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„Brot für die Welt“ unterstützt auch „dauerhafte Landwirtschaft“

Städtische Gärtnereien in Kuba nicht nur für die Selbstversorgung wichtig

Bild: Blick in einen städtischen Garten mit Beeten in Autoreifen (Foto: Marius Zippe)

Von Marius Zippe, Ökumenische Diakonie Sachsen

Damit es in Kubas Städten ein besseres Nahrungsmittelangebot gibt, sprießen zwischen Häusern und auf Brachen Obst- und Gemüsegärten aus dem Boden. „Brot für die Welt“ fördert  Fortbildungen für diese städtischen Gärtnereien.

Ein „Paradies der Reifen“? Dieser Name klingt im ersten Augenblick widersprüchlich; weckt doch ein Paradies nicht unbedingt Vorstellungen von angehäuften Altreifen. Aber Vater Orelvis Bernal Rivero und sein Sohn haben ihrem 343 Quadratmeter großen Gartenreich nun mal  jenen wundersamen Namen gegeben. Mit gutem Grund: Rund 150 ausgediente Reifen holten sie von Müllhalden oder fischten sie aus Flüssen. Im Garten finden sie vor allem Wiederverwendung als Beeteinfassungen. Ebenso werden aus Styroporabfällen Bausteine geschnitten, um den Brunnenschacht auszubauen.

Das Ganze hat System: Die Familie bewirtschaftet ihren Garten im zentralkubanischen Sancti Spiritus nach den Prinzipien der Permakultur. Der Begriff leitet sich von „permanent agriculture“ her, zu deutsch, „dauerhafte Landwirtschaft“. Damit soll auf das Gebot der Nachhaltigkeit verwiesen werden. Die Schonung von Ressourcen und möglichst geschlossene Naturkreisläufe gehören zu den wichtigsten Zielen. Chemiedünger und Unkrautgifte sind tabu. Gartenabfälle werden zum Beispiel zu Komposterde gewandelt, Sägespäne auf dem Boden verstreut, um ihn feucht und nährstoffreich zu halten.

Bild: Gartenreich in Autoreifen (Foto: Marius Zippe)

„Im Permakultursystem wird alles genutzt und wiederverwertet“, sagt Sohn Orelvis Bernal Fiallo.  Er führt Besuchern auch gerne den natürlichen Wasserfilter vor, die Solarküche oder den Fischteich. Seit 2010 zauberte die Familie auf der ehemals vermüllten Fläche ihr kleines Paradies, in dem Bananenbäume Schatten spenden und Kaffeebüsche wachsen.  „Wir haben immer ausreichend zu essen und produzieren so viel, dass wir verkaufen können“, sagt Orelvis Bernal Rivero.

Städtische Gärtnereien sprießen in Kuba seit den 90er Jahren vielerorts aus dem Boden. Alleine in Sancti Spiritus gibt es über zwei Dutzend. Die Flächen sind bis zwei Hektar groß. Zum Teil werden sie als kleine Unternehmen betrieben, die auch Schulen und Kindergärten beliefern, andernorts werden sie in kleinen Hinterhöfen angelegt. Die Radiojournalistin Maricela Torres Falcón nutzt zum Beispiel den Dachgarten ihres Haus in Sancti Spiritus für den Anbau von Radieschen, Tomaten, Salat oder Rucola; alles streng nach den Prinzipien der Permakultur. Auch das Haus wurde umgebaut, um Energie zu sparen. „Wir konnten viel Geld sparen und haben davon zwei Touristenzimmer eingerichtet“, berichtet sie.

Sehr niedrige Löhne und die anhaltende Mangelwirtschaft zwingen viele Kubaner in die Selbstversorgung. Zudem öffnete die kommunistische Regierung mit den Bauernmärkten jenseits der Staatswirtschaft eine Nische, wo Obst und Gemüse verkauft werden können. Zwar muss Kuba noch immer einen großen Teil seiner Lebensmittel teuer importieren und das Land hat sich vom Zusammenbruch seiner Wirtschaftsbeziehungen zu den einstigen Ostblockstaaten nicht erholt.

Aber mit dem städtischen Ackerbau erhielt die Versorgung mit Obst und Gemüse in den Städten neuen Schwung. Wie andere westliche Nichtregierungsorganisationen förderte „Brot für die Welt“  in den vergangenen Jahren  über kubanische Partner Fortbildungen zur Bewirtschaftung von Gärten. Eine Kooperation gibt es zum Beispiel mit der kubanischen Foundación Antonio Núñez Jiménez. Die nach dem kubanischen Höhlenforscher, Revolutionär und Politiker benannte Stiftung für Mensch und Natur setzt sich insbesondere für die Verbreitung der Permakultur ein und fördert zahlreiche Projekte.

Die Stiftungsmitarbeiterin Cari Cruz berichtet, dass australische Experten in der zweiten Hälfte der 90er Jahre auf Kuba für die Permakultur warben und die Methoden für die Bewirtschaftung kleiner Parzellen in Hinterhöfen empfahlen. Die Stiftung bildete in den Folgejahren so genannte Promotoren aus, die das Wissen ihrerseits weitergeben sollen. Zudem werden die kleinen Permakultur-Paradiese auch materiell unterstützt. „Die Idee stärkt Familien, den nachhaltigen Aufbau des Gemeinwesens und trägt zur Verbesserung der Beziehung vom Menschen zur Natur bei“, sagt Cruz.

In Sancti Spiritus führt Roger Santiesteban über seine 2.000 Quadratmeter großen Permakultur-Gärtnerei. Viele verschiedene Pflanzen, darunter wohlriechende Heilpflanzen, Gewürze und Blumen, stehen in geraden Reihen. An der Vorderseite zur Straße wird in einem kleinen Verkaufsstand Obst und Gemüse verkauft. Stolz nennt Santiesteban die Zahl von 250 Kulturen auf der Fläche. „Die Vielfalt ist groß und wir können das ganze Jahr über ernten“, sagt er. Santiesteban und seine Frau arbeiteten ursprünglich in der staatlichen Landwirtschaft.

1994 startete die Familie mit dem eigenen Garten. 1997 hörte er erstmalig von der Permakultur und wurde später von der Jiménez-Stiftung unterstützt.  Mit den Früchten beliefert er auch Kindergärten. Die Familie, die etwas entfernt von der Gärtnerei wohnt,  möchte nun auf das Nachbargrundstück ziehen. Denn zu den Prinzipien der Permakultur gehört, dass auch das Wohnhaus in die Stoffkreisläufe einbezogen wird.

Santiesteban sagt, sie seien mit dem Garten lokal bestens eingefügt. Vom benachbarten Bauernmarkt erhielten sie verfaulte Früchte zur Kompostierung, ebenso Mist von Tierzüchtern. Zudem produzierten sie Samen, zum Beispiel für Weiße Radieschen oder Salat und tauschten das Saatgut.(31.12.2016)

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