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Aktuelles

Christliche Gemeinde hilft im nordsyrischen Aleppo

Armenisch-evangelische Gemeinde in der Stadt Aleppo wird zum Rettungsanker

Bild: Kinder in der armenisch-evangelischen Kirche mit Pfarrer Haroutune Selimian (Foto: Gemeinde Aleppo)

Von Doreen Just, GAW-Leipzig

Haroutune Selimian ist Pfarrer der armenisch-evangelischen Gemeinde in Aleppo. Die nordsyrische Stadt zählte einst zu den ältesten und schönsten Städten im Nahen Osten. Doch der Bürgerkrieg hat das Weltkulturerbe Aleppo in ein Trümmerfeld verwandelt. „Mehr als die Hälfte von Aleppo sind völlig zerstört“, schätzt Selimian. Hunderttausende Menschen sind in den letzten Jahren aus Aleppo geflohen.

Haroutune Selimian betreut Menschen, die in Aleppo geblieben sind, Menschen, die inmitten der täglich andauernden Gewalt und Zerstörung ums Überleben kämpfen. „Das Leben dieser Menschen ist hart“, erzählt er, „sie leiden unter unvorstellbar großen psychischen Belastungen, sind traumatisiert.“

Bild: Untersuchung in der Poliklinik (Foto: Gemeinde Aleppo)
Hilfe in der eingerichteten Poliklinik

Rund 500 Familien profitieren zurzeit von der Hilfe der armenisch-evangelischen Gemeinde in Aleppo: Familien, die zur Gemeinde gehören; Familien, deren Kinder die Schule der Gemeinde besuchen und Menschen, die Hilfe in der Polyklinik finden, die die Gemeinde nach dem Zusammenbruch der medizinischen Versorgung in Aleppo eingerichtet hat. „Die Hilfsangebote unserer Gemeinde, die Schule und die Polyklinik sind offen für alle Menschen, egal welcher Religion oder Konfession sie angehören“, sagt Haroutune Selimian, „Natürlich wenden sich viele unserer Gemeindemitglieder an uns. Aber zu uns kommen auch Menschen, die nicht zur Gemeinde gehören, auch Muslime.“

Regelmäßig werden Lebensmittelpakete auf dem Campus der Gemeinde ausgegeben. Noch vor einem Jahr sind rund 200 Familien regelmäßig gekommen, um Lebensmittelspenden entgegenzunehmen. Heute sind es mehr als doppelt so viele. „Ein Lebensmittelpaket enthält beispielsweise Reis, Öl, Zucker, Erbsen und Bohnen“, erzählt Selimian, „Familien mit kleinen Kindern erhalten auch Milch und Windeln.“ Sorge bereitet dem Pfarrer der ständige Anstieg der Preise, der es immer schwieriger macht, Lebensmittel zu beschaffen.

Bild: Inhalt eines Lebensmittelpakets hilft zum Überleben (Foto: Gemeinde Aleppo)

Es gibt Menschen, deren Überleben allein von der evangelisch-armenischen Gemeinde abhängt. Haroutune erzählt von der 80-jährigen Azniv: „Sie war Englischlehrerin an unserer Schule, ist alleinstehend. Im Juli 2013 wurde das Viertel, in dem sie lebte, mit Raketen beschossen. Azniv ist seitdem taub. Sie kann sich nicht mehr selbst versorgen. Trotzdem erlaubt ihr Stolz es ihr nicht, um Hilfe zu bitten. Wir gehen regelmäßig zu ihr, um ihr Lebensmittel und Medikamente zu bringen.“

Möglich ist das Engagement der Gemeinde aufgrund von Spenden, die sie beispielsweise über die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen im Nahen Osten (Fellowship of Middle East Evangelical Churches – FMEEC) erhält. Rosangela Jarjour, Generalsekretärin der FMEEC: „Es war bedrückend für uns als die Armenisch-Evangelische Kirche in Syrien erstmals bei uns um Hilfe bat. Armenier arbeiteten in Syrien vor dem Krieg zumeist als Kaufleute, Ärzte, Ingenieure – Menschen also, denen es vergleichsweise gut ging. Wir dachten damals: Wenn nicht einmal mehr diese Menschen ohne Hilfe überleben können!‘“

Seit November 2013 ist die armenisch-evangelische Gemeinde in Aleppo mehrmals vom Gustav Adolf Werk (GAW) unterstützt worden. Gemeinsam mit der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Landeskirche Baden hat das GAW bisher insgesamt 45.000 Euro zur Verfügung gestellt, u.a. für diese Gemeinde. Von diesem Geld sind beispielsweise Lebensmittel und Medikamente gekauft worden. – Und Heizöl für die Schule.

Bild: Blick in eine Klasse der eingerichteten Schule (Foto: Gemeinde Aleppo)
Schule der Gemeinde in Aleppo

Selimian: „Die Schule ist wichtig für die Kinder hier. Sie bietet ihnen Struktur im Kriegschaos, Gemeinschaft und Halt.“ Viermal bereits ist die Schule von Raketen getroffen worden. „Wir haben immer wieder aufgeräumt und die Schäden repariert. Wir geben nicht auf“, ist Haroutune Selimian entschlossen.

Er erzählt von einer Familie, deren Kinder beide die Schule besuchen. Der Vater starb im Oktober 2012 bei einem Raketenangriff. Die Mutter ist seither mit ihren beiden Kindern allein und kämpft verzweifelt ums Überleben. Oder Houry, ebenfalls eine Schülerin: „Bei Hourys Mutter wurde Brustkrebs diagnostiziert. Sie wird in unserer Polyklinik ambulant betreut. Hourys Vater hat als Mechaniker in einer Werkstatt gearbeitet. Er ist arbeitslos geworden und erlitt vor wenigen Monaten einen schweren Herzinfarkt.“ Hourys Familie, so Selimian, ist inzwischen völlig mittellos und lebt unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Die armenisch-evangelische Gemeinde ist für viele Menschen zu einem Ort geworden, der sie am Leben hält: nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. „Unsere Kirche spielt inzwischen eine grundlegende Rolle im Leben vieler Menschen“, so Selimian, „Wir versuchen eine positive Atmosphäre zu schaffen, einen Ort, der ein Leben und Momente der Würde ermöglicht in all der Zerstörung.“ Selimian organisiert Basare, auf denen die Menschen selbstgemachte Dinge oder Sachen, die sie nicht mehr benötigen, verkaufen oder eintauschen können. Im Dezember haben einige Familien Bargeld erhalten. Selimian: „Wir haben einigen völlig mittellosen Familien zweimal jeweils 23 000 Syrische Pfund (rund 100 Euro) zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Mieten bezahlen oder andere dringend benötigte Dinge kaufen können.“

Bild: Bethel-Church im nordsyrischen Aleppo (Foto: Gemeinde Aleppo)

Haroutune Selimian berichtet regelmäßig über die Aktivitäten der Gemeinde und akribisch genau über die Verwendung der Spendengelder: Abrechnungen, Berichte, Fotos, Patientenlisten, Schülerlisten … Seinen letzten Brief beendet er mit den Worten: „Es ist schwer zu beschreiben, wie die Menschen hier fühlen. Sie brauchen psychologische Hilfe, um das, was ihnen hier gerade wiederfährt, verarbeiten zu können. Wir versuchen sie zu positivem Denken zu ermutigen und sind zutiefst dankbar für eure Gebete und alle Unterstützung. Durch eure Solidarität erfahren wir, dass wir weltweit wahrhaftig eins sind in Gott.“

Das GAW hat einen Hilfsfonds für bedrängte und verfolgte Christen eingerichtet. Über diesen Fonds werden u.a. die armenisch-evangelische Gemeinde in Aleppo und die arabische evangelisch-reformierte Gemeinde ebenfalls in Aleppo unterstützt. Helfen Sie mit Ihrer Spende!
Spendenkonto:  KD-Bank – LKG Sachsen
IBAN: DE42 3506 0190 0000 44 99 11,  BIC GENO DE D1 DKD
Kennwort: Syrien

Gustav-Adolf-Werk e.V. ist das Diasporawerk der EKD

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