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LEIPZIG: Zweiter zentraler Pfarrertag 2009

„Gewissen – was ist das?“ Ein Vortag von Professor Dr. Eberhard Jüngel

Bild: Blick in St. Nikolai zu Beginn des Pfarrertages

Der diesjährige zentrale sächsische Pfarrertag hatte am 9. September in Leipzig stattgefunden. Landesbischof Jochen Bohl begrüßte am Vormittag in der Nikolaikirche fast 1.000 Pfarrerinnen und Pfarrer, darunter auch Ruheständler. Auf dem Programm standen ein Vortrag des Tübinger Professors Dr. Eberhard Jüngel unter dem Thema „Gewissen – was ist das?“ Beendet wurde das Gesamttreffen in Leipzig mit einem Abendmahlsgottesdienst in der Thomaskirche, wo der Landesbischof predigte. Zu Pfarrertagen lädt der Landesbischof jedes Jahr im September ein, wobei eine zentrale Zusammenkunft an einem Tag wie jetzt in Leipzig im Wechsel zu regionalen Treffen steht.

Bild: Beginn und Andacht mit OLKR Bauer in der Nikolaikirche

Zu Beginn des Treffens in St. Nikolai hielt der zuständige Gebietsdezernent im Landeskirchenamt, Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer (Dresden), eine Andacht. Von der sächsischen Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß, wurde ein Grußwort verlesen, da sie kurzfristig zu wichtigen Verhandlungen in Dresden bleiben musste. „Im Jahr der Jahrestage“ liege ihr der 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution „persönlich am nächsten“ und sei mit dem Ort der Leipziger Nikolaikirche verbunden. Sie verwies auf das Schild vor der Kirche „Offen für alle“ und sagte, dass Offenheit „essentiell für uns und unseren Aufbruch sei“.

Bild: Blick in die Nikolaikirche

Die evangelische Kirche sei im Freistaat eine „außerordentlich wichtige Instanz“, gerade auch im diakonischen Bereich. Das evangelische Engagement sei nicht nur unverwechselbar, sondern unverzichtbar, so Clauß. Sie betonte die Offenheit der Kirche gegenüber den Problemen der Menschen. Die Gemeinwohl-orientierten Aktivitäten vieler Menschen in den Kirchgemeinden als gelebte Nächstenliebe aus dem Geist des Evangeliums „möchte die Sächsische Staatsregierung weiterhin unterstützen", ließ die Ministerin ausrichten und ermutigte die Pfarrerinnen und Pfarrer mit der Seelsorge das Leben in Sachsen zu begleiten und zu stärken.

Bild: Professor Jüngel beim Vortrag
Professor Eberhard Jüngel

„Gewissen – was ist das?“ „Der zu Gottes Ebenbild geschaffene Mensch ist, weil von Gott auf die Unterscheidung von Gut und Böse angesprochen, verantwortlich für das, was er tut; als verantwortliches Wesen hat er ein Gewissen.“
Professor Jüngel stellte diese Aussage an den Anfang seines Vortrags, der den Begriff des Gewissens ausführlich in seiner Genese von der Antike, des späteren Christentums und unterschiedlicher philosophischer Richtungen ausführte. Bei den altgriechischen Philosophen tauche der Begriff im Sinne von Mitwissen, von Mitwissen als Täter oder vom Mitwissen von schlechten Taten anderer auf. Es sei schließlich des „Sich-seiner-selbst-bewusst-sein“. In der Bewertung könne „das Gewissen zur bösen Bestie werden, die sich gegen die eigene Person richtet“. Nach Jüngels später geäußerten These wäre sich zuvor der archaische Mensch in seinem Gegenwartsbezug nicht des Gewissens bewusst gewesen, da das Gewissen einen Vergangenheits- und Zukunftsbezug habe. Dieser Mensch lebe und sorge sich aber nur um das Gegenwärtige.

Bild: Landesbischof predigt von der Kanzel

Die andere Sichtweise und Überzeugung verstehe beim Gewissen die Stimme Gottes, die dann als überlegene Instanz als unfehlbar galt. Damit ging eine „Mystifizierung“ und „Vergöttlichung“ des Begriffs einher. Das individuelle Gewissen bekam somit eine Sonderstellung in der Gesellschaft, so Jüngel. Aus ihm könne die Problematisierung des Staates erwachsen. Er wies auf den heutigen Zustand hin, wo zudem im deutschen Grundgesetz die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert sei. Im Mittelalter führte es schon zu Konflikten, wo dann zwischen „fehlbarem Gewissen“ und „unfehlbarem Gewissen“ (göttlicher Offenbarung) unterschieden wurde. Martin Luther in seiner Rechtfertigung in Worms wurde bspw. von seinem Gegenüber ein fehlbares Gewissens vorgeworfen.

Bild: Blick in St. Tomas

Im Sakramentsgottesdienst (14:30 Uhr) wirkte der Leipziger Thomanerchor unter Leitung von Thomaskantor Georg Christoph Biller musikalisch mit Motettengesang und liturgischer Begleitung mit. In seiner Predigt ging der Landesbischof auf die Sorgen unserer Tage ein. So werde die Arbeitslosigkeit mit jedem Tag drückender. Billiger „Trost könne daher nicht unsere Sache sein und würde niemandem helfen“, sagte er. Es helfe nicht die „Mühseligen und Sorgenbeladenen“ zu vertrösten, sondern auf ein Ziel komme es an. Da mit Jesus Christus schon das Reich Gottes begonnen habe, sei er selbst das Zeichen auf das zu vertrauen ist. Damit würden sich „ganz andere Sichtweisen“ eröffnen. „Denn das Gottesreich können wir nicht planen, wie wir uns das Leben einrichten. Es kann nicht Gegenstand unserer Sorge sein, es ist vielmehr ein Geschenk an uns, das wir nur anzunehmen brauchen“, so Bohl.

Bild: Blick in dejn Innenraum der Thomaskirche
Thomanerchor im Chorraum von St. Thomas

Diesen Ruf zum Glauben hätte das Land nötig, da der „Schleier der Sorge“ die Zukunft des Landes gefährde. Der Landesbischof sprach „Ahnungen“ an, die die Parteien nicht anzusprechen wagen. So verändere sich das Klima und „wir werden den Lebensstil des bedenkenlosen Konsumierens nicht in die Zukunft verlängern können“, warnte Bohl. Er beklagte den Beginn der erneuten Jagd nach dem schnellen Geld, „während längst tiefe Risse die Gesellschaft durchziehen“. Als Antwort auf die Sorgen wie Finanzkrise, Verschuldung und die „Unerbittlichkeit des demografischen Wandels“ gebe es den Ruf zur Umkehr, zum Glauben, durch den eine Haltung möglich werde, auf das Kommen des Gottesreiches zu vertrauen und zur Zukunftsgestaltung zu befähigen.

Der erste nachweisliche Pfarrertag hatte nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1946 stattgefunden. Neben diesen Arbeitstagungen wird seit zwei Jahren im jährlichen Wechsel zum Zentralen Pfarrertag eingeladen. 2007 hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Dresdner Frauenkirche einen Vortrag. In Sachsen stehen insgesamt 700 Pfarrerinnen und Pfarrer im Dienst Landeskirche, wovon der weitaus größte Teil ausschließlich in den 780 Kirchgemeinden tätig ist. Darüber hinaus gibt es landeskirchliche Pfarrstellen mit besonderen Beauftragungen oder Teilpfarrstellen mit geteilten Aufgaben in Gemeinde und im übergeordneten Dienst. Die 21 Superintendenten sind Teil der Pfarrerschaft und kommen ebenfalls zu den Dienstbesprechungen dazu.

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