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Aktuelles

2. Fachtag: Kirche und Tourismus in Sachsen

„Zwischen Gottes Güte und menschlichem Gütesiegel“

Bild: Aufmerksamkeit auf dem Fachtag in erster Reihe mit Staatsekretär Dr. Fritz Jaeckel (vorne 3.v.links)

Die Erwartungen der Organisatoren des 2. Fachtages „Kirche und Tourismus“ am 10. Januar gingen genauso in Erfüllung wie die der über 100 Teilnehmer, die sich im Tagungszentrum des Deutschen Hygienemuseums Dresden über Qualitätsstandards und Qualitätskriterien im Bereich des spirituellen Tourismus informierten und sich mit ihren Erfahrungen einbrachten. Eingeladen hatten die sächsische Landeskirche zusammen mit dem Lehrstuhl für Tourismuswirtschaft der TU Dresden unter der Fragestellung „Ist das Beste gut genug?“ Vorbereitet und unterstützt wurde dieser Tag durch die Arbeitsstelle „Kirche und Tourismus“, Referentin Angelika Schönfeld (Ev. Erwachsenenbildung Sachsen) und durch die Ehrenamtsakademie (Meißen). Aus unterschiedlichen Blickwinkeln sollten Qualitätsmerkmale aus theologischer oder wirtschaftlicher Sicht diskutiert werden.

Bild: OLKR Dietrich Bauer begrüßt die Gäste

Aufgabe sei es, eine gemeinsame Sprache zu finden, um dem gemeinsamen Anliegen gerecht zu werden, so Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer. Er hob in seiner Begrüßung die Stärke des christlichen Glaubens hervor, der sich von Anbeginn fremden Kulturen und Milieus öffnete. Schon alleine die Geschichte der Bibelübersetzungen sei nicht nur die reine Übersetzung von Wortbedeutungen. Der Qualitätsbegriff würde in seiner ursprünglichen Bedeutung nüchtern erst einmal nur ein Merkmal, eine Eigenschaft bezeichnen. Es gehe somit darum, den besonderen Charakter im kirchlichen Zusammenhang zu finden und was ihn ausmache. Bauer verwies auf den Kirchenbau als identitätsstiftenden Ort für die Menschen in dessen Nähe. Letztlich stehe die Frage nach „unserem Profil und unserem speziellen Merkmal“, sagte Bauer.

Bild: Staatssekretär Dr. Fritz Jaeckel (l.) und Andrea Kaminski am Pult

Staatssekretär Dr. Fritz Jaeckel aus dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft brachte sich in seinem Grußwort sehr engagiert ein und betonte eine stärkere Nachfrage nach religiösen Themen. Der spirituelle Tourismus begründe Gemeinschaft, Kirchen böten besondere Räume und seien Bestandteil des kulturellen Erbes. Darüber hinaus müsse auch das Bedürfnis von Menschen nach Ruhe, Erholung und Muße gesehen werden. Dazu gehörten für Dr. Jaeckel neben Natur- und Wandertourismus, auch spirituelle Angebote für Sammlung und Gebet. Er traue Kirche durchaus zu, „Promotor touristischer Qualität“ in Sachsen als Kulturreiseland zu sein. Dazu ermunterte er zu neuen Angeboten, um Synergien zwischen Tourismus und Kirche zu nutzen. Er sei sich mit Staatminister Frank Kupfer einig, die Weiterentwicklung des spirituellen Tourismus mit Interesse zu verfolgen. Für die Entwicklung ländlicher Räume gebe es klare Förderrichtlinien und das Geld sei für die nächste Förderperiode in Aussicht, wenn bei Modellprojekten nachprüfbar die Nachhaltigkeit und Qualität gewährleistet sei, so Dr. Jaeckel.

Bild: Verbandsdirektor Manfred Böhme (v.) und Dr. Folkert Fendler am Pult

Verbandsdirektor Manfred Böhme vom Landestourismusverband Sachsen e.V. ging auf das Themenjahr „Reformation und Toleranz“ ein und betonte den Begriff ‚Gastfreundschaft‘ als Willkommenskultur mit Reflexionen zu Jesu Leben bis zur Rolle der Kirche als „Kirche für andere“. Über den alltäglichen Wettlauf gegen die Zeit, die Rastlosigkeit und den Stress hinaus, sei ein Gegentrend zu beobachten, der Ruhe und Sehnsucht nach Einkehr verlange. Die Suche nach Sinn und Werten erkläre die Verdreifachung der Pilger auf den Pilgerwegen in den letzten zehn Jahren. Böhme plädierte daher für Gastfreundschaft, offene Kirchen und Themenangebote. Als Beispiel nannte er die Auszeichnung der St. Annenkirche und deren Angebote in Annaberg-Buchholz als erste Kirche mit Service Qualität vor drei Monaten. So spricht er sich für eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Kirche und Tourismus aus, wo die Initiatoren Erlebbarkeit im eigenen Handlungsfeld des spirituellen Tourismus anbieten. Ein neues Bewusstsein für Gastfreundschaft und Willkommenskultur müsse entwickelt werden. Der gemeinsame Maßstab sei Nachhaltigkeit und böte für die Kirche Chancen, Menschen neu für Werte und den Glauben zu gewinnen, so Böhme.

Bild: Dr. Folkert Fendler während seines Vortrags

Dr. Folkert Fendler aus Hildesheim, Leiter des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst, ging systematisch auf theologische Aspekte des Qualitätsbegriffs ein. Dies sei auf den Gottesdienst bezogen, durchaus umstritten. Das zeige sich an Begriffen wie „Kunden“ und „buchbares Produkt“. Ihm war aber die Unterscheidung von drei Ebenen bei der Betrachtung des Qualitätsmerkmals wichtig: So kann es einfach nur beschreibend als „Unverfügbar“ im kirchlichen Handeln angesehen werden, umgangssprachlich vom handwerklichen als „gut“ bewertet oder als Wesensbestimmung, wo Qualitätsmanagement für Bewusstsein und einen kritischen Blicke stehe. Auf „heilige Orte“, offene Kirchen mit Führungen und auf Pilgerwege angewandt, seien die erste und zweite Ebene interessant und müssten in „Aushandlungsprozessen“ konkretisiert werden. Diesen Spielraum gebe es, um beispielsweise bei offenen Kirchen aus Gastfreundschaft, Seelsorge, Verkündigung und Gemeindeaufbau in selbstbestimmten Handeln ein Qualitätsmerkmal abzuleiten und zu „buchstabieren“. Es gehe um die Suche nach dem eigenen Profil. ‚Kundenorientierung‘ stehe für Dr. Folkert nicht für Kommerz, sondern für Vertrauen und Verlässlichkeit.

Bild: Teilnehmer hören den Vortrag von Andrea Kaminski

Die Landesdozentin Servicequalität Deutschland, Andrea Kaminski aus Grumbach, erläutert Voraussetzungen für ein qualitätsvolles touristisches Angebot und ging der Frage nach, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es in der Darstellung der Angebote mit evangelischem Profil gibt. Sie betonte die Bedeutung des ‚Personals‘ und wie sie die Institution vertritt. Letztlich gehe es aber um die Erwartung des Kunden, der Gastfreundlichkeit erwarte. Frau Kaminski verweist auf die Vergabe des Siegels Service Q Sachsen an kirchliche Häuser mit ihrer Vielgestalt von der Pfarrscheune bis zum Hotel. Sie wirbt für die Kooperation vor Ort, wo Übernachtungseinrichtungen beispielsweise auf kirchliche Angebote hinweisen. Ebenfalls erinnert sie an das Potential der Kunstschätze. Mit vielen Angeboten gebe es auch viele Verknüpfungsmöglichkeiten. Orientierungshilfen seien: Erwartungen des Kunden, Prozessrelationen in Service-Stufen und Leistungsbewertung, nicht zuletzt als Selbsteinschätzung.

Bild: Radwegestand im Großenhainer Land europaweit beworben

Zu messen sei Zuverlässigkeit, fachliche Kompetenz, Herzlichkeit, Einfühlungsvermögen sowie das materielle Umfeld. Zum Einfühlungsvermögen gehöre auch die Frage nach einem ‚Reklamationsmanagement‘. Dem müsse ein Leitbild mit entsprechenden Inhalten zugrunde liegen, damit Prinzipien wie Offenheit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Wahrhaftigkeit geprüft werden können.

Informationsstände stellten Projekte, Vorhaben und Initiativen vor. Ein neuer Radwanderweg im Großenhainer Raum verbindet nicht nur interessante Kirchorte und schöne Landschaften, sondern stellt sich in die Reihe besonderer Orte Mitteleuropas im Projekt der Europäischen Union zu transnationaler Routen von Kirchen und sakralen Monumenten (thetris). Ebenfalls präsentierten sich der Lutherweg in Sachsen und der Jakobusweg mit zahlreichen Angeboten. Die ‚Reise Mission‘ aus Leipzig und andere Anbieter zeigten Möglichkeiten der Urlaubstouristischen Erlebnisse mit spirituellen Charakter.

Bild: Blíck in die AG zur Verwendung von Signets

Drei Arbeitsgruppen haben sich konkreten Fragen zugewandt: So beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe mit der Sinnhaftigkeit von Signets an Kirchbauten mit Beispielen aus dem Kirchenbezirk Leipziger Land und vom Lutherweg in Sachsen. Als nicht sehr hilfreich wurde die Anhäufung von Signets angesehen, vielmehr die Auswahl nach dem Profil der Angebote als Qualitätssicherung nach innen. Signets sollten selbsterklärend sein und nicht verwirren.

Bild: Blick in die AG Kirchenführer

Eine andere Gruppe diskutierte die Qualifikation und den richtigen Einsatz von Kirchenführer(innen). Dabei wurde ein anspruchsvolles Ausbildungsangebot der Dresdner Frauenkirche zusammen mit der Dreikönigskirche vorgestellt, der sich einer großen Nachfrage erfreut. Bei erfolgreichem Abschluss greift seitens der Frauenkirchenstiftung und der Landeskirche die weitgehende Übernahme der Kosten.

Es wurde als Manko angesehen, dass zu diesem Thema die Außensicht durch Touristiker fehlte. Als Eigenschaft eines Kirchenführers wurde die Empfindsamkeit gegenüber Gästen und gegenüber dem Raum hervorgehoben, aber auch sein Verständnis für Menschen mit anderen Maßstäben und ihrer Sicht der Dinge.

Bild: (v.l.n.r. Manfred Böhme, Dr. Jaeckel, OLKR Bauer und OKR Christoph Seele

Schließlich ging eine Arbeitsgruppe der Frage nach, worin besteht die besondere Qualität eines Pilgerweges gegenüber einem reinen Wanderweg und wie ist er touristisch nutzbar. Als Fazit wurde festgestellt, dass der Pilgerweg schon zielorientiert sei. Er stelle Wege dar und verbinde Orte mit Tradition, wo der Pilger in eine Gemeinschaft kommt, die spirituelle Erfahrung ermögliche. Es ist ein durch die vorgelebte Frömmigkeit geprägter geschützter Raum mit hoher Verbindlichkeit. Der Lebensweg stehe im Kontext des Pilgerweges.

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