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Pfingsten 1539: Reformatorische Zeitenwende in Leipzig

Bild: St. Thomas in Leipzig, wo Martin Luther predigte
Thomaskirche in Leipzig

Von Gernot Borriss, Leipzig

Bevor Leipzig im Jahre 2015 die 1.000. Wiederkehr seiner urkundlichen Ersterwähnung begeht, soll eine neue, vierbändige Stadtgeschichte vorliegen. Sie soll wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Als Zäsur zwischen den Bänden 1 und 2 haben die Autoren die Einführung der Reformation in Leipzig gesetzt. Das, was wir heute als Neuzeit begreifen, brach sich im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert in nahezu allen Gesellschaftssphären Bahn. Für weite Teile des mittleren und nördlichen Europas ist dieser Epochenbruch mit der Reformation verbunden. Dort, wo die reformatorischen Lehren nachhaltig Fuß fassten, war die Dominanz der römisch-katholischen Kirche damit beendet.
 
In unseren Breiten verdichtet sich die Wahrnehmung der Reformation zuvörderst auf den Kirchenerneuerer Martin Luther (1483 – 1546). Seine Thesen gegen die Praxis des Ablasshandels – am letzten Oktoberabend 1517 an das Portal der Wittenberger Schlosskirche geschlagen - setzte jene Lawine in Gang, die schließlich zur Begründung eigenständiger evangelischer Landeskirchen führte.

Bild: Luther-Skulptur in der Cranachstraße in Lindenau (Foto: Gernot Borriss)
Luther-Skulptur in der Cranachstraße in Lindenau (Foto: Gernot Borriss)

Neben der Landgrafschaft Hessen und dem vormaligen Ordensstaat im späteren Ostpreußen war es Sachsen, das zum eigentlichen Stammland der Reformation wurde. Doch anfänglich eben nur der kurfürstliche, ernestinische Teil mit dem Zentrum Wittenberg.

Im Herzogtum Sachsen widersetzte sich Herzog Georg der Bärtige (1471 - 1539) von Dresden aus nach Kräften der Einführung reformatorischer Lehren. Sein Bruder Heinrich der Fromme (1473 – 1541) ließ hingegen in den von ihm beherrschten Gebieten schon zu Lebzeiten Georgs reformatorische Lehren und Gottesdienste zu, wie Leipzigs Superintendent Martin Henker erinnert. Beispielhaft war dabei Freiberg.
 
Im Jahre 1539 folgte Heinrich seinem verstorbenen Bruder als Herzog von Sachsen und Markgraf von Meißen nach. Bereits während seiner Huldigungsreise durch das Herzogtum setzte er die Zeichen für den Konfessionswechsel des Landes.
 
„In Leipzig hat sicher nicht zufällig schon während der Huldigungsreise Heinrichs der erste offizielle, in seiner Anwesenheit vollzogene Akt evangelischen Glaubens stattgefunden“, sagt Martin Henker im Gespräch mit L-IZ.de. „Das dürfen die Leipziger nicht vergessen“, so der oberste evangelische Geistliche der Stadt. Zumal dieser Schritt damals gegen den mehrheitlichen Willen des Stadtrates und der Universität erfolgt sei, wie Henker betont. „Es ist eine Einführung der Reformation von oben gewesen“, steht für Martin Henker fest.

Pfingstpredigten von überregionaler Bedeutung

Bild: Superintendent Martin Henker (Foto: Gernot Borriss)
Superintendent Martin Henker (Foto: Gernot Borriss)

Zu Pfingsten 1539, einem der christlichen Hochfeste, weilten Herzog Heinrich und sein Gefolge in Leipzig. „Das Austeilen des Abendmahls in beiderlei Gestalt ist der eigentliche Vollzug des evangelisch Werdens“, sagt Superintendent Henker über die Zäsur, die mit den Gottesdiensten dieser Tage verbunden ist. Also das Ausspenden von Brot und Wein an alle Gläubigen. Bislang blieb der Wein den Klerikern vorbehalten.
 
Das geschah an jenen Pfingsttagen vor 474 Jahren in mehreren Etappen. Bereits am Samstag, dem Vorabend des Pfingstfestes, habe Martin Luther in der Pleißenburg gepredigt, so Martin Henker.
 
„Am Vormittag des Pfingstsonntages dann fanden mehrere Gottesdienste in den Leipziger Kirchen statt, in denen das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht wurde. Mindestens jedoch in der Thomaskirche und in der Nikolaikirche“, fährt der Superintendent fort.
 
Und dann folgt eine dieser Anekdoten, die die große Geschichte so menschlich machen. Nach den Worten von Martin Henker musste in letzter Minute für den Vormittagsgottesdienst in der Nikolaikirche für Martin Luther ein Vertretungspfarrer gefunden werden. Nachmittags stand Luther in der Kanzel der Thomaskirche als Prediger wieder seinen Mann. „Weil Luther in diesem Gottesdienst predigte, gilt dies als die Einführung der Reformation in Leipzig“, sagt Henker, „aber eigentlich war dies schon vormittags erfolgt.“ Man schrieb den 25. Mai 1539.

„Und weil alle Wettiner, auch die der Wittenberger Linie, und auch die bedeutenden Wittenberger Theologen anwesend waren, kann man mindestens sagen, dass die Einführung der Reformation in Leipzig mehr war als ein städtisches, nur lokales Ereignis“, ordnet Martin Henker dieses Ereignis ein. Dass die Reformation wenig später auch in Dresden eingeführt wurde, sei dann nur logisch gewesen. „Das geistige und wirtschaftliche Zentrum Mitteldeutschlands war zu dieser Zeit eindeutig Leipzig“, fügt Henker hinzu.

Dreifachereignis Ende Juni 2014 in Leipzig

Bild: Lutherfenster in der Leipziger Thomaskirche (Foto: Rainer Oettel)
Lutherfenster in St. Thomas, Adolf Stokinger (1889), Detail (Foto: Rainer Oettel)

Offenbar lässt die Abfolge der historischen Ereignisse jener Wochen zwischen Mai und Juli 1539 mehrere Interpretationen darüber zu, wann genau die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens mit der Einführung der Reformation im weiland herzoglichen Teil des alten Sachsens begründet wurde. Über 1539 als Gründungsjahr gibt es hingegen keinen Dissens. Wie schon 1989 wird auch 2014 die Landeskirche dieses Ereignisses gedenken. Und wie 1989 gibt es 2014 einen Landeskirchentag in Leipzig.
 
Vom 27. bis 29. Juni 2014 treffen sich hingegen nicht nur die evangelischen Christen der Region in der Messestadt. Parallel finden das Deutsche Evangelische Chorfest und die Landeskirchenmusiktage in Leipzig statt.

Der Beitrag ist in der Leipziger Internet Zeitung (L-IZ) erschienen

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