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Aktuelles

Pfarrstellenbesetzung auf fast 35 laufende Meter

Die ersten 300 Akten werden zur Sicherung Ende Juli 2015 zur Verfilmung gehen

Bild: Auflistung der Schäden in Gemeinden bei Leipzig nach der Völkerschlacht 1813 (Foto: Landeskirchenarchiv)
Auflistung der Schäden an den kirchlichen Gebäuden um Leipzig nach der Völkerschlacht im Oktober 1813

Es kommt vor, dass ein Archivar auf bisher Unentdecktes stößt und aus den Akten plötzlich eine aufregende Alltagsgeschichte vergangener Tage das Interesse weckt. Nun liegt aber im Dresdner Landeskirchenarchiv mit einem Umfang von 34,5 laufenden Metern ein Bestand von 1.795 Akten offen, der aus über drei Jahrhunderten die Besetzung von Pfarrstellen vom kleinsten Dorf bis zur Stadt beschreibt. Dem geweckten Interesse des Kirchenarchivars folgte schnell die nüchterne Erkenntnis über die Verantwortung zur Bewahrung dieses Erbes.

Bild: Statistische Übersicht über die Verhältnisse der geistlichen Lehne und des Einkommens des Inhabers derselben |Landeskirchenarchiv Nr. 136| 1841 (Parochie Colditz)
Statistische Übersicht über die Verhältnisse der geistlichen Lehne und des Einkommens des Inhabers derselben (Parochie Colditz), 1841

Der Bestand in unterschiedlichem Erhaltungszustand aus Superintendentur-, Pfarrstellen- und anderen Besetzungsakten ist zwar seit langem bekannt, wurde aber bisher nicht verzeichnet und untersucht. Erstmals öffnete sich in einem ersten Überblick ein Fenster, durch das viele persönliche Schicksale der Vergangenheit sichtbar werden. Damit liegt ein wertvoller und noch nicht in voller Höhe abschätzbarer Beitrag zur Kultur- und Sozialgeschichte Sachsens und angrenzender Gebiete vor.

Diese Provenienz für die zukünftige ergänzende Beschreibung der Kirchen- und Landesgeschichte ist nur deshalb erhalten, weil nach der Aktenabgabe durch den Staat 1926 die Bestände in Sachsen auf die kirchlichen Mittelbehörden verteilt wurden und sie damit 1945 der Zerstörung durch Fliegerbomben auf Dresden entgingen. Die Zusammenführung der Akten nach Dresden ließ die Bedeutung für die historische Forschung nur erahnen, aber die Einrichtung einer Projektstelle im Jahre 2012 im Landeskirchenamt sollte Klarheit über die Bedeutung bringen.

Seit August 2014 wird eine intensive Verzeichnung der Akten bis zu einzelnen Personennamen durchgeführt, die noch nicht abgeschlossen ist. Da die Akten auf Grund ihres Alters und der verschiedenen Umlagerungen teilweise in einem schlechten Erhaltungszustand sind, investiert die Landeskirche in die Restaurierung. Um die wertvollen Informationen weiterhin dauerhaft sichern zu können, wird der Bestand verfilmt. Ende Juli 2015 werden die ersten 300 Akten in die Verfilmung gehen.

Bild: Statistische Übersicht über die Verhältnisse der geistlichen Lehne und des Einkommens des Inhabers derselben |Nr. 136| 1841 (Parochie Colditz)
Statistische Übersicht (Parochie Colditz), 1841

Dem kirchlichen Archivwesen kommt insbesondere in den Beständen vor der Gründung des deutschen Kaiserreichs im 19. Jahrhundert große Bedeutung zu, weil es den Personenbestand vor den staatlichen Zivilstandsregistern nicht nur in Kirchenbüchern bewahrt. Das vorliegende und erhaltene Schrifttum zu den Stellenbesetzungen enthält zudem Angaben über die Besetzung von Diakonaten, sämtlicher Hilfsgeistlicher sowie nichtgeistlicher Ämter wie Kirchner, Glöckner, Kantoren, Organisten und Schullehrer.

Zu den wichtigsten Provenienzen zählen das Konsistorium zu Leipzig, das Oberkonsistorium in Dresden sowie ab 1835 als Nachfolgebehörden die Kreisdirektionen zu Leipzig und Zwickau und das ‚Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts‘ in Dresden. Darüber hinaus ist für das Territorium der Schönburger Rezessherrschaften das Glauchauer Gesamtkonsistorium zu nennen, das erst 1878 aufgehoben wurde. Zudem finden sich für einzelne Orte die kleineren Konsistorien als zuständige Behörden wie die Stiftskonsistorien zu Wurzen, Merseburg und Naumburg-Zeitz. Als Besonderheit unter den Provenienzen sind die Schönburgschen Herrschaften, das Konsistorium zu Altenburg, das Konsistorium zu Bayreuth, das Dekanat zu Hof sowie einzelne Superintendenturen und Grundherrschaften zu nennen.

Inhalte, zeitliche Tiefe und die weiterführende Bedeutung der Aktenlage

Bild: Lehn-Brief von Moritz Rüdiger von Feiltzsch für Treuen, Pfarrer Augustin Möstell |Landeskirchenarchiv Nr. 1074| 1611
Lehn-Brief von Moritz Rüdiger von Feiltzsch für Treuen, Pfarrer Augustin Möstell (1611)

Inhaltlich umfasst der Bestand im Wesentlichen gleichförmige Akten zur Besetzung der Superintendenturen, der Pfarrämter sowie weiterer geistlicher und nichtgeistlicher Ämter. Im Zusammenhang mit einer Stellenbesetzung finden häufig wirtschaftliche, alltagskulturelle oder rechtliche Verhältnisse Erwähnung. So zeugen die Akten neben den zahlreich vorhandenen Lebensläufen eben auch vom Innenleben eines Pfarrhauses und insbesondere der Pfarrökonomie, von den Beziehungen sowohl zwischen den Geistlichen und der Gemeinde, als auch zu Stadträten oder den Patronatsherren. Auseinandersetzungen drehen sich insbesondere um rechtliche Zuständigkeitsverhältnisse, um die Modalitäten des Pfarrwechsels, um die Übergabe des Pfarrhauses und der Pfarrwirtschaft sowie um die Versorgung von emeritierten Pfarrern, Witwen und Waisen.

Insbesondere die Akten des 16. Jahrhunderts spiegeln die kirchenrechtlichen Verhältnisse in der nachreformatorischen Zeit bzw. in der sogenannten „Zweiten Reformation“ wider. Hinzuweisen ist zum Beispiel auf die Auseinandersetzung um Religionsfragen zwischen Wolf II, Herrn von Schönburg und dem sächsischen Kurfürsten August in den 1560er Jahren, die in der Absetzung aller Geistlichen in Penig und der Auflösung der dortigen Superintendentur in Penig gipfelte.

Bild: Bibelhandschrift auf Pergament (links), vermutlich 15. Jahrhundert als Akteneinband verwendet (Foto: Landeskirchenarchiv)
Bibelhandschrift auf Pergament (links), vermutlich 15. Jahrhundert als Akteneinband verwendet

Neben den Besetzungsakten finden sich Akten mit Klagen von oder gegen Pfarrer und Geistliche wegen verschiedener Vergehen, rechtlicher Auseinandersetzungen, Gesuchen um Unterstützung in Misslagen wie Kriegs-, Pest- oder anderen Notzeiten oder mit Aushandlungen über Einkommen und Abgaben oder der Organisation des kirchlichen Alltags in der Gemeinde. So bestehen die Akten des Zwickauer Pfarrwitwenfiskus nicht nur aus Rechnungsmaterial, sondern erzählen in den Gesuchen um finanzielle Unterstützung über die Lebensverhältnisse von Frauen im Rahmen des Witwendaseins.

Die Bedeutung des Bestandes für die historische Forschung lässt sich am Beispiel der Besetzungsakte für die Pfarrstelle in Lößnig bei Leipzig aus dem 16. Jahrhundert belegen. Im Sächsischen Pfarrerbuch (1939/1940) sind die Pfarrer ab 1572 aufgeführt. Anhand der Akte lassen sich nun drei frühere Pfarrer nachweisen, darunter der Großvater von Paul Gerhardt, Pfarrer Caspar Starcke, der ab 1571 nach Eilenburg wechselte und dessen vorheriger Lebensweg bis dato unbekannt war.

Als weiteres Beispiel sind die Forschungen des Bach-Archivs Leipzig zu nennen, das ein Quellenerschließungsprojekt zu „Johann Sebastian Bachs Thomaner“ durchführte. Dazu wurden u.a. auch die Akten dieses Bestandes eingesehen, da ehemalige Thomasschüler, die während Bachs Leipziger Dienstjahre die Thomasschule besucht hatten, später häufig den Pfarrerberuf wählten.

Bild: Schmähbrief über einen Pfarrer an das Konsistorium 1871 mit ausgeschnittenen Worten (Foto: Landeskirchenarchiv)
Anonymer Schmähbrief gegen einen Pfarrer aus dem Jahre 1871 an das Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts geschickt. Es gibt allerdings keinen weiteren Vorgang dazu.

Neben den Zusammenhängen der Besetzungen zu landes- und ortsgeschichtlich Ereignissen, die sich von der nachreformatorischen Zeit Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nachweisen lassen, kommen im Kleinen auch skurrile, amüsante und erstaunliche Geschichten ans Licht. So gibt es, ob wahr oder nicht, Klagen über das Verhalten des Pfarrers, die Verbindung zwischen der Übernahme einer Pfarrstelle mit der Heirat einer Pfarrwitwe, die Besetzung einer Pfarrstelle durch Söhne einer Familie über sechs Generationen oder der frühe Anbau von Kartoffeln, Spargel und Erdbeeren auf dem Pfarrland, der ansonsten noch nicht bekannt und üblich war.

Die Rückgabe der Aktenbestände in den 1920er Jahren war ein Ergebnis der Trennung von Staat und Kirche, das fortan das Verhältnis zwischen dem damaligen Freistaat Sachsen und der konstituierten Landeskirche bestimmte. Dies kann aber rückwirkend nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den Zeiten davor die Sachzusammenhänge keine rein „innerkirchlichen Angelegenheiten“ waren, sondern den Lebensalltag dörflicher und städtischer Gesellschaften nachzeichnen.

Randbemerkung: Die ältesten Akten beginnen wenige Jahre nach der Einführung der Reformation (1539), es lassen sich aber auch Abschriften von noch älteren Urkunden finden, beispielsweise über die Bestellung eines Archidiakonats bis in das 14. Jahrhundert. Einige der älteren Akten sind zudem mit Pergamentbögen eingeschlagen, die mit spätmittelalterlichen Bibelhandschriften und Noten beschrieben sind.(15.7.2015)

Landeskirchenarchiv

- Wanderausstellung zur Geschichte des Pfarrhauses

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