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Begegnungstag für Aussiedler am 12. September in Borna

Landesbischof: Vertrautes achten und sich neuen Herausforderungen stellen

Bild: Blick auf Bühne mit Superintendent Matthias Weismann

Mit einem Gottesdienst in der vollbesetzten St. Marienkirche in Borna ging am Nachmittag des 12. September das 13. Aussiedlertreffen der sächsischen Landeskirche zu Ende. Der Begegnungstag stand unter dem Motto „Heimat in Bewegung“ und sollte die Zugezogenen wieder mit zahlreichen Angeboten unterhalten, helfen und ermutigen. Dieser Tag war auch als Begegnung zwischen Einheimischen, von denen im Südraum von Leipzig immerhin 23.000 ihre Heimatdörfer im Zuge des Braunkohleabbaus verloren haben, und den angereisten Spätaussiedlern geplant.

Bild: Beginn des Begegnungstages mit vielen Menschen zwischen den Kirchen
Martin-Luther-Platz zu Beginn am Morgen

Im Laufe der jahrzehntelangen Devastierung verschwanden auch 18 Kirchen. Einzig die kleine und über 750 Jahre alte Emmauskirche konnte vor zwei Jahren durch einen aufwändigen Abtransport aus dem 12 km entfernten Heuersdorf gerettet und auf dem Martin-Luther-Platz aufgestellt werden. Diese Dorfkirche war zu Beginn und am Morgen des Begegnungstages Symbol für die ebenfalls aus der Heimat nach Deutschland verpflanzten Spätaussiedler, die sich zur Auftaktveranstaltung zwischen der Emmauskirche und der angestammten Stadtkirche St. Marien vor der Bühne versammelten.

„Es geht tief ins Herz, wenn Menschen ihre Heimat verlieren – auch hier“, wies Superintendent Matthias Weismann in seiner Begrüßung auf dem Martin-Luther-Platz auf die Erfahrungen der Menschen nördlich von Borna hin. Auch für die Aussiedler sei die „Heimat in Bewegung geraten“, sagte er und sprach ihnen mit Blick auf die Emmauskirche Mut zu, denn auch sie sei ein Zeichen, „dass Gott mit uns in Bewegung ist“.

Bild: Blick zur Bühne auf dem Markt
Landrat Dr. Gerhard Gey

Der frühere anhaltische Kirchenpräsident Helge Klassohn, der EKD-Beauftragter für Spätaussiedler und Heimatvertriebene ist, hielt die Andacht und erinnerte an das schwere Schicksal der Deutschen in der früheren Sowjetunion seit dem 2. Weltkrieg. Lang sei der Weg gewesen und dennoch schwer der Abschied. Viele Menschen fühlten sich zudem noch nicht richtig aufgenommen, sagte Klassohn. Für ihn gebe es in den Lebensgeschichten und allen Schwierigkeiten auch „wunderbare Erfahrungen der Gottesgüte zu erzählen“.

Landrat Dr. Gerhard Gey, gab seine Freude über die positive Kooperation zwischen dem Landkreis Leipziger Land, der Stadt Borna und dem Begegnungstag zum Ausdruck. Für ihn sei Integration mehr als nur eine gesetzliche Aufgabe und der Begegnungstag sei daher eine gute Gelegenheit das zu zeigen. Die neuen Mitbürger sollten nicht alleine gelassen werden, sondern Unterstützung insbesondere zur Selbsthilfe erhalten.

Bild: Blick auf dei Grillmeile
Der Schaschlik-Stand

Im Anschluss an den Auftakt zwischen den Kirchen, wo sich auf dem Platz Aussiedlervereine und kirchliche Werke präsentierten, gab es auch Kulinarisches wie gefüllte Teigtaschen (Tscheburek), Schaschlik sowie Kaffee und Kuchen. In der Marienkirche spielte sich ein Erwachsenenprogramm ab, wo sich in szenischen Darstellungen, in Musikbeiträgen sowie Berichten vom Umzug der Emmauskirche Mitglieder der Bornaer Kirchgemeinde und Aussiedler näher kamen.

Beim Gesprächsforum im Bürgerhaus „Goldener Stern“ am Markt/Ecke Kirchstraße kamen alte und neue Problemanzeigen der Spätaussiedler gegenüber Vertretern des Bundesministeriums des Innern, des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales, der Landesarbeitsagentur und des Amtes für Aussiedler- und Staatsangehörigkeitswesen im Leipziger Land zur Sprache. So hätten sie den Eindruck als wäre ihre Akzeptanz in der Gesellschaft geringer geworden und bei der Integration gebe es zunehmend Schwierigkeiten.

Bild: Gespräche nach dem Forum am Podium
Nachfragen an Helge Klassohn

Dazu trügen auch Medienberichte bei, die Spätaussiedler mit Straftaten in Verbindung bringen würden. Das schreckliche Verbrechen des Dresdner Messerstechers im Gerichtssaal, wo eine junge Frau starb, war auch unter diesem Gesichtspunkt mit Bestürzung aufgenommen worden. Kirchenpräsident i.R. Klassohn bestätigte, dass dieses auch von der EKD mit Besorgnis gesehen werde. Allerdings wiesen die Statistiken gegenüber dem Durchschnitt keine höhere Straftatenrate unter den Aussiedlern auf. Die EKD bemühe sich seit 30 Jahren um Begleitung und Unterstützung der Integration.

Klassohn, der auch EKD-Beauftragte für Aussiedler ist, wusste zu berichten, dass immerhin 10 Prozent der Gemeindeglieder in den westlichen und 5 Prozent in den östlichen Bundesländern diesen Migrationshintergrund hätten. 30 Prozent seien als Küster und Hausmeister und 15 Prozent als Kirchenmusiker tätig. „Die Russlanddeutschen sind angesichts dessen ein großer Gewinn“, sagte der Beauftragte. Infolge des Gesprächs machte er auch deutlich, dass die Kirche immer wieder fordere, die Sprachstandstests in Russland zugunsten von Sprachkursen in Deutschland abzuschaffen.

Bild: Zuschauer beim Jugendprogramm
Jugendliche trafen sich in der Dinter-Schule

Ein anderes Dauerthema sind die nicht anerkannten Berufsabschlüsse und Hochschulabschlüsse. Da konnte Dr. Alexander Schumacher vom Bundesministerium des Innern mitteilen, dass ein Gesetzesentwurf derzeit durch die Ministerien kursiert, der die Anerkennung regeln solle. Ein weiterer Diskussionspunkt war die Schwierigkeit intensive Sprach- und Integrationskurse mit einer Arbeitsplatzsuche und mit Bewerbungen zu verbinden. Dazu müssten sich gleich zu Beginn die Aussiedler verpflichten.

Ebenfall am Vormittag hatte in der Dinterschule ein unterhaltsames Jugendprogramm mit Band-Musik, Workshops, Talk, Tanz und Sport stattgefunden. Einige Jugendliche sind zu einer Tagebau-Exkursion mit einem Bus aufgebrochen, während andere in verschiedenen Räumen der Schule zu Workshops zusammenkamen. Gleichzeitig begann ein Volleyballturnier, an dem letztlich acht statt den angemeldeten sechs Mannschaften teilnahmen.

Bild: Kinder vor einem Basteltisch mit Kreuzen
Kinderangebote an verschiedenen Orten

Nach Aussage der Organisatoren bestand eine hohe Nachfrage nach sportlichen Aktivitäten an diesem Tag. Insgesamt waren ungefähr 300 Jugendliche gekommen, die sich in den verschiedenen Angeboten einbrachten. Um 15:00 Uhr kamen alle zur Abschlussveranstaltung in die Sporthalle zu einem bunten Programm zusammen. In der Show von einstudierten Tänzen, Pantomime oder verschiedenen Musikangeboten stand am Ende der Reisesegen.

In der Marienkirche hatte zum Abschluss des Tages ein festlicher Gottesdienst mit Landesbischof Jochen Bohl stattgefunden, der für einige Teilnehmer nach außen auf eine Leinwand auf der Bühne übertragen wurde, weil nicht genug Platz in der Kirche war. Die Kinder, für die es am Tag verschiedene eigene Programmpunkte gab, gingen zum Kindergottesdienst, während der Kirchenchor und der Bläserchor den Gottesdienst musikalisch gestalteten.

Bild: Blick in die Marienkirche
Gottesdienst in der Stadtkirche St. Marien

„Wer seine Heimat verliert, macht es nicht ohne Grund, sondern aus Not“, sagte Landesbischof Jochen Bohl zu Beginn seiner Predigt. Allerdings stand beim Predigttext im 1. Mose-Buch der Auftrag Gottes an Abraham am Anfang, sein Vaterland zu verlassen und mit seiner Verwandtschaft in ein anderes Land zu gehen. Die Konsequenzen, als Abraham als alter Mann zum Flüchtling wurde, waren allerdings dieselben wie bei anderen, die aus unterschiedlichen Gründen eine neue Heimat finden mussten. „Auf allen diesen Wegen ist ein Segen“, machte der Landesbischof den Aussiedlern Mut, der auf das Gottvertrauen des Urvaters verwies. Das Vertrauen machte Abraham stark und gab ihm Zuversicht. So wie damals ginge es auch heute darum „Vertrautes zu achten und sich neuen Herausforderungen zu stellen“.

Bild: Landesbischof Jochen Bohl predigt

Bohl sprach an, wie schwer es sei, den Kindern eine gute Zukunft zu eröffnen. Es sei ein Kampf, den es zu Bestehen gelte. Obwohl vieles beim Neuanfang schwer falle, könne für die Zugezogenen „Deutschland eine gute Heimat werden“. Sie sollten sich nicht scheuen neu anzufangen und auf andere zuzugehen. Gerade für die Jugend seien eine Ausbildung sowie Kontakte über Kirchgemeinden und Vereinen wichtig. Für einen Menschen sei es ein Glück auf Gott vertrauen zu können. „Gott spart nicht mit seinem Segen“, sagte der Landesbischof. Das sei gerade für Aussiedler eine große Hilfe.

Der von der sächsischen Landeskirche initiierte Aussiedlertag ist das größte Treffen sowie die einzige landesweite Veranstaltung speziell für diese Personengruppe. Es wird auch aus diesem Grund seitens des Freistaates Sachsen finanziell unterstützt.

Bild: Vier Frauen mit ukrainischem Tanz
Auf der Bühne war immer Bewegung

Im letzten Jahr kamen über 230 Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen nach Sachsen. Darunter waren in letzter Zeit 50 Prozent jünger als 30 Jahre. Die Situation bei der Eingliederung ist nicht nur wegen sprachlicher Hürden schwieriger geworden.
Wenn im ersten halben Jahr dieses Jahres nur 74 Spätaussiedler über das Zugangsverfahren in Sachsen aufgenommen wurden, ist die Aufnahme im Vergleich von vor sieben Jahren (6.000 im Jahr) fast zum Erliegen gekommen.

Nach den positiven Erfahrungen zurückliegender Begegnungstage, zuletzt in Kamenz im letzten Jahr, hat sich die sächsische Landeskirche erneut mit dieser Einladung an die Kirchgemeinden gewandt, damit sie auf die Aussiedler zugehen und mit ihnen zum Begegnungstag kommen. Ziel dieser Veranstaltungen ist es auch, die Zugezogenen zu ermutigen sowie eine breite Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft über die aktuellen Aufgaben der Eingliederung in Sachsen zu informieren und zu sensibilisieren.(12.9.09)

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Bild: Jugend beim Jugendprogramm

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