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Aktuelles

Begegnungstag für Aussiedler 2014 in Glauchau

Der diesjährige Begegnungstag stand unter dem Motto „Lebendige Brücken“

Bild: Begrüßung in der Georgenkirche am Samstagvormittag

Ein Zentrum des Begegnungstages im westsächsischen Glauchau war die Stadtkirche St. Georgen, in der das Treffen der Spätaussiedler am Samstagvormittag des 13. September begann. Begrüßt wurden hier die vielfach mit Bussen angereisten Teilnehmer von den Gastgebern. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens hatte wieder federführend zum Begegnungstag für Aussiedler eingeladen, aber ein solches Treffen bedarf breiter Unterstützung und vieler Helfer. So wurde den örtlichen Kirchgemeinden gedankt sowie dem Freistaat Sachsen für seine Förderung. Der Landkreis Zwickau und die Stadt Glauchau hießen die Gäste willkommen.

Bild: Superintendent Jenichen begrüßt die Gäste
Superintendent Jenichen (r.)

Zu Beginn des Willkommens in der außen und innen hell fertigsanierten St. Georgenkirche richtete Superintendent Johannes Jenichen (Kirchenbezirk Glauchau-Rochlitz) sein Wort an die Gäste und ermunterte die Teilnehmer aufeinander zuzugehen. „Wir sind miteinander und füreinander da“, sagte er und ergänzte: Die Zuwendung könne helfen Heimat zu finden. „Lebendige Brücken können wir bauen jeden Tag“.

Landrat Dr. Christoph Scheurer erinnerte an einen früheren Begegnungstag, der in Zwickau standfand, und wo er auch die Teilnehmer begrüßen konnte. Zum gleichen Anlass sei er nun in seiner Heimatstadt Glauchau. Die Bedeutung des Treffens sei eine Brücke zur Stadt und er ermunterte die Gäste, ihre Kultur „mitzubringen“. Er wünschte den Gastgebern und Gästen einen guten und gesegneten Tag. In diesem Sinne schloss sich auch das Grußwort von Oberbürgermeister Dr. Peter Dresler an, der es in russischer Sprache vortrug.

Bild: Landrat Dr. Scheurer
Svetlana Parkhomenko (Dolmetscherin), Dr. Scheurer, OKR Oehme (r.)

Der Begegnungstag, der seit 1996 jährlich jeweils an unterschiedlichen Orten auf dem Gebiet der sächsischen Landeskirche stattfindet, bot auch in diesem Jahr ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm, zu dem schließlich 1.100 Teilnehmer kamen. So gab es unter dem kulturelle Beiträge auf dem Marktplatz, ein Expertenforum für Anfragen aus dem Kreis der Spätaussiedler, ein Bühnenprogramm sowie besondere Angebote für Kinder und Jugendliche. Das feuchte Wetter trübte zwar den Tag, aber minderte nicht das Interesse am Programm.

Die Jugendlichen trafen sich am „Youth Point“ auf dem Glauchauer Kirchplatz und für die Kinder öffnete sich im städtischen Kinder- und Jugendhaus das Freizeitparadies.

Bild: Aussiedlerchor auf der Bühne
Aussiedlerchor aus Deggendorf bei Regensburg

Ein weiterer zentraler Treffpunkt mit Großzelt und Bühne war der Markt, wo insbesondere musikalische Beiträge von Chören bis zu Beginn des Abschlussgottesdienstes auf dem Programm standen. U.a. kam aus Dresden der Chor ‚Silberklang‘. Da sich das Großzelt als Verpflegungszelt in unmittelbarer Nähe der Bühne befand, störte der Sprühregen nicht all zu sehr.
Hier gab es auch den traditionellen „Markt der Möglichkeiten“ mit Ständen von Aussiedlervereinen und kirchlichen Einrichtungen.

Vom Brunnen auf dem Markt begannen ebenfalls nach dem Auftakt in der Stadtkirche Führungen zu den Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum der Großen Kreisstadt Glauchau. Dazu zählte auch die imposante Schlossanlage, in der an diesem Tag neben Ausstellungsangeboten etliche Stände auf heimische Produkte aufmerksam machten.

Bild: Stand der Diakonie Westsachsen auf dem Markt

Weitere Orte der Begegnung und der Andacht im Rahmen des Aussiedlertages waren die katholische St. Marienkirche sowie das Bibelstundenzimmer am Kirchplatz für eine Gebetsversammlung.

Zum Gesprächsforum im Georgius-Agricola-Gymnasium kamen Vertreter der Sächsischen Staatskanzlei und sächsischer Behörden, die in verschiedenen Zusammenhängen mit den Problemlagen von neu Hinzugezogenen vertraut sind. Im Podium stand auch Kirchenpräsident i.R. Helge Klassohn, Beauftragter des Rates der EKD für Spätaussiedler und Heimatvertriebene, den Anfragen der Spätaussiedler zur Verfügung.

Bild: Fragen von Aussiedler an das Podium
OKR Oehme interviewt Aussiedlerin

Klassohn verwies auf einen Wettbewerb der EKD, den auch der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk MdB, unterstützt. Hier werden Projekte, Aktionen ausgezeichnet, die unterschiedliche Menschen und Welten verbinden, z.B.: Zugewanderte und Einheimische, Herkunftskirchen und Kirchen in Deutschland, Herkunftsländer und Aufnahmeland.
Zudem rief der kirchliche Spätaussiedlerbeauftragte in Erinnerung, dass 43 Prozent der Spätaussiedler als Konfessionsmerkmal „evangelisch“ angeben würden. Aus dieser Gruppe seien es mittlerweile fünf Prozent der Gemeindeglieder im Osten und zehn Prozent im Westen. Über diesen Anteil deutlich hinaus, würden sie als Mitarbeitende kirchenmusikalische Dienste oder Küsterdienste tun. „Die Spätaussiedler sind ein großer Gewinn für die Kirchgemeinden“, sagte Klassohn.

Bild: Podiumsbesetzung mit den Übersetzern im Vordergrund

Nach Anfragen an den EKD-Beauftragten zu den Aktivitäten der Evangelischen Kirche und die Frage nach der Zusammenarbeit mit dem Beauftragten der Bundesregierung, richteten sich die Blicke auch auf den Freistaat Sachsen und dessen Akzente und Konzepte der Integration dieser Zuwanderungsgruppe.

Es kam auch der jetzt in Sachsen eingeführte Gedenktag für Heimatvertriebene (2. Sonntag im September) zur Sprache, da immerhin auch Millionen von Russland-Deutschen 1941 vertrieben wurden. Für sie sei aber der 28. August nach Stalins Deportationserlass ein besonderer Trauer- und Gedenktag. Es ist für die Zukunft zu fragen, inwieweit in Sachsen Akzente auch in Richtung dieser Landsmannschaft gesetzt werden. Immerhin seien sie ebenfalls „Brückenbauer“ zur früheren Heimat zu Verwandten und Freunden mit entsprechender Sprachkompetenz.

Bild: Direkte Fragen an die Fachleute nach dem Forum

Thomas Grum, Referent im Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, erläuterte das Konzept des Freistaates, ein weltoffenes und friedliches Klima für das Zusammenleben zu schaffen. In Sachsen würden rund 100.000 Ausländer leben und 100.000 Spätaussiedler kamen bisher, von denen 40.000 in Sachsen blieben und damit die weitaus größte Migrationsgruppe darstellten.

Die existentiell bewegenden Anfragen der Spätaussiedler drehten sich wie schon in der Vergangenheit um die Anerkennung der Berufsabschlüsse und Nachqualifikationen sowie um Sprachkenntnisse. Die Bundesagentur für Arbeit weiß zu berichten, dass 70 Prozent der Migranten nicht anstreben, ihre Berufsabschlüsse anerkennen zu lassen, obwohl die Verfahren erleichtert wurden.

Bild: Forum mit Podium der Diskussionspartner; Mitte Helge Klassohn

Die Fremdrentenfrage stand auch wieder auf der Tagesordnung, weil es für die ältere Menschen physisch und finanziell schwer möglich ist, die Rentenstelle in Russland persönlich zu besuchen. Es wurde der Vorschlag gemacht beispielsweise in Berlin eine dauerhafte Vertretung der Rentenstelle in Deutschland einzurichten.
Darauf habe nach Aussage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge die Bundesrepublik keinen Einfluss und es gebe kein entsprechendes Abkommen mit Russland. Zudem sei ein persönliches Erscheinen in Russland nicht notwendig, sondern es genüge der Postweg.

Als ein immer wiederkehrendes Ärgernis wurden trotz Erleichterungen in Anerkennungsverfahren die zuvor notwendigen Sprachabschlüsse in Russland angesprochen, die oft nur das einzige Hemmnis darstellten.

Bild: Tanzgruppe bringt Bewegung ins Programm
Parallel ging das Programm auf dem Markt weiter

In Deutschland könne man effektiver die Sprachkurse machen, als irgendwo in Sibirien, so die Aussiedler.
Neben anderen Fragestellungen wurde insbesondere die Garantieerklärung für Besuche aus dem Ausland (auch engste Familienangehörige) kritisiert, weil es nicht nur um eine „Erklärung“ ginge, sondern um Einkommensnachweise, die selbst gut Verdienende in Deutschland kaum aufbringen könnten, geschweige denn Arbeitslosengeld II-Empfänger. Es machte die Runde, gerade in dieser Frage die Aussiedler in Deutschland betreffend, eine Petition zu initiieren.

Nach dem Kulturprogramm auf dem Markt vor dem Rathaus versammelten sich die Teilnehmer am Nachmittag zum Abschlussgottesdienst erneut in der St. Georgenkirche. An dem unter ökumenischer Beteiligung zweisprachigen Gottesdienst nahm auch neben den Glauchauer Pfarrern und dem Superintendenten der Pfarrer der katholischen Kirche St. Marien teil und der Generalvikar des Bistums Dresden-Meißen, Andreas Kutschke, richtete ein Grußwort an die Gemeinde.

Bild: Blick in die Georgenkirche während des Abschlussgottesdienstes

Musikalisch gestalteten Chor und Bläserchor der St.-Georgen-Kirchgemeinde unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Guido Schmiedel den Gottesdienst.

Landesbischof Jochen Bohl richtete seine Predigt am Predigttext an der Gestalt des Zöllners Zachäus als Außenseiter aus, der Jesus unbedingt sehen musste und deshalb auf einen Baum kletterte.

Bild: Landesbischof Bohl hielt die Predigt

Trotz seines Reichtums war dieser Mann einsam und suchte die Begegnung, die ihm sonst versagt blieb. Zumindest was das Außenseiter-Dasein angehe, sah Bohl Parallelen zum Schicksal der Spätaussiedler als gezeichnet mit „Deutsche“ in Russland und „Russen“ in Deutschland.

Jesus baute eine Brücke zu Zachäus und besuchte ihn. Daraus folgten seine Veränderung in Reue, Schuldannahme und der Versuch, mit Wiedergutmachung Brücken zu anderen Menschen zu bauen. „Wer an Jesus Christus glaubt, der ist nicht allein – kein Außenseiter“, so Bohl. So frage Jesus nach dem Glauben, nicht nach der Herkunft und Stellung. Damit baue er Brücken zu Menschen. Das sei nun auch Aufgabe der ganzen Kirche und aller Christen Brücken zu bauen. In diesem Sinne diene auch der jährliche Aussiedlertag, sagte der Landesbischof und wünschte allen Zugezogenen, eine neue Heimat zu finden.

Bild: Informationen über den Begegnungstag im Eingang der Kirche

Der Begegnungstag dient dem persönlichen Austausch unter den Spätaussiedlern und dem Kontakt mit Einheimischen. Der letzte Begegnungstag fand 2013 in Torgau in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland statt.
Mit dieser Veranstaltung sollen sowohl die Zugezogenen willkommen geheißen und ermutigt, als auch eine breite Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft über die aktuellen Aufgaben der Eingliederung in Sachsen informiert werden.
Im nächsten Jahr lädt die Landeskirche zum 12. September in das erzgebirgische Schneeberg ein.

In den letzten zwei Jahrzehnten kamen über zwei Millionen Spätaussiedler, meist aus den ehemaligen GUS-Staaten, nach Deutschland, darunter 130.000 nach Sachsen.

Bild: St. Georgenkirche in Glauchau

Im letzten Jahr sind nur 118 Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen nach Sachsen gezogen. Damit verharrte der Zuzug auf niedrigem Niveau (2012: 102 Personen). Aufgrund von rechtlich veränderten Rahmenbedingungen und eines erleichterten Antragsverfahrens mit einer höheren Genehmigungsrate stieg der Zuzug in diesem Jahr allein bis einschließlich des Monats Juli auf 150 Personen.
Diese Veränderung ist dennoch bisher kaum relevant im Vergleich von Zuzügen in den Jahren 2004 mit 3.826 Personen oder gar 1994 mit 17.173 Spätaussiedlern.(13.9.2014)

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