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wahrhaftig erinnern – versöhnt leben

Landesbischof: Es sind Brücken gebaut, über die wir den Weg in die gemeinsame Zukunft gehen können

Bild: Teilnehmer am Gedenken vor der Frauenkirche

Am Abend des 13. Februar versammelten sich Tausende Dresdner und Gäste der Landeshauptstadt auf dem Dresdner Neumarkt vor der Frauenkirche, wo an der Außenfassade durch eine Lichtinstallation das Bild einer brennenden Kerze zu sehen war. Sie folgten einem Aufruf von Vertretern aus Kirche, Kultur, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft der Zerstörung Dresdens vor 64 Jahren zu gedenken.

Bild: Kammerchor der Frauenkirche auf der Bühne

Unter dem Motto „13. Februar 2009: wahrhaftig erinnern – versöhnt leben“ stand eine ganze Reihe von Veranstaltungen an diesem Tag. So war die Frauenkirche seit vormittags geöffnet und am Nachmittag war Gelegenheit zum stillen Gedenken und Aufstellen von Kerzen, bevor um 19:00 Uhr die Gedenkveranstaltung begann. Sie wurde musikalisch vom Kammerchor der Frauenkirche unter der Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert begleitet, wo unter anderem Rudolf Mauersbergers „Wie liegt die Stadt so wüst“ zu hören war.

Bild: Begrüßung von Landesbischof Bohl
Landesbischof Jochen Bohl

Landesbischof Jochen Bohl und die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz begrüßten die Menschen vor der Bühne. Bohl ging besonders auf die Gäste aus Coventry ein. Er sprach von einem „erstaunlichen und wunderbaren Geschehen unter uns“, dass aus blutiger Feindschaft gelebte Versöhnung geworden sei. An diesem Tag des Gedenkens sei man im Geist mit all jenen verbunden, die weltweit im Gebet für diese Stadt innehielten. So seien Brücken gebaut, „über die wir den Weg in die gemeinsame Zukunft gehen können“, so der Landesbischof. Er erinnerte an die Schrecken des Krieges für ganz Europa und an die bis zum heutigen Tag andauernde Trauer der Menschen. Bohl: „Wir verneigen uns vor dem Schmerz, den sie erlitten und leiden, und wir unterscheiden nicht nach der Nationalität oder der Religion der Trauernden“.

Bild: Dr. Hans-Jochen Vogel hält seine Gedenkrede
Dr. Hans-Jochen Vogel

In seiner Dresdner Gedenkrede an der Frauenkirche hatte Dr. Hans-Jochen Vogel, Bundesminister a.D. und Ehrenkurator der Stiftung Frauenkirche Dresden, dazu aufgerufen, den Rechtsextremisten mit „größerer Entschiedenheit entgegentreten“. Er verwies auf die befürchteten Aufmärsche der Rechten am Tag darauf, die das nationalsozialistische Gedankengut zu beleben versuchten und in schändlicher Weise das Wort „Holocaust“ missbrauchten, um damit die Opfer des NS-Gewaltregimes zu beleidigen. Dagegen werde mit einer weißen Rose für ein Dresden demonstriert, das aus seiner Geschichte gelernt habe und in dem Extremisten nichts verloren hätten.

Wer sich wahrhaft erinnern will, müsse sich vergegenwärtigen, dass der deutsche Angriffs- und Vernichtungskrieg kein Naturereignis und erst recht kein Verteidigungskrieg gewesen sei, so Vogel. Die unumschränkte Herrschaft des NS-Regimes zeige zudem, „dass es 1933 nicht mehr genug Deutsche gab, die sich für die Demokratie engagierten“. Es ginge heute nicht darum, „Schuldkomplexe zu konservieren oder Betroffenheit zu bekunden“, sondern „ins Bewusstsein zu rufen, wo es endet, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wenn Grundprinzipien des mitmenschlichen Zusammenlebens beiseite geworfen werden“, sagte er.

Bild: Anteilnahme durch Kerzenlicht in den Händen der Besucher

Vogel ging auf die mahnende Botschaft der zerstörten Frauenkirche ein als auch auf die wiederaufgebaute Frauenkirche mit der Botschaft von Hoffnung und Zuversicht. Es sei eine „Kette von Ereignissen“ gewesen, die Freude und Zuversicht aufkommen lasse. Zuvor erinnerte er an Beispiele der Versöhnung mit früheren Opfern und Gegnern sowie an das Engagement von Friedensgruppen an diesem Ort. „Krieg, Zerstörung und massenhafter Tod sind nicht die letzte Antwort der Geschichte. Der Wille zum Frieden und zur Versöhnung ist stärker als Feindschaft und Hass“, resümiert Vogel die Kernbotschaft.

Bild: Menschenmenge vor der Bühne und der Frauenkirche

Wesentlich sei für ihn auch, dass diese Botschaft von einer Kirche ausgehe – „also von einem Ort des Glaubens, der Besinnung und der Hoffnung“. So empfinde er tiefe Dankbarkeit denen gegenüber, die diese Botschaft möglich gemacht hätten.
Am Ende der Gedenkveranstaltung vor der Frauenkirche mit Psalmlesungen, Tanz und Musik lud Bischof Joachim Reinelt (Bistum Dresden-Meißen) zum Ökumenischen Gottesdienst in die Kathedrale am Schlossplatz ein. An der Veranstaltung vor der Frauenkirche als auch am anschließenden Gottesdienst nahm auch der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich teil.

Der ganze Tag des 13. Februar, aber auch der traditionelle Friedengottesdienst (20:30 Uhr), standen unter dem feierlichen Rückblick auf 50 Jahre gemeinsame Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Coventry.
Pfarrer Dr. Paul Oestreicher, der ehemalige langjährige Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums in Coventry, hielt die Predigt im Gottesdienst. Weiterhin nahmen Coventrys Bischof Dr. Christopher Cocksworth sowie der Bürgermeister der Partnerstadt, Lord Mayor Andy Matchet, an ihm teil.

Bild: Pfarrer Dr. Paul Oestreicher predigt
Pfarrer Dr. Paul Oestreicher

Dr. Oestreicher sprach in seiner Predigt angesichts der Kriegstoten, der Rüstung und der Armut von einem „Teufelskreis der Gewalt“. Dem stellte er das besondere Geschenk der Feindesliebe Jesu gegenüber. Er fragte aber im Hinblick auf die marschierenden Faschisten Europas, wie man diese Feinde der Menschlichkeit mit Liebe besiegen könne. Oestreicher rief zur Teilnahme an der Gegendemo auf, sah aber damit „das Böse noch lang nicht mit Gutem besiegt“. Auch eine Personengruppe zu verteufeln, sei keine Lösung. Mit Blick auf „Christen, bei denen der Wahnsinn des Antisemitismus noch in den Knochen steckt“, wolle er trotzdem nicht mit der Religion brechen. So seien Beweise für tätige Feindesliebe an den großen Religionen der Welt „mannigfaltig“.

Für den englischen Pfarrer sei der Heilige Geist nicht nur auf eine unvollkommene Christenheit angewiesen. Die göttliche Liebe sei allen geschenkt worden. Jesus lehrte sie aber nicht nur, sondern lebte sie. Diese Liebe sei eine radikale Absage am Zeitgeist, wo „falschgläubige Christen“ Kriege gegen Muslime oder unter dem Etikette  „deutsche Christen“ Juden millionenfach ermordet wurden. Oestreicher verwies auf das erneuerte Denken des Paulus, dass keine Vergeltung übe.

Bild: Die zerstörte Kathedrale von Coventry
Kathedrale in Coventry

Als Beispiel nannte er die Predigt des damaligen Dompropst Howard nach der Zerstörung Coventrys, wo Howard von „nein der Vergeltung und von ja zur Vergebung“ sprach. Oestreicher erwähnte und warb für die Kollekte des Gottesdienstes, die für eine Vereinigung „Ärzte für Menschenrechte in Israel“ gesammelt wurde. Der Ärzte-Einsatz sei unter der palästinensischen Bevölkerung praktizierte Feindesliebe, tätige Liebe, aktive Wiedergutmachung, die die Feindschaft durchkreuze.

Vier Kerzen, die auf dem Altar standen, wurden zum Ende des Gottesdienstes in die Gedächtniskapelle der Kathedrale, in die Synagoge, die Frauenkirche und die Kreuzkirche gebracht, wo sie bei den vormittäglichen Friedensandachten am 14. Februar brennen werden. Danach werden sie zur Gedenkveranstaltung zum Altmarkt gebracht.

Nach dem Gottesdienst läuteten wie an jedem 13. Februar in Erinnerung an den Beginn der Bombardierung der Stadt um 21:45 Uhr alle Kirchenglocken Dresdens. Um 22:00 Uhr begann in der Frauenkirche die „Nacht der Stille“ mit „Wachen und beten für die Überwindung von Krieg, Rassismus und Gewalt“. Die Nacht mit Gesängen, Gebeten, lyrischen und biblischen Lesungen wurde ausgestaltet in Kooperation von Frauenkirche mit dem Ev.-Luth. Stadtjugendpfarramt Dresden.

Geschichte des Friedensgottesdienstes am 13. Februar

Bild: Das Friedenlicht wird aus der Kathedrale nach außen getragen
Superintendent Meis (l.) und Frauenkirchpfarrer Feydt mit den Kerzen auf dem Weg in ihre Kirchen

Die Anfänge der Ökumenischen Gottesdienste am 13. Februar liegen in den frühen 80er Jahren. Sie haben eine Wurzel auch in der Friedensbewegung in der DDR, die ab 1980 mit „Schwertern zu Pflugscharen“ auf sich aufmerksam machte. In diesem Geist rief im Oktober 1981 eine junge Frau mit dem Mut und der Unbekümmertheit einer Siebzehnjährigen in einem Flugblatt dazu auf, am kommenden 13. Februar mit Kerzen zur Ruine der Frauenkirche zu kommen, zu singen, und dann friedlich wieder nach Hause zu gehen .

Die Aktion geriet sofort unter den Druck von Staatssicherheit und Partei, in der Folge sahen sich die Kirchen veranlasst, zum Schutz der Jugendlichen für den 13. Februar 1982 zu einer Andacht, einem Gebet, einer Versammlung in ihre Räume, das heißt, in die größte Kirche der Stadt, die Kreuzkirche einzuladen. 5.000 Jugendliche folgten dieser Einladung zum „Forum Frieden“ und stellten sehr konkrete und sehr drängende Fragen zur aktuellen Militär- und Friedenssituation. Die stille Versammlung mit Kerzen an der Ruine der Frauenkirche fand danach trotzdem statt.

Bild: Kerzen vor einem Fragment der Frauenkirche

In den Folgejahren luden die Kirchen der Stadt am 13. Februar dann regelmäßig zu einem Ökumenischen Friedensgottesdienst ein, im Jahreswechsel in die größte katholische Kirche, die Kathedrale, die ev.-luth. Stadtkirche, die Kreuzkirche, sowie, nach deren Fertigstellung, auch in die Frauenkirche.
Wie die höchst ambivalente Erinnerungstradition dieser Stadt ist auch die kirchliche nicht frei von unterschiedlichen Akzentuierungen je nach den Zeitumständen, konstitutiv für die Ökumenischen Friedensgottesdienste blieben jedoch immer das Eingeständnis eigener Schuld am Unfrieden in der Welt, der Wunsch nach und die Bitte um Versöhnung und ein Ausblick für zukünftiges Hoffen und Friedenshandeln.

Städtepartnerschaft Dresden-Coventry

Die Initiative zur Verständigung ging damals von Coventry aus. Noch während des Krieges streckte Dompropst Howard in Coventry die Hand zur Versöhnung aus, nach dem Krieg wurde dieser Weg beharrlich und zielstrebig weitergegangen. Am 13. Februar 1959 bekundeten Dresden und Coventry "ihren Willen zur Zusammenarbeit, um  fortan gemeinsam für ein friedliches Miteinander der Menschen zu wirken.", wie es die Landeshauptstadt auf ihrer Webseite beschreibt. Die erste und älteste Städtepartnerschaft Dresdens war begonnen. Inzwischen pflegt Dresden Partnerschaften mit 12 Städten weltweit. Das sind neben Coventry Hamburg (Deutschland), Columbus (USA), Brazzaville (Kongo), Straßburg (Frankreich), Rotterdam (Niederlande), St. Petersburg (Russland), Ostrava (Tschechien), Salzburg (Österreich), Skopje (Mazedonien), Breslau (Polen) und Florenz (Italien).(13.2.09)

Aktion Weiße Rose, Aufruf und Veranstaltungen

Aktionsjahr Kirche für Demokratie - gegen Rechtsextremismus

Bild: Nacht der Stille in der vollbesetzten Frauenkirche

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