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Aktuelles

Sachsen: Begegnungstag für Aussiedler in Torgau

Reformation verpflichtet auf die eigenen Wurzeln des Glaubens zu schauen

Bild: Blick in den Kirchraum der St. Marienkirche

In der Stadtkirche St. Marien in Torgau ist am Samstagnachmittag der diesjährige Begegnungstag für Aussiedler zu Ende gegangen. Unter dem Motto „Gepflanzt wie ein Baum“ gab es am 14. September an mehreren Orten ein informelles und unterhaltsames Programm. Kultur, ein Expertenforum für Anfragen aus dem Kreis der Spätaussiedler, Workshops, ein Bühnenprogramm sowie besondere Angebote für unterschiedliche Altersgruppen waren in Teilen der Altstadt zu erleben. Insgesamt nahmen 1.500 Teilnehmer an diesem Begegnungstag teil.

Bild: Predigt vom Regionalbischof im Abschlussgottesdienst
Propst Dr. Johann Schneider

Im abschließenden Gottesdienst, der in russischer Übersetzung gehalten wurde, hielt der Regionalbischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg, Propst Dr. Johann Schneider (Halle), die Predigt. „Das Thema Heimat ist ein aktuelles“, sagte er. Es sei ein typisch deutsches Wort, was es nur in der Einzahl gibt. Das singuläre Erleben kenne er aus eigener Erfahrung, da er selbst aus einer Aussiedlerfamilie stamme. Er ging auf das Schicksal der Russlanddeutschen ein und fragte nach dem, was diesen Weg verbinde. Es sei auf der einen Seite das Leid und auf der anderen Seite die Hilfe und Unterstützung. Das Böse habe nicht das letzte Wort. Der Baum der verwurzelt steht, stehe nicht alleine, sondern mit anderen zusammen. „Jesus Christus ist den Weg mitgegangen, er begleitet und stärkt uns“, so Propst Dr. Schneider.

In der Stadtkirche begann am Vormittag der Begegnungstag mit einer Begrüßung der Angereisten durch den Superintendenten Mathias Imbusch.

Bild: OKR Friedemann Oehme (l.) und Oberbürgermeisterin Andrea Staude (r.)
Grußworte zu Beginn des Begegnungstages

Er verwies darauf, dass Torgau in besonderer Weise mit dem Reformationsgeschehen verbunden sei, „dass uns verpflichtet auf die eigenen Wurzeln des Glaubens zu schauen“.
Mit der örtlichen Kirchgemeinde und dem Kirchenkreis Torgau-Delitzsch sei der Begegnungstag zum ersten Mal außerhalb der sächsischen Landeskirche und diesem Fall auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) organisiert worden, sagte Oberkirchenrat Friedemann Oehme, sächsischer Ökumene-Beauftragter aus Dresden.

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens hatte wieder eingeladen, aber diesmal zusammen mit EKM das umfangreiche Programm organisiert. Somit war neben dem verantwortlichen Ortspfarrer Hans Christian Beer auch die von der EKM für die Aussiedlerarbeit beauftragte Pfarrer Christine Rothe maßgeblich tätig.
Oberbürgermeisterin Andrea Staude sprach ein „herzliches Willkommen in der Reformation- und Renaissancestadt Torgau“ aus. Sie verwies auf das politische Zentrum in Sachsen im 16. Jahrhundert und auf Namen wie Friedrich den Weisen, Johann Walter, Martin Luther u.a. sowie auf den ersten evangelischen Kirchenbau in der Schlosskapelle. Daher habe die Lutherdekade für Torgau einen hohen Stellenwert, sagte sie. 

Bild: Blick in die Marienkirche

Der Beauftragte für Spätaussiedler der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kirchenpräsident i.R. Helge Klassohn, ging in seiner Andacht auf das Schicksal der Russlanddeutschen ein, die nach dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschen Reiches als ‚Faschisten‘ und ‚Volksfeinde‘ beschimpft, verfolgt, deportiert, in den Lagern und in der Arbeiterarmee gequält und in unvorstellbarer großer Zahl umgebracht worden seien. Den Glauben und die feste Hoffnung auf Gottes Treue trugen sie im Herzen, dass sich das Schicksal wenden und Gottes Gerechtigkeit durchsetzen werde.

Jetzt hätten fast alle Deutschen aus Russland in Deutschland eine neue Heimat gefunden und seien in vielen Gemeinden integriert. "Wir sind ein Volk", trotzdem hätten es manche in Schule, Betrieb und Nachbarschaft nicht leicht mit „dummen Redensarten und Vorurteilen“. Klassohn sprach ihnen Mut zu, dass alle zu Gottes Volk gehörten und Gott seinem Volk durch gute und durch schlechte Zeiten weiter beistehen werde.

Bild: Martin Luther (l.) und seine Freunde
Lutherspiel der Jugend mit Musik

„Heute können wir uns hier in Torgau als Gottes großes Volk doch in Freiheit, Gerechtigkeit und Freude unter seinem Wort versammeln“, betonte der EKD-Beauftragte.

Nach Begrüßung und Andacht sowie Informationen über den Verlauf des Tages, begann in der Kirche das Erwachsenenprogramm mit einem Lutherspiel, das die Torgauer vorbereitet hatten. Musik und Tanz ergänzte das Programm.
Parallel war im gegenüberliegenden Gemeindehaus ein Bibel-Workshop für Jugendliche und Erwachsene angeboten. Zudem begann das Kinderprogramm im Märchenkeller der Stadtbibliothek. Insbesondere das Basteln stand hier im Vordergrund.

Bild: Chöre in russischer Tracht waren ein Zuschauermagnet

Die Trommel- und Tanzworkshops für die Jugend dienten der späteren Vorführung  auf der Offenen Bühne.

Bild: Jugend probiert sich in Grafiti

Das Bühnenprogramm ab 12:00 Uhr war zudem gestaltet von Chören und Tanzgruppen, die eindrücklich die russische Seele zum Ausdruck brachten. Immerhin wuchsen viele ältere Spätaussiedler sehr eng mit dieser Kultur auf.
Das Mittagessen wurde in einem Großzelt im Rosengarten am Schloss ausgereicht. Auch dort erklangen deutsche und russische Volklieder auf einer kleinen Bühne.
Bereits vormittags wurde der ‚Markt der Möglichkeiten‘ mit Ständen an der Marienkirche aufgebaut, wo sich Aussiedlervereine und kirchliche Werke vorstellten.

Hinter der Marienkirche konnten sich die Teilnehmer bei Kaffee und Kuchen unterhalten. Insbesondere örtliche und kirchgemeindliche Initiativen zeigten großes Engagement in der Bewirtung der Gäste.

Bild: Ausgabe von Suppe und Wurst musste schnell erfolgen
Essenausgabe im Sekundentakt

Zum Gesprächsforum im Plenarsaal (Flügel D) im Schloss Hartenfels waren nach dem Mittagessen der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium des Innern und Aussiedlerbeauftragte des Bundes, Dr. Christoph Bergner, sowie Vertreter sächsischer Behörden gekommen, die in verschiedenen Zusammenhängen mit den Problemlagen von neu Hinzugezogenen vertraut sind. Der EKD-Beauftragte für Spätaussiedler, Helge Klassohn, war ebenfalls wieder in der Runde.
Dr. Bergner war insbesondere hinsichtlich des jetzt in Kraft getretenen 10. Änderungsgesetzes zum Bundesvertriebenengesetz gefragt. Er bestätigte, dass es jetzt  leichter ist, Familien zusammen zu führen. Insbesondere die laufenden Fälle werden neu bearbeitet. Was die Sprachtests angehe, so reichen deutsche Sprachkenntnisse und nicht mehr im Nachweis auf familiengeprägte. Hinsichtlich neuer Formulare und zukünftiger Dauer der Bearbeitung konnte noch nichts gesagt werden.

Bild: Nach dem Forum gab es noch viele Fragen

Es sei aber nicht zu erwarten, dass die Aussiedlerzahlen sprunghaft ansteigen werden. Immerhin sind die Zuzugszahlen in den letzten Jahren stark zurückgegangen. So kamen im letzten Jahr lediglich 100 Neuzuzüge nach Sachsen.

Wie in den Jahren zuvor, standen wieder Fragen zu Renten, Arbeit, Qualifizierung und Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen im Vordergrund. Vom Fremdrentengesetz könne nicht abgerückt werden, d.h. es bleibt dabei, dass russische Renten an die hiesigen Renten angerechnet werden. Die Bundesregierung bemühe sich um Verwaltungserleichterungen, die in Gesprächen mit Russland noch nicht zum Erfolg führten.
Hinsichtlich der Informationsmaterialien gibt es neue Publikationen, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zur Verfügung stellt. Auch der Freistaat trumpft auf mit einem Zuwanderungs-Internet-Portal, wo entsprechende Informationen abgerufen werden können. Zudem wird für Respekt und Toleranz geworben.

Bild: Kinderprogramm nicht nur indoor

Aufgrund der demografischen Situation in Sachsen, dass beispielsweise in Pflegeberufen, der Bildung und anderen Bereichen zunehmend Arbeits- und Fachkräfte gesucht werden, komme den Integrationssprachkursen sowie passgerechten Qualifizierungsmaßnahmen eine noch größere Bedeutung zu.

Der Begegnungstag dient dem persönlichen Austausch unter den Spätaussiedlern und dem Kontakt mit Einheimischen. Der letzte Begegnungstag fand 2012 in Coswig/Sa. statt.
Ziel der Veranstaltung ist zudem, die Zugezogenen zu ermutigen und eine breite Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft über die aktuellen Aufgaben der Eingliederung in Sachsen zu informieren. Der Begegnungstag für Aussiedler wird vom Freistaat Sachsen gefördert.(14.9.2013)

  • Nächster Begegnungstag am 13. September 2014 in der westsächsischen Stadt GLAUCHAU.

Bild: Blick ins Forum im Torgauer Schloss
Interessierte Besucher und Zuhörer beim Forum im Torgauer Schloss mit etlichen Fragen

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