Navigation überspringen

Aktuelles

Paroli mit Pauken und Trompeten und stilles Gedenken am 13. Februar in Dresden

Bild: Friedensgebet an Zweiter Station am Theater

Bild: Pfarrer Karl-Heinz Maischner (l.) und Katrin Göring-Eckardt auf dem Postplatz

DRESDEN – Unter den zahlreichen Teilnehmern des Friedensgebets auf dem Dresdner Postplatz waren auch über 100 Bläser der Sächsischen Posaunenmission, die mit Posaunen und Trompeten dem Aufmarsch der Nazis lautstark Paroli boten. Das Friedensgebet begann 11:30 Uhr unter dem Motto „Erinnern & Handeln“ und sollte alle Menschen guten Willens gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus zusammenführen. Aufgerufen hatten die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Amadeu Antonio Stiftung, Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen, das Kulturbüro Sachsen, die Arbeitsgemeinschaft Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus Sachsen in Zusammenarbeit mit der Superintendentur Dresden Mitte, der Sächsische Posaunenmission und Escola Popular aus der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Die Leitung hatten Pfarrer Karl-Heinz Maischner, Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung, und Ruth Misselwitz, Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.

Bild: Eine Gruppe aus der Sächsischen Schweiz

Der Aufruf fand über Sachsen hinaus Beachtung, so dass zahlreiche auswärtige Teilnehmer aus nah und fern dazukamen. So hatten sich im Vorfeld des Friedensgebetes Bischof Dr. Markus Dröge (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), Landesbischöfin Ilse Junkermann (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland) und Georg Kardinal Sterzinsky (Erzbistum Berlin) solidarisch erklärt und in ihren Kirchen zur Fürbitte aufgerufen. Sie baten die Kirchengemeinden, für Frieden und Menschenwürde, für gleiche Rechte aller Menschen ohne Ansehen der Religion, der Nationalität, der Hautfarbe, des Geschlechts und des Standes, für Stärkung gesellschaftlichen Engagements gegen Menschenfeindlichkeit und Gewalt an diesem Tag zu beten oder sich an dem Friedensgebet und der Menschenkette in Dresden zu beteiligen. Die Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Karin Göring-Eckardt, eröffnete das Friedensgebet. „Wir machen die Erinnerung anders als heute der Karnevalsverein in Weixdorf, sagte sie. Sie wünscht, dass die Heimat schön und einladend gemacht wird für andere die hier leben wollen. Göring-Eckardt verwies auch auf den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag, der im nächsten Jahr ein großes Friedensfest sein werde.

Bild: Der Zug vom Theaterplatz zur Synagoge

Ruth Misselwitz sagte: „Wir wollen zu sehen und zu hören sein gegen den Aufmarsch der ewig Gestrigen. Dem Vormarsch neonazistischen Gedankenguts wollen wir die Kraft unserer Gebete und unserer Gedanken entgegenhalten“. In verschiedenen Teilen der Andacht wurde an die Naziherrschaft als Ausgangspunkt für Zerstörung erinnert und auf neue Gefahren durch die Nazis hingewiesen. Texte wurden unterbrochen vom Trommelklang der Gruppe Escola Popular und am Ende der Bittgebete erklang Posaunenmusik. Vom Postplatz setzte sich dann der inzwischen auf 700 Personen angewachsene Zug zum Theaterplatz in Bewegung, wo für Frieden und Menschenwürde gebetet sowie an Opfer rechtsmotivierter Gewalt gedacht wurde. Der Gang wurde am Ständehaus vorbei auf der Brühlschen Terrasse Richtung neue Synagoge fortgesetzt, wo von den Vorbeiziehenden die „Schwestern und Brüder der jüdischen Gemeinde Dresden zum Sabbat“ begrüßt wurden. Am Friedensgebet nahmen auch der Synodalpräsident Otto Guse sowie die frühere Synodalpräsidentin Gudrun Lindner teil. Eine Gruppe von Kirchgemeinde-Vertretern aus der Sächsischen Schweiz reihte sich mit ein.

Bild: Tausende Menschen vor dem Dresdner Rathaus

Vor der Rede der Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz gaben die Bläser den Auftakt für die Sammlung der Dresdner, die schließlich eine Menschenkette vom Rathenauplatz an der Synagoge, entlang der St.-Petersburger-Straße über den Dr.-Külz-Ring zum Altmarkt bildeten. Neben zahlreichen privaten Unternehmen, Wohlfahrtsverbänden und Einrichtungen der Stadt hatten auch die Kirchen dazu aufgerufen, sich in die Menschenkette ab 13:00 Uhr einzureihen. Schon im Vorfeld war Landesbischof Jochen Bohl neben der Oberbürgermeisterin auf einem Plakat in einer Menschenkette zu sehen, das für Beteiligung warb.
Die Oberbürgermeisterin zeigte sich überwältigt, dass so viele Dresdner dem Aufruf gefolgt sind. Sie hätte gehofft, sich auf die Dresdner verlassen zu können. Sie erinnerte an die Zehntausende Opfer der Bombennacht, aber auch die vielen Opfer und zerstörten Städte zuvor seit Kriegsbeginn. Orosz verwies aber auch auf den Anlass des Treffens vor dem Rathaus und der geplanten Menschenkette: „Den Jung- und Altnazis stellen wir uns eindrucksvoll entgegen“, sagte sie. „Wir wollen sie in Dresden nicht. Wir setzen auf Toleranz und Versöhnung“.

Bild: Menschenkette war länger und stärker als gehofft

Bild: Menschenkette erreicht den Altmarkt (Foto: ©Rainer Oettel )

Die Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche Dresden e.V. hatte um 14:00 Uhr zu einer Filmvorführung „Dresdner Interregnum 1991“ mit anschließendem Publikumsgespräch mit dem Regisseur Werner Kohlert in das Besucherzentrum Frauenkirche (Kulturpalast) sowie danach zum Stillen Gedenken an die Frauenkirche eingeladen.
Bevor die abendliche Live-Übertragung des MDR-Fernsehens vom Neumarkt vor der Frauenkirche begann, trafen sich wiederum viele Dresdner um 16:30 Uhr im Innenhof der Synagoge. „Der Dresdner Gedenkweg – 13. Februar 2010“ begann hier mit seiner ersten der insgesamt neun Stationen. Ziel des „Dresdner Gedenkweges“ war es, wider das Vergessen am 13. Februar, gemeinsam authentische Orte zu erleben und dort authentische Texte der Zeit oder von Zeitzeugen zu hören. Die Dresdner Synagoge als Anfangspunkt des Gedenkweges erinnerte an die Zerstörung des Vorgängerbaus durch die Nationalsozialisten im Jahre 1938 als Beginn der 1945 vollendeten totalen Zerstörung.

ERF - Hörfunkbeitrag: 65. Gedenktag an die Zerstörung Dresdens. Die Kirche zeigt Gesicht.

Das Gedenken an der Synagoge und in den Kirchen der Stadt

Bild: Beginn des Gedenkweges an der Synagoge

Bild: Die Organisatoren des Gedenkweges vor Beginn im jüdischen Gemeindehaus

Hier schlug Oberlandeskirchenrat i.R. Harald Bretschneider die Glocke „Schwerter zu Pflugscharen“, bevor Prof. Ludwig Güttler in seiner Einführung an den Fackelzug der Nationalsozialisten durch das Brandenburger Tor am 30. Januar 1933 erwähnte. Zur Machtergreifung loderten bereits die Flammen, die am 9. November 1938 auch die Dresdner Synagoge verbrannten und am 13. Februar 1945 schließlich Dresden in Schutt und Asche legten, so die Aussage. Gunther Emmerlich las aus dem Tagebuch von Victor Klemperer über dessen Erleben der Bombennacht vor. Diese Worte stammten von einem der letzten Juden in Dresden am Ende des Krieges.
Der Weg führte weiter quer durch die Innenstadt. Eine Station war auch die Baustelle Gedenkstätte Sophienkirche „Busmannkapelle“, wo u.a. der durch den Krieg zerstörten Kirchen gedacht wurde. Hier wie an anderen Orten lasen auch Christine Hoppe und Prof. Gerhard Glaser. Der Gedenkweg wurde von der Kreuzkirche kommend, an der letzten Station an der Frauenkirche zu den Teilnehmern der Gedenkfeier auf dem Neumarkt zusammengeführt. Überschattet waren einige Stationen des Weges durch Störer gegen das Gedenken.

Bild: Stilles Gedenken mit Kerzen vor den Mauern der Frauenkirche

Landesbischof Jochen Bohl, der sich ebenfalls in die Menschenkette einreihte, war zu Beginn des Gedenkweges auch im Innenhof vor der Synagoge. Für ihn war die Menschenkette ein „voller Erfolg“, die alle Erwartungen weit übertroffen hat. Es sei das Bemühen und Anliegen an diesem Tag, sich der „besonderen Gedenkkultur zu vergegenwärtigen und auf der anderen Seite gegen die neuen Nazis ein überzeugendes Zeichen zu setzen.

Um 19:00 Uhr begann das von der Fördergesellschaft der Frauenkirche organisierte Gedenken auf dem von Menschen gefüllten Platz. Viele hatten ihre weiße Rose am Revers und hielten eine Kerze in der Hand. In der gemeinsamen Gedenkveranstaltung „13. Februar 2010: Wahrhaftig erinnern –Versöhnt leben“ hielt in diesem Jahr Bundesminister a.D. Gerhart Baum die Gedenkrede, der als geborener Dresdner als 12-jähriger die Bombennacht miterlebte. Der Kammerchor der Frauenkirche sang von Rudolf Mauersberger „Wie liegt die Stadt so wüst“.
Gerhart Baum hielt Rückblick auf sein Leben in der unzerstörten Stadt und auf einschneidende frühe Erlebnisse, so auch an den Abschied des Vaters, der als einfacher Soldat nicht wieder aus dem Krieg zurückkehrte. Was er in der Bombennacht erlebte, sei für viele Dresdner exemplarisch. „Exemplarisch auch für viele andere Menschen - Deutsche und Nichtdeutsche -, die die Folgen der Diktatur und des verbrecherischen Krieges zu tragen hatten“, sagte er. Die Bomben, die mitten in das Leben fielen, sei für ihn ein Lebenstrauma geworden, dass er nie richtig verarbeiten konnte.

Bild: Blick zur Bühne vor der Frauenkirche

Der frühere Bundesminister brachte ebenfalls den Zusammenhang zwischen deutscher Kriegsschuld und den zerstörten deutschen Städten zum Ausdruck und übte Kritik an den „unbelehrbaren Neonazis, die diese Tatsache leugnen und für ihre Ziele missbrauchen würden. Es erfülle ihn mit „Zorn, dass die Auseinandersetzung mit den Provokateuren diesen Tag beschädigt“. Niemand dürfe sich anmaßen, diese Trauer für seine Zwecke zu missbrauchen. Er appellierte, dass von Dresden ein Signal des Friedens und der Völkerverständigung ausgehe müsse. Es sei konsequent, dass die wieder aufgebaute Frauenkirche als "christliches Weltfriedenszentrum" verstanden wird, sagte er auf dem Neumarkt. Es sei für ihn eine besondere Verpflichtung der Deutschen, „Menschen beizustehen, die weltweit ihrer Menschenwürde beraubt sind“.

Landesbischof Jochen Bohl dankte allen, die an diesem Tag an den Veranstaltungen aktiv teilgenommen haben. „Wir erinnern uns wahrhaftig“, sprach er den Menschen angesichts des Nazi-Aufmarsches zu. So stünden „die geschichtlichen Tatsachen den hasserfüllten Parolen entgegen, die heute wiederum gebrüllt wurden“, sagte er.
Bohl erinnerte an das Leid des Krieges, das von Deutschland aus über Europa kam, bevor die Frauenkirche fiel. Nach 65 Jahren sei aber nach blutiger Feindschaft gelebte Versöhnung geworden, wo man sich an diesem Tag des Gedenkens mit Menschen überall auf der Welt in einem Geist verbunden wisse. Es seien Brücken gebaut worden, „über die wir den Weg in die gemeinsame Zukunft gehen können“, so der Landesbischof: „Wir erinnern uns wahrhaftig, um versöhnt leben zu können.“

Bild: Ökumenischer Gottesdienst in der Kreuzkirche

Parallel zur großen Veranstaltung vor der Frauenkirche hatte um 19:00 Uhr in der Trinitatiskirchruine Dresden-Johannstadt (Trinitatisplatz) eine Andacht zum 13. Februar mit Landesbischof i.R. Volker Kreß stattgefunden. Anschließend sind im Keller der Ruine unter dem Titel „Merkwürdige Nachricht von einem anderen Stern – musikalisches Märchen gegen Krieg und Gewalt“ Texte von Hermann Hesse zu hören gewesen.
In der Dresdner Lukaskirche führte um 19:30 Uhr der Chor concentus vocalis St. Lukas unter Leitung von Peter Fanger „Ein deutschen Requiem“ von Johannes Brahms auf.
Der zentrale Ökumenische Friedensgottesdienst begann um 20:30 Uhr in der Dresdner Kreuzkirche. Nach dem traditionellen Glockengeläut aller Dresdner Innenstadtkirche hatte die Stiftung Frauenkirche ab 22:00 Uhr gemeinsam mit dem Stadtjugendpfarramt wieder zur „Nacht der Stille“ in die Frauenkirche eingeladen.

Am 14. Februar findet in der Schifferkirche „Maria am Wasser“ Dresden-Hosterwitz, (Kirchgasse 6) um 10:00 Uhr ein Gedenkgottesdienst statt. Es erklingt Rudolf Mauersbergers Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ und Felix Mendelsohn Bartholdys „Hör mein Bitten“.(13.02.2010)

Frauenkirche Dresden

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps