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Aktuelles

Begegnungstag für Aussiedlertag in Schneeberg

Gottesdienst, buntes Programm, Informationen und Bergmännisches Konzert

Bild: Ankunft vor der Wolfgangskirche mit Brötchen und Wasser

Für Sonnabend, 12. September 2015, hatte die sächsische Landeskirche zum Begegnungstag für Aussiedler eingeladen. Diesmal fand er unter dem Motto „Vielfalt entdecken“ im erzgebirgischen Schneeberg statt. Mit einem Eröffnungsgottesdienst um 10:00 Uhr in der St. Wolfgangskirche begann das Treffen, zudem fast 1.000 Aussiedler aus Sachsen und angrenzenden Gebieten kamen. Dazu kamen Begleiter aus den Gemeinden und interessierte Besucher der gastgebenden Stadt und der Kirchgemeinden.

Bild: Nach dem Einzug der LIturgen im Gottesdienst vor dem Altar

Der Superintendent des Kirchenbezirks Aue, Johannes Uhlig, begrüßte die Gottesdienstgemeinde im sogenannten Bergmannsdom, der zur Zeit der Reformation zwischen 1516 und 1540 errichtet wurde. Nach der Zerstörung von St. Wolfgang durch Tiefflieger kurz vor Kriegsende begann der Wiederaufbau. Derzeit werden noch die Fassade und das Dach saniert. Besonders wertvoll und berühmt ist der sogenannte Reformationsaltar von 1539 mit zwölf Tafeln von Lukas Cranach dem Älteren.

Superintendent Uhlig stellte den Kirchenbezirk im Westerzgebirge mit seinen rund 40.000 Gemeindegliedern vor und erinnerte an die reiche bergmännische Tradition der Region mit ihrer Volkskunst. Für die Bergleute sei das Licht ein Zeichen der Hoffnung, auf das immer wieder Bezug genommen würde.
Nach gemeinsamen Liedern und Gebeten predigte Landesbischof Dr. Carsten Rentzing über den Paulus-Text, der auch die diesjährige Jahreslosung enthält. „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“, so die Losung aus dem Römerbrief.

Bild: Vor dem Lukas Cranach Altar

Für Dr. Rentzing sei es eine große Freude, hier eine der ersten Predigten im Bischofsamt halten zu können, aber auch eine Freude über diesen Text zu predigen, denn er würde häufig als Trauspruch verwendet. Damit verbinden sich Bilder von einem „schönen Fest mit hoffnungsfrohen Gesichtern“. Das Einander-annehmen ist eine Grundlage des Zusammenlebens und für Brautpaare eine Selbstverständlichkeit, dennoch „wissen wir auch von Problemen und Herausforderungen“. Es sei schade, „wenn wir uns nicht selbst für wertvoll halten oder von anderen keine Wertschätzung erhalten“. „Menschen sollen einander annehmen, denn in jedem Menschen liegt eine Würde und er ist wertvoll“, sagt der Landesbischof.

Auch Fremde sollten so angenommen werden, trotz anderer Lebensvorstellungen. Das Wissen darum spiegele der zweite Teil des Textes, der eigentlich heißen müsste: „Christus hat uns angenommen, obwohl wir so sind“. Christus habe uns angenommen als wir ihm gegenüber noch feindlich gewesen seien, so Dr. Rentzing.

Bild: Landesbischof Dr. Carsten Rentzing predigt
Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

Das zeige sich am Kreuz als Zeichen der Liebe, eine Liebe, die sich verschenke, auch ohne Anlass. Christi Vergebung am Kreuz ist der Grund für das Gotteslob, das dazu befähige unterschiedliche Lebensweisen und Ansichten anzunehmen. „Ein Schatz der Vielfalt, den es zu heben gilt. „Nach dem Vorbild unseres Herrn“, sollten die Flüchtlinge „unser Herz erweichen“, sagte der Landesbischof.

Im Fürbittengebet wurden der Schutz der Schöpfung, aber auch die persönlichen Sorgen und Schwierigkeiten angesprochen. Im Geiste Gottes solle Streit und Zwietracht zerstreut werden. Im Gebet gedachte man aller Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und heute noch müssen. Erwähnt wurden das Schicksal verfolgter Christen und das Schicksal der Russlanddeutschen, ihrer Lebenswege und die Trennung von Familien. Es wurde um Gottes Begleitung für die Familien und Freunde in der Ferne und Nähe gebetet.

Am Ende des Gottesdienstes, der musikalisch vom Schneeberger Posaunenchor St. Wolfgang und dem Chor ‚Rabinuschka‘ aus Markkleeberg gestaltet wurde, begrüßte Kirchenpräsident i.R. Helge Klassohn, Beauftragter des Rates der EKD für Spätaussiedler und Heimatvertriebene, Teilnehmer des Treffens.

Bild: Gottesdienstbesucher

In seinem Grußwort ging er auf das Schicksal der Deutschen in Russland ein, die aufgrund des Überfalls des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion in den Fernen Osten deportiert wurden. Jahrzehntelange Lagerhaft forderte 300.000 Tote. Die Erfahrung lehre, Versöhnung könne nicht angeordnet werden. Sie sei „ein langwährender Prozess“, so Klassohn.

Bild: Wilder Tanz der auch die bis dahin stehenden Besucher ansteckte

Zu dem langen Weg gehörten Geduld und die Bereitschaft zur Toleranz, zur Aufgabe von Hass und Vergeltung bis hin zum Eingeständnis eigener Schuld. Der EKD-Beauftragte erinnerte an die gelungene Versöhnungsinitiative der evangelischen und katholischen Kirche. Er nannte die Denkschrift der EKD von 1965, die heute 50 Jahre danach „als eine Wegbereiterin für die spätere Ost- und Verständigungspolitik bis hin zur deutschen Einheit“ gesehen werde.
Das „Wort von der Versöhnung“ möge auch für die Bewältigung „der menschlichen Katastrophen unserer Tag im Geist der Friedfertigkeit, der Gerechtigkeit und einer großzügigen Gastbereitschaft ermutigen“, sagte Klassohn.

Nach dem Gottesdienst ging es bunt und interessant in die Breite. So folgten nach dem Kindergottesdienst das Kinderprogramm im Kirchgemeindehaus und auf dem Markt begann ein Bühnen-Programm mit Chören und Tanzgruppen. Am Rande der kulturellen Beiträge präsentierten sich auf dem ‚Markt der Möglichkeiten‘ Aussiedlervereine, diakonische Einrichtungen und Büchertische.

Bild: Kirchenpräsident i.R. Klassohn im Gespräch nach dem Forum
EKD-Beauftragter (l.) als Gesprächspartner

Zeitgleich gab es Angebote zu Stadtführungen, die an der St. Wolfgangskirche losgingen sowie Turmbesteigungen mit einer Aussicht bei bestem Wetter.

Das traditionelle FORUM, eine Fragerunde an Aufnahme- und Integrationsexperten, setzte das doppelte Signal, dass Aussiedler nicht um ihren Status bangen müssten, auch wenn das Land in der Verantwortung für Asylsuchende stehe. Jedem Asylsuchenden stehe ein geordnetes Verfahren zu. Das Expertenforum fand mittags im Kulturzentrum Goldene Sonne statt, zudem.

Ingo Seifert, Bürgermeister von Schneeberg begrüßte die Besucher des FORUMS in der schönen Bergstadt und erinnerte an die Tradition der Begegnungstage, die es seit 1996 gibt.

Bild: Schneeberger Bürgermeister Ingo Seifert
Bürgermeister Seifert beim Forum

Bezogen auf das Motto des Tages bestimme die „Vielfalt“ derzeit das Zusammenleben nicht nur in Schneeberg. Diese Vielfalt sei über die Gruppe der rund 100 Aussiedler hinaus in Schneeberg globaler geworden. Die gute Integration und Akzeptanz der Aussiedler zeige auch, dass sich die Schneeberger nicht „abschotten oder verweigern“. Der Bürgermeister dankte den Organisatoren und verwies auf das bunte Programm.

Im FORUM stellten sich die Kirchen- und Behördenvertreter in einem Statement vor und luden anschließend zur Fragerunde ein. Kirchenpräsident i.R. Helge Klassohn, Beauftragter des Rates der EKD für Spätaussiedler und Heimatvertriebene, eröffnete das FORUM. Er schätze die Aussiedlertage wegen ihrer Gemeinschaft und der gegenseitigen Information. Die Aussiedlerseelsorge in der EKD bestehe seit 35 Jahren. Nach den „großen Zahlen“ von 35.000 der Anfangsjahre ging ab 2005 wegen schwieriger Zugangsbedingungen die Zahlen stark zurück. Seit drei Jahren steigen sie wieder. Die evangelische und katholische Kirche begleiten die Aussiedler mit ihren Gemeinden als „Begegnungsorte“. Klassohn appellierte an die Aussiedler mit ihren Erfahrungen „Brückenbauer“ zu sein im Sinne von „Begegnung in der Vielfalt“.

Bild: Blick in die Podiumsveranstaltung im FORUM

Die Regionalkoordinatorin für Integration, Franziska Köhler aus Chemnitz (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), verweist darauf, das BAMF nicht nur mit Flüchtlingsfragen in der Verbindung zu bringen. Neben der Prüfung gehe es um Integrationsförderung auch weiterhin bei den Aussiedlern durch Sprach- und Integrationskurse, berufsbezogene Sprachförderung und Migrationsberatung. Zudem würden Gemeinwesen orientierte Projekte von Migrationsorganisatoren unterstützt. Eine bundesweite Hotline widmet sich Fragen der Anerkennung bei Schul- und Berufsabschlüsse.

Bild: Ministerialrat Bey zeigt das Faltblatt über die neue Richtlinie "Integrative Maßnahmen"
Ministerialrat Bley mit "Integrativen Maßnahmen"

Pfarrer Joachim Krönert von der Kirchgemeinde Schneeberg-Neustädtel sprach u.a. über die Ökumenische Flüchtlingsinitiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, Flüchtlinge zu begleiten und um Verständnis in der Bevölkerung zu werben. In den letzten Jahren hätte die Initiative viele dazu gelernt. Vor 2013 war 100 bis 150 Flüchtlinge untergebracht, danach mit der Erstaufnahmeeinrichtung 800 Personen und jetzt 1.000. Insbesondere werden 300 Menschen, die in einer Sporthalle untergebracht seien, begleitet. Sprachkurse sollen anlaufen, es gibt Bastelkurse und Kulturveranstaltungen.

Ministerialrat Karl Bey (Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz) stellte in einer Projektion die gerade erst verabschiedete Richtlinie von integrativen Maßnahmen vor. Er übermittelte Grüße von der Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping. Angesprochen werden gemeinnützige Träger, Vereine und Verbände, kommunale Gebietskörperschaften, Träger der freien Wohlfahrtspflege und anerkannte Religionsgemeinschaften, die verschiedene Maßnahme zur Verbesserung der Integration anbieten.

Bild: Stand auf dem Markt zum Schicksal der Russland-Deutschen
In Geschichte und Bild am Stand auf dem Markt zum Schicksal der Russland-Deutschen

Für Projekte in diesem und nächsten Jahr ist die Antragsfrist 1. Oktober 2015. Auch Landkreise und Kreisfreie Städte können Antragsteller im Sinne der Unterstützung der Integrationsarbeit sein. Die Bewilligungsstelle ist die Sächsische Aufbaubank – Förderbank (SAB).

Die vorgestellten Maßnahmen wurden unter den Besuchern durchaus mit gemischten Gefühlen aufgenommen, da sie keine Unterscheidung zwischen der Ausländer- und der Aussiedlerintegration zu erkennen glaubten. Tatsächlich richten sich die integrativen Maßnahmen an alle Menschen mit Migrationshintergrund. Weitere Fragen bezogen sich auf den unterschiedlichen Status von Aussiedlern sowie von Familienangehörigen, die einen Ausländerstatus hätten. Beides ließe sich aber nicht zusammenführen.
Als Problemanzeige kam der Russland-Ukraine-Konflikt hoch, der auch bei den Aussiedlern kontrovers geführt werde. Häufig trüge das jeweilige Auslandsfernsehen dazu bei, dass sich Positionen verfestigten oder sich sprachliche Integration verlangsame.

Bild: Der Aussiedlerchor aus Deggendorf bei München zu Gast
Deggendorf-Chor sang La Paloma in Schneeberg

Die Idee, ein objektiveres russischsprachiges Programm aus Deutschland anzubieten, wurde begrüßt. Ein skurriles Schicksal wurde mit den deutschstämmigen Bewohnern der Bürgerkriegsregion Donezk angesprochen, die nach dem Verfahren dort eine Sprachausbildung absolvieren müssen, bevor es weitergehe. Das heißt, die Menschen sitzen fest, ohne die Region verlassen zu können.

Auf dem Markt fand zeitgleich und danach eine enge Programmabfolge auf der offenen Bühne statt. La Paloma sang u.a. ein Aussiedlerchor aus Deggendorf bei München überraschend. Der Star-Gast-Chor des Bühnenprogramms hatte auch einen Pavillon mit und stellte sich vor. Tanz und Musik stand im Mittelpunkt des Bühnenprogramms.
Andere Stände informierten über die wechselvolle Geschichte der ‚Russland-Deutschen‘ und ihr Schicksal sowie die Bessarabien-Deutschen, die 1940 in das von Deutschen besetzte Polen umgesiedelt wurden. Die Diakonie aus Bad Schlema informierte über ihre Migrationsberatung bei Aussiedlern und Flüchtlingen.

Bild: Zuschauer mit "sonnigem" Gemüt vor dem Bühnenprogramm

Nach den verschiedenen Angeboten lockte die Teilnehmer am Nachmittag ein Bergmännisch-Geistliches Konzert wieder zurück in die St. Wolfgangskirche, wo das Musikkorps der Bergstadt Schneeberg bestehend aus drei Ensembles unter Leitung von Jens Bretschneider eine Klangwand aufbaute. In der überakustischen obersächsischen Hallenkirche erzeugte das abwechslungsreiche Programm zusammen mit der großen Jehmlich-Orgel (1998) ein Gänsehautgefühl bei den Zuhörern in den vollbesetzten Stuhlreihen.

Bild: Das Landesbergmusikkorps während des Konzerts

Der Ortspfarrer Frank Meinel angemessen in bergmännischer Tradition gewandet, begrüßte die Zuhörer. Zum Teil konnte in dem Geistlichen Bläserkonzert auch mitgesungen werden. Texte ergänzten das Musikprogramm. Das Musikkorps feiert am 10. Oktober mit einer Gala sein 50. Bestehen.

Mit diesem Aussiedlertag sollten sowohl die Zugezogenen willkommen geheißen und ermutigt, als auch eine breite Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft über die aktuellen Aufgaben der Eingliederung in Sachsen informiert werden. Im letzten Jahr fand der Begegnungstag im westsächsischen Glauchau statt.

In den letzten 25 Jahren kamen zweieinhalb Millionen Aussiedler, meist aus den ehemaligen GUS-Staaten, nach Deutschland, darunter 150.000 nach Sachsen.

Bild: Blick in die KIrche währende des Konzerts

Im letzten Jahr sind fast 300 Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen nach Sachsen gezogen. Damit blieb der Zuzug auf niedrigem Niveau. (2012: 102; 2013: 118 Personen). In diesem Jahr stieg der Zuzug aufgrund von rechtlich veränderten Rahmenbedingungen und eines erleichterten Antragsverfahrens mit einer höheren Genehmigungsrate allein bis Ende Juli auf 145 Personen. Das ist insbesondere auf den stärker gestiegenen Antragseingang aus den GUS-Ländern zurückzuführen.
Diese Veränderung ist dennoch bisher kaum relevant im Vergleich von Zuzügen in den Jahren 2004 mit 3.826 Personen oder gar 1994 mit 17.173 Spätaussiedlern nach Sachsen.

Der Begegnungstag als größtes und jährlich stattfindendes Treffen für Spätaussiedler als Beispiel für gelingende Integration wird gefördert vom Freistaat Sachsen.
Oberkirchenrat Friedemann Oehme aus Dresden, Mitorganisator des Aussiedlertages, hatte am Ende des Geistlichen Bläserkonzertes zum nächsten Begegnungstag für Aussiedler nach Bautzen am 10. September 2016 eingeladen.(12.09.2015)


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