Kirchenvorstände als Arbeitgeber, was auch eine Unterschiedlichkeit der Qualitätsstandards mit sich bringe.

Besonders trat vor Augen, dass nebenamtliche und damit schlechter bezahlte Stellen in Frauenhand liegen würden. Auf der anderen Seite scheinen wenige Männer an diesem Beruf Interesse zu haben, denn der Frauenanteil betrage 70 Prozent.  So scheinen Frauen eher bereit zu sein, geringere Stellenanteile und Verdienste in Kauf zu nehmen. Die Jugendarbeit in der sächsischen Landeskirche sei wiederum überwiegend „in Männerhand“, größtenteils von Mitarbeitern gestaltet, die auf Jahrzehnte beruflicher Tätigkeit zurückblicken können.

Bild: Dorothee Marth (aef) stellt den Gleichstellungsatlas vor

In den klassischen Alltag eines Gemeindepädagogen ließ Christian Rothe aus Radebeul blicken: Die Verknüpfung von Familie und Beruf habe „Sonnen – und Schattenseiten“. So könne schnell der Sohn zur Mithilfe geholt werden, „aber selten sei privat auch privat“, so Rothe. Nach dessen Erfahrung sei eine gute Zeiteinteilung von Nöten: „Es gibt selten ein Fertig, die Kunst sei, diesen Punkt selbst zu finden.“ Typisch sind die Zerstückelung der Arbeitszeiten und ein Arbeitsfenster häufig zwischen 8:00 und 22:00 Uhr, wenn andere Familienzeiten haben. Das mache es auch schwer, genügend Freiraum für Weiterbildungen zu finden.

Beim Fachtag zog sich die Frage nach der Partnerschaft und Familie durch alle Referate. So berichtete Ute Lämmel, Ehefrau eines Gemeindepädagogen, aus ihrer Perspektive über die positiven Aspekte des Berufs Gemeindepädagogik. Dazu gehörten die Einbindung und Beheimatung in die Kirchgemeinde, freie Arbeitszeitgestaltung für Vorbereitungen, sowie ein rechtsicherer Arbeitgeber und pünktliche Bezahlung. Wichtig sei, dass Arbeitszeiten abgestimmt werden, dass würde Konflikte aus Paarbeziehungen nehmen. Dazu gehöre auch die notwendige Klärung, was Haupt- und was Ehrenamt sei.

Bild: Teilnehmer

Der Berufsverband, vertreten durch die Vorsitzende Maja Härtel und Olaf Reinhart (Stellvertreter), stellte anhand der Fakten einige Vorschläge zur Diskussion:
Ein wichtiges Anliegen sei, dass Vollzeitstellen eingerichtet werden, die aber so zu strukturieren seien, dass auch ein Privatleben möglich werde. Die Dienstbeschreibungen sollten den realen Gegebenheiten angepasst werden. Ein freier Wochentag für die Arbeit am Wochenende bzw. an Feiertagen und je Rüstzeit sollte ermöglicht werden. Ein Notfallplan im Krankheitsfall müsste für jede Stelle erarbeitet werden. Darüber hinaus sind Fragen zum Arbeitszeitkonto und die Situation Arbeitszimmer/Sachmittel thematisiert worden.

Daraus wurde der Wunsch nach einer Handreichung formuliert, die den Kirchenvorständen zur Verfügung gestellt werden sollte sowie Angebote von Schulungen für die Kirchenvorstände. Zudem solle darauf hingewirkt werden, dass auch Teilzeitstellen, beispielsweise 50-Stellen mit Fachhochschulabschluss in der EG 9 bezahlt werden können. Im Moment ist diese Einstufung erst ab einem Stellenumfang von 75 Prozent möglich.

Aus der Perspektive der Bezirkskatechetik berichteten Christoph Schubert (Chemnitz) und Birgitt Schneider (Riesa-Großenhain). Sie gaben die Rückmeldung vieler Kolleginnen und Kollegen wieder, dass Gemeindepädagogik grundsätzlich ein sehr schöner Beruf sei. Die Zerklüftung der Dienste legen Lösungen für Stellenteilungen oder Neustrukturierungen von Arbeitsfeldern nahe. Ein gutes Verhältnis zum Kirchenvorstand sei ausschlaggebend für gelingende  Zusammenarbeit. Zudem wären Kirchenvorstände und Pfarrer entlastet, wenn sie
Unterstützung in Form von Schulungen hätten, so beispielsweise zu Arbeitsverträgen, Vertretungsreglungen, Arbeitszeitkonto u.s.w.

Bild: Blick in die Runde nach hinten

Übergreifend und zusammenfassend wird die Anstellung der Gemeindepädagogen beim Kirchenbezirk als entlastender angesehen, da dadurch größere Teams bessere Vertretungsmöglichkeiten, Spezialisierungen und fachlichen Austausch ermöglichen würden. Diese Ansicht wurde in der Diskussion bestätigt. Es gebe es gute Beispiele, wie regionale Arbeit in den Kirchgemeinden mit kirchenbezirklichen Tätigkeiten verknüpft werden können. So übernimmt ein örtlicher Seniorenkreis die Kinderbetreuung (Aufsichtspflicht), die Gemeindepädagogin hält die Fachstunde und sie muss sich nicht um das Betreuen der Kinder vor und nach der Stunde kümmern.

Weitere Vorschläge in der Diskussion waren, Frauen mehr Mut für den Beruf des Jugendwarts zu machen. Außerdem seien Angebote für (Ehe)partner hilfreich, da viele Absprachen und Flexibilität nötig seien. Alle Teilnehmenden konnten ihre Vorstellungen, Wünsche und Vorschläge in einer Tabelle, die den Beruf  mit der Lebenslaufperspektive verbindet, darstellen.

Im Zusammenhang mit der Ausbildung seien die Themen Zeitmanagement, „Nein“-Sagen-Lernen, Einführung in die KDVO, Reflektion des beruflichen Selbstverständnisses (Dienst, Amt, Ehrenamt) wichtig. Zudem wurde der Wunsch geäußert, die Möglichkeit das neu eingeführte Praktikum zu strecken, um mehr Zeit für die Familie zu haben und nicht immer einer Stelle hinterherziehen zu müssen. Der Masterabschluss  sollte auch berufsbegleitet möglich sein, damit ein Familieneinkommen während der Ausbildung gewährleistet ist.

Während der ersten Berufsjahre und bei der Etablierung werde ein gut begleiteter Einstieg gewünscht sowie Teilzeit auch bei Leitungsstellen. Klare Regelungen für Arbeitszeitausgleich, Arbeitszeitkonten seien wichtig. Ebenso die Klärung von Wegzeiten, die Bereitstellung eines Arbeitszimmers und Sachmittel (Computer). Langfristige Stellenbesetzungen, Fortbildungsmöglichkeiten, Begrenzung der Wochenendarbeit, bzw. Wochenendzuschlag, sowie Bildungsurlaub wurden als unterstützend genannt.

Wünschenswert für die späteren Berufsjahre sind alternative Berufsmöglichkeiten, die nicht mehr so stark im Kinder- und Jugendbereich stattfinden, sowie flexible Arbeitszeitlösungen (Arbeitszeitkonto, gleitender Ausstieg). Die Begleitung von Berufsanfängern, Einsatz in der Seniorenarbeit oder als Prädikantinnen oder Prädikanten wurden als Handlungsfelder genannt.
Abschließend wurde deutlich, dass die Gemeindepädagogik nicht als „Zuverdienerberuf“ gesehen werden dürfe. So solle das Credo nicht stehenbleiben: „Dieser Beruf ist in Vollzeit mit Familie nicht zu schaffen.“

Weiteres Vorgehen:

- Als erster Schritt werden die Ergebnisse des Fachtages in den Kreisen des Landeskirchenamtes beraten und können zur Weiterentwicklung der Berufsbilder beitragen.
- Eine Handreichung für die Kirchenvorstände wäre ebenfalls eine praktische Möglichkeit, die in Angriff genommen werden kann.
- Botschaft: „Toller Beruf, der gebraucht wird,  gut für Deine Partnerschaft, existenzsichernder Verdienst, nette Kollegen und Kolleginnen…“ – all das sind Botschaften, mit denen es sich für diesen Beruf werben lässt, damit junge Frauen und Männer auch zukünftig Gemeindepädagogik studieren.(27.1.2016)

Gleichstellungsatlas der EKD

HINWEIS: „Kinder, Kirche und Karriere“ Teil 3: Kirchenmusik.
15. Juni 2016 von 9:00 bis 12:00 Uhr im Landeskirchenamt.

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