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Handwerker renovieren bei Holocaust-Überlebenden

Jedes Jahr reisen rund 80 Arbeitskräfte nach Israel. Sie opfern dafür nicht nur ihren Urlaub, sondern zahlen auch die Reise aus eigener Tasche …

Bild: Gruppe von Handwerkern geht an die Arbeit (Foto: ©idea/kairospress)

HOLOCAUSTGEDENKTAG – Am 27. Januar wird in aller Welt der Opfer des Holocaust gedacht. An diesem Tag 1945 befreiten Soldaten die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, des größten Vernichtungslagers des NS-Regimes. Eine ganz praktische Initiative der Versöhnung kommt aus Sachsen: Seit acht Jahren reisen Handwerker nach Israel, um dort unentgeltlich Wohnungen von Holocaust-Überlebenden zu renovieren.

Von Matthias Pankau (Fotos: Thomas Kretschel)

Die Szenerie erinnert ein wenig an die Fernsehsendung „Einsatz in vier Wänden“, in der Wohnungen von in Not geratenen Menschen auf Vordermann gebracht werden. Es ist am frühen Nachmittag, als die achtköpfige Gruppe von Handwerkern die Wohnung von Nurid Hirsch (Name von der Redaktion geändert) nahe der Jerusalemer Altstadt betritt. Zuvor war bereits geklärt worden, was gemacht werden soll: die gesamte Wohnung malern, die veraltete Elektrik modernisieren sowie im Bad Waschbecken und Armaturen erneuern. Und sogleich macht sich ein Teil der Handwerker in dem kleinen Appartement an die Arbeit. Die anderen bittet die 92-jährige Dame ins Nebenzimmer, wo sie auf einem Canapé Platz nimmt. Sie schweigt einen Moment. Dann sagt sie: „Ich hätte nie geglaubt, dass Deutsche Juden helfen. Sie haben das geändert. Sie sind ganz außergewöhnliche Menschen!“

Alles begann mit sechs Freiwilligen

Bild: Ein Sachse vor dem Jerusalemer Tempelberg (Foto: ©idea/kairospress)

Das hören die Handwerker aus Deutschland häufiger. Seit 2004 reisen jedes Jahr Gruppen von Elektrikern, Maurern, Malern, Fliesenlegern und Installateuren nach Israel, um dort kostenlos die Wohnungen von Holocaust-Überlebenden zu renovieren oder soziale Einrichtungen baulich auf Vordermann zu bringen. Organisiert werden die Handwerkereinsätze vom Verein „Sächsische Israelfreunde“ (Rossau bei Chemnitz). Er wurde 1998 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Staates Israel gegründet. Das Ziel: die Versöhnungsarbeit zwischen Deutschland und Israel zu vertiefen. Dem Vorsitzenden der Sächsischen Israelfreunde, Lothar Klein (Dresden), und dem Geschäftsführer Wilfried Gotter (Rossau) geht es dabei auch darum, die israelfeindliche Politik während der DDR-Zeit aufzuarbeiten.

Zunächst organisierte der Verein deshalb mehrmals jährlich sächsisch-israelische Begegnungen. Dabei wurde deutlich, dass viele Überlebende der Schoa sozial schlecht gestellt sind. Was über das Nötigste zum Leben hinausgeht – sei es ein neuer Wohnungsanstrich oder auch nur eine Waschmaschinenreparatur – können sich zahlreiche der inzwischen alten Menschen nicht leisten. So entstand die Idee der Handwerkerreisen. Mit sechs Freiwilligen fing damals alles an. Seither ist das Projekt rasant gewachsen und reicht inzwischen über Sachsen hinaus. In diesem Jahr reisten 80 Arbeitskräfte nach Israel. Sie opfern dafür nicht nur ihren Urlaub, sondern zahlen auch die Reise aus eigener Tasche und spenden häufig noch Geld.

Die Gaskammer überlebt

Bild:  Bertha und Moshe Chajad, Holocaust-Überlebende aus der Ukraine (Foto: ©idea/kairospress)

„Was ihr hier macht, das wäscht die Schuld eurer Vorfahren weg“, sagt Nurid Hirsch mit ruhiger Stimme. Sie sagt es ohne Pathos, ohne Vorwurf. Dabei könnte man ihr beides nicht verdenken. Denn sie hat als einzige ihrer Familie den Rassenwahn der Nationalsozialisten überlebt. Ihre Eltern und die sechs Geschwister wurden in Auschwitz-Birkenau vergast. Sie sollte genauso sterben, stand mit all den anderen Häftlingen schon nackt in den als Duschen getarnten Gaskammern. Aber dann wurden sie wieder rausgetrieben. Ob es ein technisches Problem gab oder ob das todbringende Gas Zyklon-B ausgegangen war – sie weiß es bis heute nicht. Zusammen mit 2.000 anderen Frauen wurde sie im Oktober 1944 auf einen der zahlreichen Todesmärsche geschickt. Nur 97 überlebten; sie war eine davon.

Nach Ende des Krieges versuchte sie das Erlebte zu verdrängen. Sie gründete eine Familie und wanderte mit ihr 1957 von Ungarn nach Israel aus. Doch in ihren Träumen verfolgt sie all das bis heute. Besonders wenn sie allein ist, kommen die Bilder und Gefühle wieder – etwa die Rauchschwaden aus den Öfen, in denen auch ihre Eltern und Geschwister verbrannt wurden. „Ich kann den Geruch von verbranntem Fleisch nicht ertragen“, sagt sie und schüttelt sich. Oder sie sieht vor ihrem inneren Auge, wie die Aufseher Essensreste auf den Boden warfen und die vielen ausgehungerten Frauen sich gleichzeitig darauf stürzten. „Das war das einzige Mal, dass ich geweint habe“, flüstert sie. „Die wollten Tiere aus uns machen.“ Und wenn sich das Wetter ändert, kehren die Schmerzen in der linken Hand zurück, die ihr ein SS-Mann mit seinem Schaftstiefel zertrümmert hat, als die damals auf 30 Kilogramm abgemagerte zierliche Frau bei dem Todesmarsch erschöpft aus der Reihe wankte.

Gott hat es gut mit mir gemeint

Bild: Zeichnung: Schützende Hand über kleinem Enkelkind (©idea/kairospress)

Aber Nurid Hirsch ist nicht verbittert. Sie strahlt Würde aus und Stil. Ihr Leben hat sie in unzähligen Bildern festgehalten. Einige hängen in ihrer Wohnung. Eines ist besonders anrührend. Es zeigt ihren ersten Enkel als Baby und ihre – Nurids – schützende Hand darüber. Zugleich symbolisiert das Bild aber, dass sie selbst sich immer bei Gott geborgen wusste. „Ich war zum Tode verurteilt, doch Gott hat es gut mit mir gemeint“, sagt die tiefgläubige Jüdin. „Ich durfte erleben, wie drei Generationen nach mir heranwachsen.“

Während sie erzählt, werden draußen letzte Handgriffe erledigt. Drei Tage brauchen die sächsischen Handwerker durchschnittlich, um eine Wohnung auf Vordermann zu bringen, weiß Michael Sawitzki. Der Natursteinfachmann aus Claußnitz (bei Mittweida) koordiniert die Einsätze. Jedes Jahr im Herbst reist er nach Israel, um die neuen Baustellen in Augenschein zu nehmen und Material und Werkzeug zu besorgen. Wenn dann im März und November die Handwerkergruppen anreisen, ist Sawitzki ebenfalls die gesamte Zeit vor Ort – sein Chef daheim in Sachsen stellt den fünffachen Familienvater für diese Aufgabe frei. Nach acht Jahren ist Israel so etwas wie eine zweite Heimat für ihn geworden. „Es ist ein wenig, als käme man nach Hause“, sagt er schmunzelnd. Er ist auch derjenige, der den Zeitplan immer im Blick behalten muss. Denn in der Regel haben die Handwerker nicht nur einen Einsatz am Tag. Während die Farbe in einer Wohnung noch trocknen muss, nehmen die sächsischen Handwerker meist schon die nächste Baustelle in Augenschein.

Zwei Einsätze pro Tag

Bild: Heribert Schreier renoviert in der Wohnung der 92-jährigen Jüdin (Foto: ©idea/kairospress)

Heute geht es weiter nach Gilo – einst als israelische Siedlung gegründet gilt sie für die meisten Israelis längst als Stadtteil von Jerusalem. Die Architektur des Viertels erinnert noch an die Ursprünge. Da sind Baukastenelemente aus Stahl und Beton einfach aufeinandergesetzt worden – Wohnraum, der schnell und günstig zu realisieren war. Hier wohnen Moshe (87) und Bertha (85) Chajad. Das aus der Ukraine stammende Ehepaar durfte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 nach Israel ausreisen. Auch hier wurde die gesamte Wohnung gestrichen, wurde das Bad modernisiert.

Und obwohl heute eigentlich nur letzte Handgriffe zu erledigen sind, bleibt die Handwerkertruppe gut zwei Stunden. Der Grund: Die ausgeprägte Gastfreundschaft des älteren Ehepaares, die durchaus typisch ist. „Wollens a heeße or a kalte Trunk“, fragt Moshe Chajad auf Jiddisch, das dem Deutschen sehr ähnlich ist. Ein „Nein, danke“ lässt er nicht durchgehen. Seine Frau Bertha hat so viele Platten mit süßem Gebäck vorbereitet – „alles koscher“, wie Synagogen-Vorbeter Moshe betont, dass man damit einen mittelgroßen Handwerksbetrieb versorgen könnte. Und auch sie ist erst zufrieden, als ein Großteil aufgegessen ist.

In zwei Jahren 30 Wohnungen renoviert

Bild: Herrmann Frei arbeitet an Armaturen im Bad (Foto: ©idea/kairospress)

Aber die Handwerker stört das nicht. Man bekommt den Eindruck, als würden sie und das Ehepaar, dessen Wohnung sie in den vergangenen Tagen wieder flott gemacht haben, sich ewig kennen. „Das Wichtigste ist, die Menschen erzählen zu lassen“, sagte Uwe Albert, Maurermeister aus dem erzgebirgischen Stützengrün. „Die handwerkliche Arbeit steht oft gar nicht im Vordergrund“, ist sein Eindruck. Manche Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen sind, sprechen mit den sächsischen Helfern nach fast 70 Jahren zum ersten Mal wieder Deutsch. Da gibt es schon mal Tränen der Rührung – auf beiden Seiten.

Mehr als 30 Wohnungen haben die Handwerker aus Sachsen allein in den vergangenen beiden Jahren modernisiert. Für ihr Engagement wurden die „Sächsischen Israelfreunde“ Ende vergangenen Jahres im israelischen Parlament zusammen mit 21 anderen christlichen Werken ausgezeichnet. Und obwohl es wahrscheinlich noch zahlreiche Holocaustüberlebende gibt, die diese Art der Hilfe gut gebrauchen könnten, ist es gar nicht so leicht, diese zu finden, weiß Elisabeth Schroth. Die 61-jährige Deutsche, die neun Monate pro Jahr in Israel lebt, hilft die Einsätze der „Sächsischen Israelfreude“ vor Ort zu koordinieren. Für den Verein sind Partnerschaften mit israelischen Organisationen nämlich unverzichtbar, um Projekte auszuwählen. So arbeiten die „Sächsischen Israelfreunde“ seit Jahren mit der „Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem“ zusammen – oder eben mit dem Verein  „Erew tov Naomi“ (Guten Abend, Naomi) von Elisabeth Schroth.

Bild: Helfer vor der Kulisse von Jerusalem (Foto: ©idea/kairospress)

Beide Einrichtungen kümmern sich um Überlebende der NS-Zeit. „Dabei sehe ich oft, wie dringend Hilfe hier oder da von Nöten wäre“, erzählt Frau Schroth, die für Betroffene einkauft, kocht oder für Gespräche zur Verfügung steht. Doch es gibt auch Misstrauen gegenüber Einsätzen wie dem der Israelfreunde aus Sachsen. Denn in der Vergangenheit wurden solche Projekte von anderen Organisationen – besonders aus den USA – auch genutzt, um Juden für den christlichen Glauben zu missionieren. Das kam nicht gut an. Aber darum geht es den Handwerkern aus Sachsen nicht. „Uns geht es nicht um Mission, sondern um ein Zeichen der Versöhnung und ein Zeugnis christlicher Nächstenliebe“, erklärt Michael Sawitzki. „Wiedergutmachung für das, was diesen Menschen widerfahren ist, kann es ohnehin nicht geben.“[ ©idea ]

Sächsische Israelfreunde e.V.
Schulstraße 5
09661 Rossau
OT Schönborn - Dreiwerden
Telefon: (03727) 92624
www.zum-leben.de


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