Navigation überspringen

Aktuelles

Deutschlands größte und älteste Simultankirche

Hier wird Ökumene gelebt, aber theologische Unterschiede bleiben

Bild: Im Bautzner Dom St. Petri (2. Turm von rechts) gibt es alles zweimal - außer Kirchturm und Geläut (Foto: ©kairospress)

Von Matthias Pankau (Ev. Nachrichtenagentur idea)

Es ist noch früh am Morgen. Erste Sonnenstrahlen fallen durch eines der Chorfenster des St. Petri-Domes. Sie treffen auf das große Ölgemälde des Künstlers Franz Wenzel Schwarz von 1881. Es zeigt das letzte Abendmahl Jesu und hängt über den Türen zur evangelischen und zur katholischen Sakristei. „Das Gemälde symbolisiert den gemeinsamen Grund, auf dem beide Konfessionen stehen und die Hoffnung, dass es vielleicht wieder einmal so sein wird“, erklärt Burkart Pilz, evangelischer Dompfarrer in Bautzen. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Veit Scapan, stellt er sich für’s Foto an dem etwa ein Meter hohen Gitter auf, das zwischen den Türen der beiden Sakristeien durch den gesamten Kirchenraum verläuft. Es trennt den Kirchenraum in einen protestantischen und einen katholischen Teil – und das seit fast 500 Jahren.

Zwei Eingänge, zwei Orgeln, zwei Altäre...

1530 – die Reformation war in vollem Gang – hatte ein Großteil der Bautzener Bürgerschaft die neue Lehre angenommen. Lediglich das katholische Domstift war nicht übergetreten. Mit dem Stadtrat einigte es sich ob der neuen Zahlenverhältnisse darauf, den Dom auch für evangelische Gottesdienste freizugeben. 1543 wurde das in ausführlichen Verträgen festgelegt, im 19. Jahrhundert dann auch im Grundbuchamt festgehalten: Zwei Drittel der Kirche gehören den Protestanten, ein Drittel den Katholiken. Das hat dazu geführt, dass es nicht nur zwei Eingänge gibt, sondern auch zwei Orgeln, zwei Altäre und unterschiedliche Kirchenbänke im vorderen und im hinteren Teil des Gotteshauses. Allein den Kirchturm samt Geläut gibt es nur einmal – im protestantischen Teil. Doch ihn nutzen beide Gemeinden. Dass die Türmerin wiederum katholisch ist, sei reiner Zufall, beteuern die beiden Geistlichen.

Von der räumlichen Zweiteilung darf man nicht auf das Verhältnis zwischen evangelischer und katholischer Gemeinde schließen; beide sind mit jeweils rund 6.000 Mitgliedern die größten der Landeskirche bzw. des Bistums. Protestanten und Katholiken kooperieren, wo es möglich ist – ob bei gemeinsamen Konzerten, Andachten zu bestimmten Anlässen oder im gemeinsamen Verein, der einen ökumenischen Domladen betreibt. 2007 feierten beide Seiten das erste ökumenische Gemeindefest direkt vor dem Dom, zu dem tausende Bautzener kamen. „Wir betreiben hier keine konfessionelle Nabelschau“, erklärt Pfarrer Pilz. „Wir haben den anderen immer im Blick.“ Und das meint er ganz wörtlich. Wenn die evangelische Gemeinde Gottesdienst feiert, sieht sie nämlich immer auch auf den katholischen Hochaltar im vorderen Teil der Kirche. Und umgekehrt sieht Pfarrer Scapan stets die Protestanten, wenn er Gottesdienst feiert.

Bild: Pfarrer Burkart Pilz und sein katholischer Kollege Veit Scapan (Foto: ©kairospress)

Vier Meter hohes Trenngitter

Doch das heute so friedliche Miteinander von Katholiken und Protestanten musste erkämpft werden. Ursprünglich diente der historische Lettner, der in der alten katholischen Kirche Kleriker und Laien voneinander trennte, als eine Art Trennzaun. Im 19. Jahrhundert wurde er durch ein vier Meter hohes Eisengitter ersetzt. Nach kontroversen Diskussionen wurde dieses Gitter in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf einen Meter abgesägt; der obere Teil befindet sich heute im Stadtgeschichtlichen Museum. In beiden Gemeinden gibt es nun Überlegungen, den Zaun mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 erneut abzusenken. „Das wäre ein starkes Zeichen“, sagt Pilz. Sein katholischer Amtskollege stimmt zu, schränkt aber gleich ein: „Dann müsste man es schon ganz wegnehmen. Sonst haben wir hier eine ökumenische Stolperfalle.“ Allerdings müsse ein solcher Schritt sehr genau abgewogen werden, da das Gitter schließlich historisch zum Dom gehöre.

Bei den Umbauarbeiten in den 50er Jahren wurde aber noch etwas verändert. Es kam nämlich heraus, dass laut Grundbuch eine kleine Ecke im katholischen Teil der Kirche eigentlich den Protestanten gehörte – und zwar genau der Teil mit der Treppe zur Empore, auf der die katholische Orgel steht. „Eigentlich hätte unser Organist also immer eine Strickleiter gebraucht, um zu seiner Orgel zu kommen“, flachst Scapan. Doch beide Gemeinden einigten sich auf einen guten Tausch, der bis heute gilt: Die Protestanten überließen ihren katholischen Geschwistern das Stück Kirche. Im Gegenzug erhielten sie eine spätere Gottesdienstzeit.
Absprachen sind unentbehrlich
Heute findet die katholische Messe um 9 Uhr statt, der evangelische Gottesdienst um 10:30 Uhr. Für Feiertage gelten gesonderte Regeln, die wie die normalen Gottesdienstzeiten auch in den als Stundenleisten bezeichneten Simultaneums-Verträgen vermerkt sind. Bei Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Kommunionen und Beerdigungen spricht man sich ab. In jedem Gemeindebüro gibt es dafür einen Kalender. Zwar sei das etwas zeitintensiver, „doch es funktioniert“, sind sich die beiden einig. Bei entsprechenden Anfragen könne man eben nicht immer gleich eine verbindliche Antwort geben, sondern erst nach Rücksprache mit dem Kollegen. Für Scapan hat das gute Miteinander beider Gemeinden auch etwas mit den Erfahrungen der DDR zu tun – sowohl er als auch Pilz sind dort aufgewachsen. „Als Teil einer Minderheit brauchte man sich und war aufeinander angewiesen“, erklärt er. Das wirke in Bautzen bis heute fort. So sprechen die beiden Gemeinden auch gegenüber der Stadt mit einer Stimme, etwa wenn es um die Ladenöffnungszeiten geht.

Bei aller Harmonie gibt es aber auch Trennendes. „Als Pfarrer einer Simultankirche nimmt man Äußerungen aus Rom natürlich noch einmal mit einem anderen Sensus wahr“, sagt Burkart Pilz. „Wenn ich als Pfarrer dieser Kirche höre, dass Evangelische Kirche nach katholischem Selbstverständnis nicht Kirche im eigentlichen Sinne sei und ausdrücklich nicht von Schwesternkirchen gesprochen werden soll, dann wird damit zwar nur bereits Bekanntes wiederholt, aber es irritiert und schmerzt trotzdem. Auch weil ich überzeugt bin, dass die Zukunft der Kirchen eine ökumenische ist.“ Scapan hält dem entgegen, dass „Rom“ immer als Weltkirche denke. Das Miteinander von Protestanten und Katholiken spiele in Deutschland eine so große Rolle, weil es die Geschichte des Landes nachhaltig geprägt hat. In weiten Teilen der Welt sei das anders, weshalb der Vatikan dem Thema wohl auch nicht die oberste Priorität einräume. Dass das Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland in Erfurt diese Woche im Augustinerkloster stattfindet – darin sehen Pilz und Scapan eine starke Symbolik.

Theologische Unterschiede bleiben

Mit Blick auf konkrete Ergebnisse der Begegnung bleiben beide dennoch nüchtern: „Ein gemeinsames Abendmahl“, sagt Scapan und zeigt auf das Gemälde von Wenzel Schwarz, „wird es auch nach dem Papstbesuch in Deutschland nicht geben.“ Dafür seien die theologischen Unterschiede nach wie vor zu groß. Er und sein evangelischer Kollege werden aber weiterhin das Gemeinsame in den Vordergrund stellen und im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten zusammenarbeiten. „Ökumene ist ja kein Prozess der gegenseitigen Angleichung“, sagt Pilz. „Vor allem geht es darum, die andere Farbe des Glaubens zu sehen und das zu achten, was dem anderen heilig ist.“ Und dafür ist Bautzen auf jeden Fall ein gutes Beispiel. (ideaSpektrum 38.2011)

Bild: Klare Einteilung - Ein Drittel der Kirche gehört der katholischen Gemeinde, zwei Drittel der evangelischen. (Foto: ©kairospress)

Theologische Unterschiede bleiben

Mit Blick auf konkrete Ergebnisse der Begegnung bleiben beide dennoch nüchtern: „Ein gemeinsames Abendmahl“, sagt Scapan und zeigt auf das Gemälde von Wenzel Schwarz, „wird es auch nach dem Papstbesuch in Deutschland nicht geben.“ Dafür seien die theologischen Unterschiede nach wie vor zu groß. Er und sein evangelischer Kollege werden aber weiterhin das Gemeinsame in den Vordergrund stellen und im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten zusammenarbeiten. „Ökumene ist ja kein Prozess der gegenseitigen Angleichung“, sagt Pilz. „Vor allem geht es darum, die andere Farbe des Glaubens zu sehen und das zu achten, was dem anderen heilig ist.“ Und dafür ist Bautzen auf jeden Fall ein gutes Beispiel. (ideaSpektrum 38.2011)

Ev. Pfarramt: 03591-369710
Kath. Pfarramt: 03591-31180
www.st-petri-bautzen.de

Stichwort: Simultankirchen
Rund 60 Simultankirchen gibt es in Deutschland, die meisten davon in Rheinland-Pfalz und Bayern. Simultankirchen werden sehr unterschiedlich genutzt. Mal teilen sich Protestanten und Katholiken die Kirche zu wechselnden Zeiten, mal gibt es eine räumliche Trennung zwischen den Gemeinden. Die meisten Simultankirchen entstanden nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648).
Literaturtipp: Heinz Henke: Wohngemeinschaften unter deutschen Kirchendächern, Engelsdorfer Verlag 2008

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps