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Aktuelles

Dritter Fachtag zur Geschlechtergerechtigkeit

„Kinder, Kirche und Karriere“ Teil 3: Kirchenmusik

Bild: Blick in Runde des dritten Fachtages zu Geschlechtergerechtigkeit (Kirchenmusik)

Die Kirche ist ein Frauenbetrieb. Die evangelischen Kirchen beschäftigen bis zu 80 Prozent Frauen, wie dem Gleichstellungsatlas  von 2015 zu entnehmen ist. Der Beschäftigungsanteil in der sächsische Landeskirche weist einen Frauenanteil von bis zu 70 Prozent auf.  Also: Kinder, Kirche und Karriere – kein Problem?, stand als Frage zu Beginn des Fachtages am 15. Juni 2016 in Dresden im Raum.
 
Wohl doch, die auch beim dritten Fachtag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich wurde, zu dem die Gleichstellungsbeauftragte, Kathrin Wallrabe, Landeskirchenmusikdirektor, Markus Leidenberger und Dorothee Marth, Referentin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (eaf) eingeladen hatten. Diesmal stand das Berufsfeld der Kirchenmusik  im Fokus und Kantorinnen und Kantoren waren eingeladen aus der Perspektive der Praxis zu berichten.

Bild: Teilnehmer Fachtag

Dorothee Marth, (eaf), stellte die Ergebnisse des Gleichstellungsatlas vor. Trotz des hohen Frauenanteils in der Kirche, arbeiten Frauen oftmals Teilzeit, was kein Schutz vor Altersarmut sei. In der Landeskirche  würden die Frauen auffallend bei Leitungsfunktionen fehlen, trotz einiger Verbesserungen, beispielsweise in der Landessynode.

Noch auffälliger seien die Geschlechterunterschiede, die Markus Leidenberger für die sächsische Kirchenmusik präsentierte. Martina Hergt von Arbeitsstelle für Kirchenmusik, erstellte ein Arbeitspapier zur aktuellen Geschlechterverteilung in der Kirchenmusik der EVLKS. Je niedriger der Anstellungsumfang, desto höher der Frauenanteil. Es gebe gegenwärtig 18 Kirchenmusikdirektoren und darunter keine Frau. An qualifizierten Frauen fehle es aber nicht. So gebe es 44 Männer und 43 Frauen mit C-Examen, 85 Männer und 75 Frauen mit B-Examen und 43 Männer und 13 Frauen mit A-Examen, was die höchste Qualifikation bedeutet. Aber 17 Männer und nur eine Frau würden derzeit A-Stelle innehaben. Zu beachten sei auch, dass Frauen mit höherer Qualifikation auf „niedigeren“ Stellen arbeiten. So besetzen 45 Frauen mit B-Abschluss C- Stellen, wogegen in dieser Konstellation nur neun Männer tätig seien.

Bild: Dr. Annemarie Sirrenberg

Passend zur Qualifikation (B- Abschluss)  arbeiteten 30 Frauen auf B-Stellen. Hier ist der Männeranteil deutlich höher, denn mit B-Qualifikation auf B-Stellen seien hingegen 76 Männer tätig. Eine weitere Besonderheit sei, dass nur fünf Frauen, aber 51 Männer auf diesen Stellen zu 100 Prozent arbeiten.

Wo sind die Frauen geblieben?

Dr. Annemarie Sirrenberg (A-Kirchenmusikerin auf einer B-Stelle in Neustadt/Sa.) stellte dazu drei Fragen:
Sind Kantorenberuf und Familienarbeit gut vereinbar? Wie können Kirchgemeinden helfen, die Vereinbarkeit zu verbessern? Sind Frauen in Kirchenmusikdirektorenstellen wünschenswert und wären die sächsische Kantorinnen an solchen Stellen mit Führungsverantwortung interessiert?

Elf Kolleginnen wurden daraufhin konkret befragt, ergänzt durch deren eigene Erfahrungen. Gezielt wurden Kantorinnen aus städtischen und ländlichen Bereich, Voll-und Teilzeit, mit keinen, mit ein bis zwei oder drei und mehr Kindern befragt. Leider konnte keine Alleinerziehende für die Befragung gewonnen werden.

Bild: Erläuterungen von Dr. Annemarie Sirrenberg
Kantorin Dr. Annemarie Sirrenberg

Die Hälfte der Befragten verneint die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie in diesem Beruf.
Folgende Punkte seien nachteilig: Arbeit an Wochenenden und Feiertagen, erwartete Flexibilität bei Kasualien, erwartete Mehrarbeit gerade bei Teilzeitstellen, eher geringes Einkommen, was eine teure Kinderbetreuung nicht möglich mache.
Das ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern treffe auch andere Berufsgruppen, beispielsweise im Gesundheitswesen, im Handel und der Gastronomie.

Positiv sei die frei einteilbare Vorbereitungszeit (60 Prozent) bewertet worden, dass Kinder an der Arbeit teilhaben könnten und so ihre Eltern erlebten, beispielsweise in der Kurrende und bei Gottesdiensten, dadurch werde ein gemeinsames Glaubensleben möglich.
Auffallend sei, so Annemarie Sirrenberg, dass ein typisches Geschlechterklischee zu Tage trete:
Die Kinderbetreuung werde in der Hauptverantwortung der Frauen gesehen. Trotz Talent und fachlicher Qualifikation würden die Frauen beruflich zurückstecken, um für Haushalt und Kinder da zu sein. “Ich will bei meinen Kindern sein, ihren Willen respektieren… Ich gebe meine Kinder nicht freiwillig her, opfere sie nicht gesellschaftlichen Zwängen, … das bedeutet natürlich, dass eigene Karriereanstrengungen vorerst pausieren“, so eine Aussage einer sehr talentierten jungen Kantorin. "Können Sie sich diesen Text auch bei einem Kollegen vorstellen?", fragte Kantorin Sirrenberg.

Bild: Ausschnitt aus der Fachtagsrunde

Ziel der Gleichstellungsarbeit sei es, die Risiken und Chancen gerecht aufzuteilen, sagte Kathrin Wallrabe. Die Kirche als familienbewusste Arbeitgeberin müsse Rahmenbedingungen schaffen, die Beruf und Familie ermögliche. Frauen kämen früh in eine Karriereschiene oder gar nicht, so die Erfahrung von Markus Leidenberger.
Die Vorschläge, wie Kirchgemeinden eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen könnten, wurde durch eine Befragung unter sächsischen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker durch Markus Mütze, Verband Evangelischer Kirchen Musiker (VEKM), ergänzt. 81 Personen meldeten sich zurück:

„Würden Sie Ihrer Tochter/Ihrem Sohn das Berufsziel KirchenmusikerIn empfehlen?“

Ja, sagten 25 Personen, ja mit Einschränkungen 19 Personen, 30 Personen würden diesen Beruf nicht weiterempfehlen.
Probleme und Lösungsvorschläge wurden benannt:

Arbeitszeit:
Ein freies Wochenende pro Monat würde spürbare Entlastung für Familien schaffen. Der „gewöhnliche“ Orgeldienst am Sonntag müsse nicht immer durch den Ortskantor geleistet werden.
Mehr Klarheit bei Arbeitszeitregelung werde gewünscht, dazu gehöre beispielsweise die Verteilung der Arbeitszeit auf Arbeitstage. Beispielsweise erschwere es Planungen, wenn bei Teilzeitstellen die Arbeit auf sechs Tage verteilt werde. Die Arbeitszeiten sollten sinnvoll zusammengefasst und Dienstbesprechungen könnten auch so gelegt werden, dass Arbeitszeiten von Kantoren und Kantorinnen berücksichtigt würden. Ausgleichzeiten für Feiertage seien in anderen Kirchen möglich, auch dies wurde angeregt. Schwierigkeiten bereite die hohe Erwartungshaltung der Kirchgemeinde an das Ehrenamt, besonders bei Teilzeitstellen.
Die Kasualien sollten bei Teilzeitstellen extra betrachtet werden.

Kinderbetreuung:
Da die Kinderbetreuung oftmals außerhalb der öffentlichen Kinderbetreuungszeiten anfalle, sollten die Kirchgemeinden für flexiblere Öffnungszeiten der Kindertagesstätten und Unterstützungsleistungen für Familien mit diesen Arbeitszeiten sensibilisiert werden.
Eine finanzielle Unterstützung für die Kinderbetreuung, die oft Mehrkosten verursache, wurde ebenfalls angesprochen.
Katharina Kimme-Schmalian widmete sich dem Familienleben im Kantorenhaushalt.

„Welche Erwartungen werden an die (Ehe-)partnerInnen und Kinder gestellt?“, lautete die Anfangsfrage.

Die Schönheit des Berufs werde nicht in Frage gestellt. Kinder würden den Beruf ihrer Mütter und Väter miterleben. Ein Spagat entstehe allerdings  durch die Vermischung von Hauptamt und Ehrenamt. „In welcher Rolle lebe ich in der Gemeinde? Wo ist die geistliche Heimat? Wenn der Ehepartner Kirchenvorstand und die Ehefrau Angestellte ist, sind Rollenklärungen elementar. Wie geht es den Kindern während die Eltern proben, singen, reden?“, so die sich daraus ergebenden Fragestellungen.
„Dein Kind ist jetzt ruhiger geworden.“ so ein wohlmeinender  Zuspruch aus der Gemeinde, der aber hellhörig werden lasse. Wenn sie begabt seien, fänden sie sich von klein auf in Kurrenden, Chören, Musikgruppen wieder. Aber wollten das die Kinder immer? Auch hier gelte: Ehrenamt soll Ehrenamt bleiben und neben der Freude an den schönen Kinderstimmen in der Gemeinde, sollten auch die familiären Bedürfnisse im Blick bleiben, ohne dass sich die Kantorenfamilie rechtfertigen müsste.

Ein Dreh- und Angelpunkt sei die gute Kommunikation mit dem Kirchenvorstand, dem Kirchenmusikdirektor und anderen Leitungspersonen. Klarheit in Absprachen, mehr Verständnis für die Belange der Kantorinnen und Kantoren wäre wünschenswert. Auch praktische Dinge, wie eigenes Arbeitszimmer und eigener PC  als Arbeitsmittel solle vorhanden sein.
‚Karriere als Kirchenmusikdirektorin‘ sei das falsche Wort, ergänzte Josephine Kupke, Kirchenmusikdirektorin (i.R.). Das Amt bedeute zusätzliche Arbeit, vor allem am Schreibtisch. Neben ausreichend kirchlichen Erfahrungen seien strukturelles Denken und Arbeiten sowie außergewöhnliche Teamfähigkeit gefragt.

Können das Frauen nicht?

„Die Zeit als Kirchenmusikdirektorin war die schönste Dienstzeit in meinem Leben.“, sagt Josephine Kupke. Allerdings: „Bei Frauen mit Familie hielte ich es für gut, wenn die eigenen Kinder möglichst aus der Schule sind und der Ehepartner die Belastungen mitträgt.“
Katharina Kimme-Schmalian würde das Kantorenamt Mädchen eher nicht empfehlen.
Dass Unternehmen, sicher auch Institutionen wie die Kirche, von Frauen in Leitungsämtern profitieren, stellte Annemarie Sirrenberg mit der Studie über die Wirkung von Frauen in Aufsichtsräten (BMFSFJ, 2011) dar.

In der Diskussion auf dem Fachtag wurde deutlich, dass in der Landeskirche wenige weibliche Bewerberinnen für Leitungsstellen eher tendenziell männerbevorzugenden Auswahlgremien gegenüberstehen.
Handlungsbedarf sei auf verschiedenen Ebenen erkennbar. Weiterbildung zum Thema Personalführung für die ehrenamtlichen Kirchenvorstände und Leitungs- sowie Auswahlgremien würden immer wieder angemahnt, so auch beim vorangegangen Fachgespräch zur Gemeindepädagogik. Praxisnahe Beispiele für familienbewusste  Personalpolitik in den Gemeinden sind  gewünscht.
Aber auch das Familienbild, sowohl das Selbstbild der Frauen, als auch die Zuschreibung von Aufgaben und Fähigkeiten auf Frauen, gehöre auf den Prüfstand. Viele Frauen arbeiteten nicht freiwillig Teilzeit, wie Dorothee Marth ausführte. Leitungspersonen sollten Frauen ermutigen, sich für verantwortungsvolle Stellen zu bewerben und sich für sie einsetzen.

Ein Ergebnis der Fachtage ist, dass die Vertreter der Berufsverbände Kirchenmusik und Gemeindepädagogik zukünftig eine engere Zusammenarbeit planen, da die Themen und Problemlagen sehr ähnlich sind.
Für Kirche und Diakonie wird ein bundesweites Gütesiegel zur Familienorientierung kirchlicher und diakonischer Einrichtungen entwickelt. Die Besonderheiten in den Kirchgemeinden mit kleinen Teams, weiten Flächen, Ehrenamt und flexiblen Arbeitszeiten sind bei Lösungsansätzen im Blick, die auch in der sächsischen Landeskirche nützlich sein könnten.(17.6.2016)

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