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Dresden beging Revolutionsgedenken am 8. Oktober

Der frühere Superintendent Dr. Christoph Ziemer predigte in der Kreuzkirche

Bild: Gottesdienstbesucher in der Kreuzkirche

Am Abend des 8. Oktober gedachten die Dresdner in der vollbesetzten Kreuzkirche in einem Ökumenischen Gottesdienst der Friedensgebete vor 20 Jahren sowie der späteren Ereignisse. Damals ging eine anschließende Großdemonstration friedlich zu Ende und ein Dialog mit der Staatsmacht begann.
Zum Gedenkgottesdienst in der Kreuzkirche luden die Evangelischen Kirchenbezirke Dresden, das Katholische Dekanat und der Stadtökumenekreis ein. „Wir und alle sind ein Teil der Geschichte“, sagte Superintendent Dr. Peter Meis (Dresden Mitte) in seiner Begrüßung und lud die Besucher ein, im Anschluss an den Gottesdienst mit dem Gang zur Prager Straße den glücklichen Ausgang des damaligen Geschehens „unter offenem Himmel“ nachzubuchstabieren“.

Bild: Blick in Kreuzkirche während der Predigt von Christoph Ziemer

„Hüte dich und bewahre deine Seele“, zitierte der frühere Dresdner Superintendent Dr. Christoph Ziemer in seiner Predigt aus der zuvor von mehreren Personen vorgetragenen Lesung des alttestamentlichen Predigttextes. Dort geht es um den Einzug des Volkes in das gelobte Land.
Er erinnerte an die Erfahrung der ersten friedlichen Beendigung einer Demonstration und an die Bildung der „Gruppe der 20“. Dabei standen für ihn bei den Auseinandersetzungen auf der Straße drei Gesten vor Augen: Die Demonstrierenden setzten sich und gaben damit sich selbst und anderen Zeit. Sie hätten damit auch zum Ausdruck gebracht, „wir stehen nicht auf, bevor nicht etwas geschieht“, so Ziemer. Die Polizei legte nach Aufforderung ihre Schilder nieder und sie seien damit zu Mitbürgern geworden. Sie zeigten mit diesem ersten Schritt der Gewaltlosigkeit die „Selbstbegrenzung der Macht“ an.

Bild: Gemeinde mit Kerzen von oben her betrachtet

Die Aussicht vom Berge, von wo aus das ganze Volk Israel den Aufbruch wagte, bezog der frühere Superintendent als „Wunder der Simultanität“ auch auf die Umbruchsituation vor 20 Jahren, wo die Kirchen halfen und neue Gemeinschaften entstanden. Es sei ein Aufbruch im ganzen Land gewesen, nicht nur in Dresden. Später weitete sich der „Blick auf das ganze Land, auf das ganze Deutschland“. Für Ziemer folgten „schnelle Verdunkelungen“ in einem Prozess, wo im Westen der ganze Bestand geblieben sei und der Osten die ganze Last des Wandels tragen musste.

Andererseits habe die bisherige Entwicklung eine „großartige Horizonterweiterung“ gebracht, gerade für die junge Generation. Mose und die Führer des Volkes durften nicht das Land betreten, wo die Gründe im Murren des Volkes und ihrer Angst vor dem Fremden lagen. In Analogie zu den Wegbereitern der Friedlichen Revolution äußerte Ziemer Skepsis, dass auch sie innerlich mit Leib und Seele voll angekommen seien. Dies sei wohl erst der nächsten Generation vorbehalten.

Bild: Am Ende des Gottesdienstes wurden Kerzen angezündet

Für den Prediger sei die Grundentscheidung des Menschen die „Wahl zwischen Leben und Tod“. Dabei stünde im Vordergrund, dem Leben gerecht zu werden und Gott über alle Dinge zu stellen. Das mache „guten Sinn“, damit sich nicht Irdisches in das Zentrum setze.

Freiheit und Gerechtigkeit sei in der gemeinsamen Spannung zu tragen, betonte Ziemer. Weder das Eine noch das Andere dürfe im Vordergrund stehen. Aus der Spannung erwachse Wahrheit. „Die Grenze, die den Menschen beschützt, dürfe nicht verletzt werden. Die Gerechtigkeit einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie es dem schwächsten Glied geht“, mahnte er zum Schluss.
Die Kollekte am Ausgang wurde für das „Ökumenische Nachtcafé“ Dresdner Kirchgemeinden gesammelt, das seit über zehn Jahren in den Wintermonaten ein Angebot für Wohnungslose darstellt.

Bild: Menschen stehen vor der Bühne auf der Prager Straße

Die in der Predigt angesprochene Spannung von Freiheit und Gerechtigkeit sollte sich nach dem „Weg auf die Prager Straße“ vor der dortigen Bühne noch auf eine subtilere Art beweisen. Bis zum Beginn der Festreden um 20:00 Uhr war ein anspruchsvoller Gesang junger Männerstimmen des Ensembles consenza vorgesehen, die dann heitere Songs vom grünen Kaktus zum Besten gaben. Daneben zeigte eine Leinwand historische Bilder und Texte zu Auseinandersetzungen von Demonstranten mit der Polizei vor dem Dresdner Hauptbahnhof. Einige Kerzenträger verstanden den Zusammenhang nicht mehr und machten ihrer Kritik mit „hört auf“ Luft. Die Freiheit fröhlich zu feiern stand plötzlich der Frage gegenüber, inwieweit sie in dieser Form dem Gedenken gerecht wird. Die Wahrheit offenbarte sich in einer missglückten Choreographie.

Bild: OB Helma Orosz spricht auf der Bühne

Immerhin waren die anschließenden Festreden von Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Ministerpräsident Stanislav Tillich sehr wohl vom Ernst der damaligen Ereignisse getragen und betonten die Bedeutung des damaligen Geschehens für die Geschichte der Demokratiebewegung und für die europäische Entwicklung. „In der späteren Sicht werden manche historische Ereignisse kleiner und manche werden größer“, brachte es der Ministerpräsident in diesem Zusammenhang auf den Punkt. Mit den Demonstrationen sei eine erste Presche in die Mauer geschlagen worden. In Plauen sei die bei der dortigen Demonstration am 7. Oktober vom dortigen Superintendenten Thomas Küttler eingeworfene Parole „Keine Gewalt!“ zum Schlüsselwort in der weiteren Lösung des Konflikts geworden, so Tillich.

Bild: Einige Vertreter der "Gruppe der 20" nach der Einweihung des Denkmals

Im Anschluss folgte die Projektion „Oktoberfilm“ von Ralf Kukula auf die Leinwand sowie an die Hauswand der langen Wohnzeile an der Prager Straße. Die Tausenden von Besucher sahen sichtlich beeindruckt die halbstündige Filmcollage zum Dresdner Oktober 1989.
Danach wurden auf der Höhe des IBIS Hotels die in den Fußweg eingelassenen Gedenktafeln mit den Namen der „Gruppe der 20“ von der Oberbürgermeisterin und dem sächsischen Landtagspräsidenten Matthias Rößler enthüllt, bevor anwesende Mitglieder der Gruppe der 20 noch zur Kreuzkirche (21:30 Uhr) zu einem Podiumsgespräch eilten. Dort versammelten sich noch 600 Menschen. Später als geplant beendete Landesbischof i.R. Dr. Johannes Hempel gegen 23:00 Uhr mit einem Abendgebet den Dresdner Gedenktag zu 20 Jahre Friedliche Revolution.(8.10.09)

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