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Aktuelles

Kirchentagsbilanz und weiterfeiern bis zum Abschiedsabend

Überall Klangfülle durch Bläser und Hunderttausende Besucher in der Stadt

04. Juni 2011

Posaunenchöre unterwegs

4. JUNI: Unter dem Motto "Kirche bildet" hatte die Evangelische Erwachsenenbildung (EEB) Sachsen zur Schifffahrt eingeladen. Der Andrang auf der "Diesbar", dem ältesten Schaufelraddampfer der Sächsischen Dampfschifffahrt, war am Morgenriesig. Viele fröhliche Kirchentagsbesucher nutzten das tolle Wetter, um Dresden zwischen Terrassenufer und Blasewitz per Schiff zu entdecken. "Der Kirchentag ist sehr interessant und alles ist sehr gut organisiert", so eine Kirchentagsbesucherin aus Amsterdam. "Wenn etwas wachsen muss, so muss der Mensch selbst etwas säen", so eine Mitarbeiterin der EEB Sachsen. Deshalb konnten sich die Gäste sich Tütchen mit Samen aussuchen, die verschiedene Eigenschaften widerspiegeln, wo sie noch wachsen möchten, u.a. Stärke, Geduld, Lust, Fantasie.

An Bord stellte beispielsweise die AG Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus ihre Arbeit vor. Die Teilnehmer der  Zukunftswerkstatt beschäftigten sich mit gesellschaftlichen Themen. "Erwachsen glauben", ein Projekt der EKD, war auch mit an Bord. Neben der evangelischen Erwachsenenbildung stellte sich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen mit ihrer Arbeit vor.
Die Schifffahrt wurde von einer Clownsgruppe begleitet, die extra für diesen Kirchentag zusammengetrommelt wurde. Diese sorgte für viel Freude, Begeisterung und Spaß auf dem Schiff, nicht nur bei den kleinen, sondern auch bei den großen Gästen. Das Schiff pendelte mehrfach am Tag und Sonnenhungrige kamen auf der gleißenden Elbe auf ihre Kosten.

Bild: Präsident Dr. Johannes Kimme begrüßt die Gäste zum Tag der offenen Tür

In der Südvorstadt hatte das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Sachsens Tag der offenen Tür, wo der Präsident, Dr. Johannes Kimme, die Besucher begrüßte und über Struktur und Aufgaben der Landeskirche sowie des Landeskirchenamtes informierte.
Rundgänge durchs Haus und spezielle Führungen in Bibliothek und Archiv lockten Neugierige. Interessant war für viele der Fensterblick vom Sitzungssaal in der obersten Etage über die Stadt. Der Liedermacher Jonathan Leistner aus Zschopau untermalte auf dem Piano und sang Lieder über seine und andere menschliche Schwächen. Durch das geräumig-luftige Atrium drang die Musik in alle Stockwerke, wo eine Station der Kreuzwegausstellung „kreuzförmig“ des Kunstdienstes zu sehen ist. Ein nachmittägliches Kunstgespräch mit Kunstexperten und anschließendem Klavierausklang beendete das Tagesprogramm.

Bild: Frauenzentrum

Das Frauenzentrum im katholischen Petrus-Gemeindezentrum in Dresden-Strehlen war offenbar kein Geheimtipp, denn dazu hatte dieses Zentrum zu viele interessierte Besucherinnen und Besucher. Schätzungsweise ist jeder 30. Besucher ein Mann - vorzugsweise um die 20 Jahre alt. Beherzt gehen vor allem die Frauen aufeinander zu, fragen nach dem Woher und Wohin, lassen sich nieder unter Bäumen wie auf Bänken, auf einen Kaffee oder zum Ausruhen. Einige treffen sich in kleinen offenen Gesprächsgruppen. Manche stöbern am Büchertisch. Ältere Frauen halten Babys, damit die jungen Mütter sich einmal allein umtun können. Ingesamt herrscht großer Zulauf an der Dohnaer Straße. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Landesfrauenpfarrerin Antje Hinze. "Wir haben engagierte Helfer. Es herrscht eine gute Atmosphäre."

Bild: St. Petrus-Kirche

Das Podium "Kann denn Mode Sünde sein - Verantwortung statt Schuldgefühle beim Kleiderkauf" zieht an die 400 vor allem junge Besucher an und geht wegen des anhaltenden Interesses über die geplanten zwei Stunden hinaus. In Murmelgruppen wird intensiv diskutiert, bevor neue Fragen an das Podium gehen. Dort sprechen u. a. Stefan Seidel von der Puma AG, Bettina Musiolek, Clean Clothes Campaign, und Rita Olivia Tambunam von der Asia Floor Wage Allianz in Jakarta miteinander. Einig sind sich alle, dass Arbeitsbedingungen und Löhne der asiatischen Näherinnen angepasst und verbessert werden müssen. Unklar ist nur das Wie. "Es ist illusorisch, dass wir als europäischer Hersteller einfach in eine chinesische Firma marschieren und unsere Forderungen stellen können. So funktioniert das nicht", sagt Hilke Anna Patzwall vom Outdoorhersteller VAUDE Sport GmbH  Co KG. "Wir alle haben Verantwortung. Auch die Händler. Und auch Sie, die Endverbraucher."

Bild: Frauenrunde auf der Wiese unter einem Baum
Schreibwerkstatt unterm Baum

Noch später in der Straßenbahn diskutieren junge Frauen über die Chancen eines Siegels für "saubere" Kleidung und wie sich ein gesellschaftliches Bewusstsein für fair entstandene und gehandelte Textilien entwickeln kann.
Die Leipziger Pfarrerin und Autorin Christiane Thiel hat derweil ihre Schreibwerkstatt "Mein Herz sitzt im Brustkorb und deins?" unter einen Baum verlegt. Die Teilnehmerinnen tauschen kurze selbstgeschriebene Aphorismen und Verse rund ums Thema Herz aus. Die Stimmung ist gelöst. "frau" lacht miteinander. Thiel gibt den einen oder anderen Hinweis. Die Frauen geben sich gegenseitig Feedback.

Bild: Labyrinth

Die katholische Kirche St. Petrus ist ebenfalls bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Motto des Podiums hier lautet "Frauen - Macht - Erfolg - Frauen erzählen vom Umgang mit Macht und Verantwortung". Moderatorin Renate Höppner spricht mit ihren vier Gästen zunächst über ihre Biografien.

Und schon da hören die Zuschauerinnen und einige wenige Zuschauer Bemerkenswertes und Überraschendes: So freut sich Ulrike Nies, gelernte Krankenschwester und nun Pflegedienstleiterin im Leipziger Krankenhaus St. Elisabeth, über einen Abschiedsraum für Angehörige Verstorbener: "Der Raum hat einen Teppich. Das gibt es sonst nirgendwo im Krankenhaus. Darauf bin ich heute noch stolz. Als Krankenschwester hätte ich das nie erreicht." Als es darum geht, wie sie zu ihrer jetzigen Arbeitsstelle kam, sagt sie: "Es kostete Mut, von der ewig Zweiten auch mal Erste zu werden."

Die Grünen-Chefin Claudia Roth ist studierte Theaterwissenschaftlerin und managte bis Mitte der achtziger Jahre Rio Reise und seine Band "Ton, Steine Scherben". "Dort eignete ich mir Methoden an, mich in der Männerwelt durchzusetzen." Das Publikum staunt, als die Moderatorin erwähnte, dass Frau Roth auch Ritterin der französischen Ehrenlegion sei.

Bild: Das Plenum. Landesbischof Bohl spricht zu den Partnerschaften (2.v.l.)
(v.l.) Bischof Reinelt und Landesbischof Bohl

Für das Podium "Im Herzen der Gesellschaft - Situation der Minderheitenkirchen in Mittel- und Osteuropa" musste Moderatorin Andrea Wagner-Pinggéra zunächst bekannt geben, dass eine Vertreterin der Hussitischen Kirche in Tschechien und der Prager Erzbischof der Orthodoxen Kirche, Vladyka Kristof, aus Krankheitsgründen verhindert sei. Stattdessen betreten Nikolaus Thon, Generalsekretär der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, und der ungarische evangelisch-lutherische Bischof und zugleich einer der sieben Vize-Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Dr. Tamás Fabiny, das Podium.

Später stieß auch Landesbischof Jochen Bohl hinzu. Vertreten waren zudem mit Bischof i.R. Jan Szarek und Bischof Dr. Milos Klatik Vertreter der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Polen und der Slowakei. Der zweite slowakische Bischof Laszlo Fazekas vertritt die Reformierte Christliche Kirche mit ihren 200 Pfarrerinnen und Pfarrern. Der katholische Bischof Joachim Reinelt, Bistum Dresden-Meißen, konnte ebenfalls in der Runde im Altarraum der Dreikönigskirche begrüßt werden.

Bild: Bischof Klattik aus der Slowakei
Generalbischof Dr. Milos Klatik

Alle Vertreter stellten ihre Kirche vor. Nikolaus Thon erläuterte mit fast donnernder Stimme die junge Geschichte der orthodoxen Gemeinden in Deutschland, die vor allem durch Gastarbeiter aus Griechenland, Serbien, Russland oder Rumänien entstanden sind. Fabiny, rhetorisch brillant, hat als Symbol für seine Kirche einen kleinen Telefonadapter mitgebracht: Er steht für eine kleine, trotzdem ideenreiche, kommunikative und bewegliche Kirche in Ungarn. Sie trägt 40 diakonische Einrichtungen, 20 Kindertagesstätten und etwa 30 Schulen.

Bischof Milos Klatik rühmt die enge Verbundenheit mit Sachsen und Thüringen, denn viele angehende Pfarrer aus den heutigen Regionen um Ungarn und der Slowakei hatten zu Luthers Zeiten in Wittenberg studiert. Sie hätten die Reformation mit nach Hause gebracht. "Außerdem singen wir gern", so der Bischof. "Früher hatten unsere Lieder bis zu 50 Strophen. Heute sind es nicht mehr ganz so viele, aber doch auffallend mehr als in Deutschland." Klatik führte das Publikum in die gemeinsame Traditionsgeschichte der evangelischen Kirchen auf dem Gebiet der ehemaligen K.u.K.-Monarchie ein. Daraus resultiere heute Verbindendes, wie z.B. die Lutherrose als gemeinsames Signum, aber auch Trennendes.

Bild: Gottesdienst auf dem Altmarkt, wo Landesbischof Bohl die Einladung nach Polen annimmt
"Versöhnung wagen - Herzen bewegen". Abschlussgottesdienst der Begegnungstage im Rahmen des Kirchentages im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Einladung zu den Begegnungstagen 2014 nach Wroclaw/PL

Spannungen und Konflikte mit der ungarischen Minderheit in der Slowakei bzw. zwischen der ungarischen und der slowakischen Staatsregierung. Doch seien die evangelischen Kirchen Vorreiter beim Aufarbeiten der Geschichte und sprächen sich für einen binationalen Versöhnungsprozess aus: Es gäbe bald nicht nur zweisprachige Synoden bei der Reformierten Kirche der Slowakei. So seien auch die drei Bischöfe der evangelischen Kirchen in Ungarn und der Slowakei bereit, einen gemeinsamen Kooperationsvertrag zu unterschreiben. Als Fabiny das verkündet, brandet beim Publikum spontan Beifall auf. Auch Landesbischof Bohl schien sichtlich berührt.

Ihn fragte Frau Wagner-Pinggéra, welchen Gewinn die sächsische Landeskirche von ihren vergleichsweise kleinen Partnerkirchen in Mittel- und Osteuropa hätte. Bohl verwies auf die vielen Kirchgemeinden, die aus Eigeninitiative und mit viel Engagement die Kontakte u.a. nach Tschechien oder Polen knüpfen und pflegen würden. Und er ergänzte: "Wann immer ich im Austausch mit Christen aus anderen Ländern stehe, bekommt mein Glaube eine neue Dimension."

Bild: Am Rande Neubau-Gemeindezentrum traf man sich im Grünen

Erstaunlich, welche fantasievollen Ideen die einzelnen Gemeinden entwickeln, um immer wieder Leute anzusprechen“, so ein Besucher während der Veranstaltung „Kirche in der Platte – Wir machen uns `ne Platte“ am Nachmittag in Dresden-Prohlis. Die zwei Dresdner Gemeinden Prohlis und Gorbitz sowie Bautzen-Gesundbrunnen und die Bonhoeffer-Gemeinde aus Chemnitz präsentierten sich auf der großen Wiese neben dem Kirchgemeindezentrum.
Während die etwa 120 Besucher Kaffee und Kuchen genossen, ging Moderator Hartmut Häckel rings herum und befragte die Gemeinden zu ihren Konzepten. Über Lautsprecher war im gesamten Gelände zu hören, mit welchen Problemen sich die Gemeinden in den überalterten und ausgebluteten Plattenbaugebieten konfrontiert sehen. Ehrenamtliche kamen zu Wort und erzählten über Neuanfänge und bewährte Konzepte.

Bild: Erfahrungsaustausch am Rande der "Platte"

So präsentiert sich die Chemnitzer Bonhoeffer-Gemeinde regelmäßig zu kirchlichen Feiertagen in Einkaufzentren. Die Bautzener nutzen ihr ehemaliges Jugendhaus seit 2008 als Mehrgenerationenhaus. „Neben einer Bibliothek und regelmäßigem Mittagessensangebot arbeiten wir dort viel mit Seniorinnen und Senioren, die nicht zur Kirchgemeinde gehören“, so Pfarrer Jörg Sirrenberg. „Aber viele von ihnen sind noch getauft oder kennen Kirchenlieder.“ „Mich haben meine Eltern vergessen zu taufen“, so der18-jährige Sören Anders aus Bautzen. Er fühlte sich jedoch wohl in der Gemeindeund ließ sich mit sechzehn Jahren taufen. Nun ist er vor Ort engagiert.
Gorbitz und Prohlis verbindet die Arbeit mit Aussiedlern. Das Leitmotto der Gorbitzer lautet dabei, aber auch für die alljährliche Sponsorenrallye, den Rolli-Kreis oder das „Kaffeepause“-Angebot: „Gemeinsam im Glauben unterwegs und Gemeinsam zu den Menschen unterwegs.
Die Kirchgemeinde Dresden-Prohlis beschreitet kreative Wege, um mit Kindern und deren Familien in Kontakt zu kommen. Einmal im Monat lädt der Rabe GEBASI ein zum Gestalten, Basteln und Singen. Die Gemeinde sucht auch bewusst den Kontakt zu Schülerinnen und Schülern. Ingrid Häckel, ehrenamtlich engagiert, sagt: „Wir wollen bei den Kindern in guter Erinnerung bleiben. Sie stehen nicht jeden Sonntag vor unserer Kirchentür. Aber wir hoffen, dass sie sich als Erwachsene erinnern: ‚Bei der Kirche damals war es toll. Da könnte ich wieder hingehen.’“

 

 

 

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