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Aktuelles

Friedenswettbewerb und zweite Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche

Drei Schülergruppen als Sieger des sachsenweiten Friedenswettbewerbs

Bild: Ehrung einer Schülergruppe (Foto: pr Frauenkirche)

In der Frauenkirche sind am Nachmittag des 18. März drei Schülergruppen ausgezeichnet worden, die aus dem anlässlich der abendliche Rede des Friedensnobelpreisträgers Dr. Mohamed ElBaradei ausgelobten sachsenweiten Friedenswettbewerb siegreich hervorgegangen sind. Zwei weiteren Gruppen wurden Würdigungen zugesprochen. Die 20 Schülerinnen und Schüler hatten im Anschluss an die Ehrung die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch mit dem ägyptischen Diplomaten.

Bild: Schüler kamen ins Gespräch mit dem Nobelpreisträger (Foto: pr Frauenkirche)

In der Feierstunde lobte die Jury zunächst ausdrücklich das Engagement aller 125 Teilnehmerinnen und Teilnehmer: „Wir freuen uns über die vielen interessanten Einreichungen und die insgesamt bemerkenswerten Beiträge, in denen offensichtlich viel Arbeit und Engagement steckt. Besonders hervorzuheben ist die Kreativität, mit der die Schüler einerseits die Gründe für das Streben nach Atomwaffen darstellen und zugleich die Folgen des Besitzes für die internationale Sicherheit und einen möglichen Einsatz dabei nicht außer Acht lassen.“ Als besonders erfreulich wertete die Jury, dass die Jugendlichen im Kontrast zu den 1980er Jahren nicht nur eine europäische Perspektive einnahmen, sondern die globalen Aspekte der (Nicht-)Verbreitung und Möglichkeiten der Kontrolle von Atomwaffen thematisierten.

Bild: Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Dr. Mohamed ElBaradei (Foto: pr Frauenkirche)
MP Stanislaw Tillich und Dr. Mohamed ElBaradei

Staatssekretär Herbert Wolff vom Sächsischen Ministerium für Kultus nahm die Ehrung der Einreichung „zehn“ - Thesenanschlag vor; einer Verbindung aus Essay und Kurzfilm, die fünf Schülerinnen und Schüler der Abiturstufe des Evangelischen Kreuzgymnasiums Dresden vorgelegt hatten. „Neben der sehr schlüssigen Streitschrift, die Sehnsüchte, Appelle, Bedenken und Begehren der jungen Generation auf- und anzeigt, haben die Schüler/innen auch eine filmische Übersetzung der Worte eingereicht, die in ihrer expressiven Symbolhaftigkeit einem apokalyptischem Aufschrei nahekommt“, so Wolff. Lobend erwähnte er zudem die hervorragende Filmmusik, die vom 15-jährigen Adrian Laugsch, einem der jüngsten Komponisten in Sachsens, stammt.

Zur Sonderausgabe des politischen Jugendmagazins THE ROAD mit dem Titel „Frieden statt Bekriegen“ – Auf dem Weg in eine Welt ohne Nuklearwaffen (?!), die die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Dresden Plauen erstellt hatten, bemerkte Botschafter Christoph Eichhorn vom Auswärtigen Amt: „Das Magazin fällt durch seine sachliche Kompetenz, professionelle Gestaltung und den überaus differenzierten Umgang mit dem Wettbewerbsthema positiv auf. Es ist ein exzellent recherchiertes, bestens durchdachtes Heft, das Interesse für das Thema (nicht nur) bei Jugendlichen weckt.

Bild: Preisübergabe (Foto: pr Frauenkirche)

Dr. Oliver Meier von der Stiftung Wissenschaft und Politik hob bei der Ehrung der filmischen Einreichung „Die Entscheidung liegt bei Euch! – Für eine Zukunft ihre Atomwaffen“ die Eindringlichkeit und Kreativität hervor, mit der die fünf Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 10 des Evangelischen Kreuzgymnasiums Dresden die Themenstellung bearbeiteten. „Der Beitrag wirft vor allem die Frage auf, welche Dilemmata sowohl eine atomwaffenfreie Welt als auch das Festhalten an Atomwaffen mit sich bringt. Eine solch differenzierte und für den Zuschauer manchmal überraschende Analyse, verbunden mit der Aufforderung, selbst zu entscheiden welche Welt die bessere ist, dürfte ein nachhaltigeres Engagement für die nukleare Abrüstung hervorbringen als plakative Warnungen vor dem Atomkrieg.“

Zwei weitere Einreichungen wurden mit einer besonderen Würdigung prämiert. Dem Beitrag „Atomwaffen – Notwendiges Übel oder Verantwortungslosigkeit?“ von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10 des Dresdner St. Benno Gymnasiums wurde eine Würdigung für die „bemerkenswerte inhaltliche Gestaltung und die hochwertige Umsetzung des Hörspiel-Features“ ausgesprochen. Bei der Einreichung “This House believes that a world without nuclear weapons is an illusion“ der English Debating Society des St. Benno-Gymnasiums wurde die fundierte und eloquente Argumentation in englischer Sprache herausgehoben.

Bild: Preisvergabe (Foto: pr Frauenkirche)

Die Preisverleihung wurde durch Dr. Mohamed ElBaradei und im Beisein von Ministerpräsident Stanislaw Tillich, den Jurymitgliedern und Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann vorgenommen.

Direkt im Anschluss hatten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, mit dem Friedensnobelpreisträger ins Gespräch zu kommen. Hierauf hatten sie sich bei einem Vortreffen und am Tage selbst in einem umfassenden Tagesprogramm in der Frauenkirche intensiv vorbereitet. In diesem Rahmen formulierten die Jugendlichen auch ihre Wünsche für eine friedlichere Welt, die sie in einer „Wunschwelt“ platzierten. Die durchsichtige Installation in Form einer Weltkugel wird am Abend bei der Friedensrede von Dr. Mohamed ElBaradei in der Frauenkirche zu sehen sein und im Anschluss in den Hauptkuppelraum verbracht, wo sie ihren Platz bis zum nächsten Schülerwettbewerb haben wird.

Der Friedenswettbewerb war erstmals durch die Stiftung Frauenkirche Dresden ausgerufen worden. Er richtete sich an Schülerinnen und Schüler der 9. bis 12. Klassen sächsischer weiterführender Schulen und war bewusst als Gruppenwettbewerb konzipiert. Es beteiligten sich in diesem Jahr 125 junge Leute zwischen 14 und 18 Jahren. Neben Einreichungen verschiedener Dresdner Gymnasien gab es auch Beiträge aus Borna, Burgstädt und Delitzsch. Das Wettbewerbsthema „Eine Welt ohne Nuklearwaffen – Illusion oder Auftrag an die junge Generation in dieser Welt?“ war von Dr. ElBaradei mit dem Ziel gestellt worden, die junge Generation zum Nachdenken über eine atomwaffenfreie Welt anzuregen.

10 Schritte der Hoffnung – Rede des Friedensnobelpreisträger Dr. ElBaradei

Am Abend sprach Friedensnobelpreisträger Dr. Mohamed ElBaradei in der Dresdner Frauenkirche. In seiner Rede vor 800 interessierten Zuhörern wagte er unter der Überschrift „Dauerhafter Frieden ist nicht nur Wunschdenken“ eine ermutigende Perspektive.

„Die Kunst, Krieg zu führen, ist erlernt. Also sind wir ebenso  in der Lage zu lernen – und unseren Kindern zu lehren – wie wir Frieden halten“, erklärte Dr. ElBaradei zum Auftakt seiner 40-minütigen Rede. Von Beginn an ließ er keinen Zweifel an seiner Ansicht, dass die Weltbevölkerung keineswegs zu einem ewigen Gewaltkreislauf verdammt sei. Vielmehr müssen tradierte Pfade verlassen und neue Friedenswege gesucht, erkannt und beschritten werden.

Bild: Friedensnobelpreisträger Dr. Mohamed ElBaradei (r.) in der Frauenkirche (Foto: pr Frauenkirche)

Stellschrauben zu einer friedlicheren, gerechteren Welt

10 Schritte der Hoffnung skizzierte der Friedensnobelpreisträger, durch die unsere Welt auch in einem absehbaren Zeitraum wie einer Dekade friedlicher und gerechter werden kann. Diese unterwarf er dem selbstgesteckten Anspruch, realistische Maßnahmen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu sein.

Dr. ElBaradei warb dafür, im Kleinen wie im Großen die Argumente der Andersmeinenden zu hinterfragen und anzuerkennen. „Wir müssen die Dualität der menschlichen Natur verstehen: Wir haben gemeinsame Werte, aber divergierende Perspektiven.“ Unabhängig ihrer Herkunft strebten die Menschen weltweit und konfessionsübergreifend nach Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, brechen aber bereitwillig mit eben jenen Grundsätzen, wenn es die Situation zu erfordern scheint. Dass wir inzwischen in einer globalisierten Welt leben, erschwere die Dinge zusätzlich.

Eine wesentliche Ursache für Konflikte und Kriege sieht Dr. ElBaradei im extrem ungleich verteilten Reichtum. Daher forderte er auf, sowohl der Tatsache als auch den fatalen Folgen ins Auge zu sehen. Unsere Welt könne erst dann eine friedlichere werden, wenn ökonomische und soziale Ungleichheiten benannt und ihre Auswirkungen bewusst gemacht würden.

Unmissverständlich verdeutlichte er, wie unterschiedlich selbst die Wertigkeit menschlichen Lebens bemessen wird: „Während des Irak-Krieges wussten wir genau, wie viele US-Soldaten ihr Leben ließen; aber keiner machte sich die Mühe, mehr als nur eine vage Schätzung der zivilen Opfer dieses Krieges abzugeben.“ Verhungerte Kinder in Afrika versetzten uns weit weniger in Aufruhr als wenn dieses Schicksal einzelne deutsche oder amerikanische Kinder träfe. Mit diesem Missstand müsse man sich auseinandersetzen.

„Kluge Waffen ernähren keine Hungrigen“

Dr. ElBaradei rief zu einem Umdenken in der Sicherheitspolitik auf. Menschliche Sicherheit müsse neu definiert werden. Leitend solle die Erkenntnis sein, dass militärische Lösungen ineffektiv sind: „Kluge Waffen ernähren keine Hungrigen. Panzer und Raketen können nicht gegen Krankheiten kämpfen oder die ungerechte Verteilung von Reichtum auflösen.“ Wesentlich wirkungsvoller seien Dialog und Diplomatie als wichtigste Mittel zur gegenseitigen Verständigung. Um diesem Ziel näher zu kommen, forderte Dr. ElBaradei eine Reform internationaler Institutionen wie dem UN-Sicherheitsrat.

Als einen weiteren wesentlichen Schritt für eine friedvollere Zukunft benannte Dr. ElBaradei den uneingeschränkten Transfer von Wissen und Technologien: Nicht nur diejenigen sollten von neuen Erkenntnissen und Verfahren profitieren, die sie bezahlen können, sondern diejenigen, die sie benötigen. Gleichsam rief er dazu auf, neu über wirtschaftliche Zusammenhänge nachzudenken: „Es ist Zeit für eine neue Sicht auf eine globale Wirtschaftsordnung, die ausdrücklich darauf ausgerichtet ist, Wohlstand durch Frieden zu erreichen.“

Nuklearwaffen müssen geächtet werden

Als Friedensnobelpreisträger, der 2005 für sein Engagement gegen die militärische und für eine möglichst friedvolle Nutzung der Atomenergie ausgezeichnet wurde, verlieh Dr. ElBaradei einmal mehr seiner Überzeugung Ausdruck, dass eine Welt ohne Atomwaffen eine sicherere ist. Wenn man aber wolle, dass sich nicht weitere Länder atomar bewaffneten, müssten die Länder, die im Besitz dieser Waffen sind, abrüsten. „So lange manche Länder auf Nuklearwaffen setzen, werden andere in deren Besitz kommen wollen. Menschliche Sicherheit ist aber kein Null-Summen-Spiel.“

Abschließend richtete Dr. ElBaradei einen eindringlichen Appell an die breite Öffentlichkeit. Bildung sei für ihn der Schlüssel zur Überwindung vieler Missverständnisse, die zu Konflikten, Gewalt und Krieg führen können. Da Neugier und die Kraft zu lernen jedem eigen seien, sollen sich alle angesprochen fühlen: „Wir müssen die Friedenskünste neu lernen - und sie vor allem der Jugend lehren.“

Zweite Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche

Mit Dr. Mohamed ElBaradei konnte die Dresdner Frauenkirche zum zweiten Mal den Träger des Friedensnobelpreises für eine öffentliche Rede gewinnen. Zuvor hatte im Dezember 2010 der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari das Wort ergriffen. Mit diesen Reden möchte die Frauenkirche Dresden als Ort des Friedens und der Versöhnung dazu beitragen, die Beschäftigung mit grundsätzlichen und aktuellen Friedensfragen voranzutreiben. Eine Fortschreibung des besonderen Veranstaltungsformats ist geplant.

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