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Aktuelles

Erster ‚Hauskreistag‘ in Sachsen

Die große Resonanz und Nachfrage war für die Organisatoren überraschend

Bild: Blick ins Plenum des Hauskreistages im 'Haus des Gastes' in C-Reichenbrand

Gegenüber der Johanneskirche in Chemnitz-Reichenbrand bildete sich vor dem ‚Haus des Gastes‘ am Samstagvormittag eine Schlange von angemeldeten Teilnehmern, die sich zum ersten Hauskreistag registrieren ließen. Die Begrüßung im vollbesetzten Saal begann aber pünktlich und es folgten Referat, Podiumsgespräch sowie zwölf Seminare an z.T. unterschiedlichen Orten. Die Veranstalter und die Teilnehmenden zogen eine positive Bilanz.

Bild: OLKR Dietrich Bauer sprach das geistliche Wort und begrüßte die Teilnehmer
OLKR Dietrich Bauer

Die Zusammensetzung der 600 an der Hauskreisarbeit interessierten Teilnehmer hätte wohl so nicht geplant werden können. In fast gleichem Anteil von Frauen und Männern, waren auch die Generationen bunt gemischt. Selbst der ganz kleine Nachwuchs war hier und da zu vernehmen. Insbesondere Themen zu Seelsorge, Gesprächsführung, Essen, Bibel und Gebet im Hauskreis sowie die Bedeutung des Hauskreises in der Kirchgemeinde waren in den Workshops nachgefragt.
Nach der Begrüßung durch den Beauftragten für die Hauskreisarbeit in der Landeskirche, Roland Kutsche aus Lichtenstein, betonte Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer in seinem geistlichen Impuls zum Tage die Bedeutung der Hauskreise als „Urzelle der christlichen Gemeinde“ und erinnerte an die Gemeinden der ersten Christen. Beispielsweise habe der Brief-Autor Johannes, selbst vom Hauskreis kommend, an die Hausgemeinden geschrieben. Wenn bei ihm von Liebe die Rede sei, dann stelle der Hauskreis einen wichtigen Schnittpunkt dar zwischen der Liebe zu Gott und die Liebe zu den Geschwistern, sagte Bauer.

Bild: Vortrag und Hörer

Auch der Greifswalder Theologieprofessor Dr. Michael Herbst bezog sich in seinem anschließenden Referat auf die frühen christlichen Gemeinden. Bevor es Kirchen gab, trafen sich die Christen über lange Zeit in ihren Häusern. Diese Hausgemeinden seien die „kleine Kirche“ gewesen, aber nicht isoliert und selbstbezogen, sondern standen in Kontakt mit anderen Gemeinden. Die Geldsammlung des Paulus für andere Gemeinden sei Ausdruck für das Bewusstsein einer gemeinsamen Kirche. Seinen Schwerpunkt setzte Dr. Herbst auf die Neubelebung und die Hauskreisbewegung ab Mitte der 1970er Jahre als „späte Erben der frühen Kirche“. Hier beleuchtete er den Ort, die Bedeutung und den Zustand heutiger Hauskreise.
So seien Hauskreise die Kirche der Zukunft und Wachstumsorte, gerade in einer Zeit der Ausdünnung, Strukturanpassungen und Zentralisierung. Er griff die Erkenntnis auf, dass Hauskreise die Verbindung zwischen Alltag und Sonntag darstellten.

Bild: Prof. Dr. Michael Herbst
Prof. Dr. Michael Herbst

Sie seien auch Orte der Freundschaft mit dem Ziel, Beziehungen zu vertiefen im gemeinsamen Essen, Trinken und Feiern; im besten Sinne ein Obdach für die Seele, was die „Kirche als Freundesgemeinschaft“ erscheinen lasse.

Der Theologieprofessor vom Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) der Universität Greifswald formulierte nicht nur Ansprüche und Möglichkeiten der Hauskreisarbeit, sondern sprach sich für eine Bestandsaufnahme des Zustandes aus. „In welcher Jahreszeit befindet sich ihr Hauskreis?“, fragte er. Gibt es eine gemeinsame Bestimmung, gibt es Streit, gemeinsame Aufgaben, richtet sich der Hauskreis nach innen ein, oder öffnet er sich? Es wurden drei Grundmuster des Zustandes dargestellt von der generativen und der habituellen Gemeinschaft sowie von toxischen Beziehungen in einem Hauskreis. Bei der vergifteten Atmosphäre seien die Bilder vom Anderen festgelegt, die Gemeinschaft werde als Belastung empfunden. Das werfe Fragen auf, ob nicht ein Ende dieser Beziehung besser wäre.

Bild: Teilnehmer im Gespräch

Dagegen könne die habituelle Gemeinschaft, die sich in der Routine und vielleicht auch Langeweile eingerichtet habe, durch neue Impulse und gemeinsame Aufgaben verändert werden. Vielleicht käme dann die Gemeinschaft einem „Generator“ gleich, der vital und kraftvoll ist. Wenn Jesus im Zentrum stehe, seien die Merkmale das Gotteslob, die innere Einigkeit und Gemeinschaft, die Verwurzelung in der Kirchengemeinschaft und die Öffnung nach außen. Der Hauskreis sollte sich fragen: „Wozu sind wir gut in der kleinen Welt um uns herum?“
Dr. Herbst plädierte für einen Hauskreis-Check mit einer Stärke-Schwächen-Analyse, um „ungesundes Übergewicht“ zu verlieren. Er brachte zudem eine Zusammenkunft auf Zeit ins Gespräch, Unterbrechungen für Schulungen und Programme.
Er sehe in Hauskreisen eine „Alternative zu einer hyperaktiven Event-Kirche“, warnte aber auch vor Rückzug und Vereinzelung. Dies führe in jeder Ebene zur „Verwilderung“. Zum Christsein gehöre die Gemeinschaft, auch über den Einzelnen, die kleine Gruppe, die Kirchgemeinde, die Region und die Landeskirche hinaus.

Bild: (v.l.n.r.) Pfarrer Swen Schönheit, OLKR Dietrich Bauer, Friederike Wagner (Ärztin aus Zwickau), Dr. Michael Herbst, Manja Erler, Pfarrer Roland Kutsche
(v.l.n.r.) Pfarrer Swen Schönheit, OLKR Dietrich Bauer, Friederike Wagner (Ärztin aus Zwickau), Dr. Michael Herbst, Manja Erler, Pfarrer Roland Kutsche

Die anschließende Podiumsdiskussion, an der auch der Berliner Pfarrer Swen Schönheit teilnahm, der seine langjährigen Erfahrungen aus der Hauskreisarbeit in einem Buch zusammenfasste, sollte Fragen von den Teilnehmern beantworten. Unter anderem wurden Möglichkeiten einer Abendmahlsfeier im Hauskreis im Kontext kirchlicher Ordnung diskutiert.

Bild: Es zeigte sich einmal der Nachwuchs für Band und Hauskreis
Hauskreise haben Nachwuchs

Weniger theologische Überlegungen im Zusammenhang mit einer Beauftragung stellten hier ein Hindernis dar, vielmehr die Befürchtung, dass das Abendmahl ein Ausdruck von Trennung sein könne. Das Abendmahl in der Gemeinde nach Ordnung der Kirche sei dagegen ein breites und zentrales Angebot und die Gelegenheit Gemeinschaft zu erfahren.

Die zwölf Workshops mit Seminarcharakter waren in ihren jeweiligen Räumlichkeiten gut gefüllt und die Referenten stellten ihre Themen anschaulich vor und bezogen die Teilnehmer in den Ablauf mit ein.
Die Teilnehmenden kamen aus so verschiedenen Situationen, wie auch die Angebote und Beiträge an diesem Tag Vielgestalt waren. Die Chemnitzer Band und Musikgruppe ‚montags halb acht‘ begleitete von Anfang an den Tag musikalisch. Sie ist selbst ein Teil eines Hauskreises, dessen junge Mitglieder aus Chemnitz und Umgebung montags um 19:30 Uhr zusammen kommen.
„Wie beginne ich einen Hauskreis?“, so der Titel eines Workshops mit dem Zwickauer Pfarrer Jens Buschbeck.

Bild: Junge Hauskreisgründerinnen in Chemnitz
Hauskreisgründerinnen vor der Johanneskirche

Das Thema lockte u.a. vier junge Frauen die einen Hauskreis gründen wollen. Fünf sind sie schon, sagt Steffi Langer, die jetzt nach dem Studium wieder in Reichenbrand wohnt. Vielleicht gab es ja ein paar handfeste Anregungen.
Auf eine längere und besondere Erfahrung können vier Teilnehmer zurückblicken, die aus Borna angereist waren. Die Gemeindeglieder der evangelischen und katholischen Kirchgemeinde bzw. Pfarrgemeinde gründeten einen Ökumenischen Hauskreis von Engagierten beider Konfession.

In der sächsischen Landeskirche gibt es über 1.000 Hauskreise in den rund 730 Kirchgemeinden. Der ‚Hauskreistag 2015‘ sollte neue Impulse, Ermutigung und Orientierung geben sowie die Arbeit der Hauskreise würdigen.

Bild: Blick in den Workshop in der schicken Winterkirche
Workshop in der Winterkirche in Johannes

Über die große Resonanz und Nachfrage waren die Organisatoren überrascht, darunter der Beauftragte für die Hauskreisarbeit in der Landeskirche, Roland Kutsche aus Lichtenstein. Er bescheinigte einen regen Austausch, gerade von jenen, die einen Hauskreis leiten oder von den Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst. Das Angebot richtete sich auch an Pfarrerinnen und Pfarrer, die an den Chancen von Hauskreisen in der Gemeindearbeit interessiert sind.
Einladende waren die Landeskirche in Zusammenarbeit mit der Landeskirchlichen Gemeinschaft, der Ev. Gemeindestiftung Chemnitz West, der Ehrenamtsakademie und der Gemeinde-Uni Glauchau-Rochlitz.(28.2.2015)

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