Navigation überspringen

Aktuelles

Begegnungstag für Aussiedler 2016

Bild: Andacht zu Beginn des Begegnungstages. Pfarrer Christian Tiede im Vordergrund

Der Begegnungstag für Aussiedler, der über 20 Jahre jeweils an unterschiedlichen Orten in Sachsen stattfand, bot auch in diesem Jahr am 10. September in Bautzen ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm, zu dem 800 Teilnehmer gekommen waren. Hier traf die Kultur der Russlanddeutschen auf die Traditionen der Oberlausitz und die Kultur der Sorben.

Bild: Besucher in der KIrche

Zum Aussiedlertag hatte die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens eingeladen. Die 1000-jährige Stadt und der Landkreis Bautzen unterstützten als Kooperationspartner den Begegnungstag. Weiterhin überbrachte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Grüße, weil sie seit dem Treffen in Torgau vor drei Jahren auch im Vorbereitungsteam vertreten ist und weil Spätaussiedler aus den angrenzenden Gebieten eingeladen und willkommen sind.

So begrüßte der Superintendent des Kirchenkreises Südharz (EKM), Andreas Schwarze aus Nordhausen, zur Eröffnung des Begegnungstages die Aussiedler im Dom St. Petri in Bautzen. Er ist im Beirat für Migrationsfragen der EKM. Persönliches verbinde sich für ihn mit diesem Ort, weil er im Dom als Kind getauft worden sei. Die Erinnerung an die Heimat tue gut und heute werde an die Spätaussiedler erinnert. Er hoffe und wünsche für diesen Tag „kulturelle Vielfalt“ bei den Angeboten.

Bild: Hartmut Koschyk zur Begrüßung
Bundesbeauftrager Hartmut Koschyk (MdB)

Der Tag begann um 10:00 Uhr mit einer Morgenandacht im Dom, die der Dompfarrer Christian Tiede hielt. „Bautzen ist geschaffen für Begegnungen“, sagte er und verwies auf die über Jahrhunderte bestehende Existenz des Sorbischen und des Deutschen. So, wie die Sprachen nebeneinander gesprochen wurden, teilten sich die evangelischen und katholischen Christen seit der Reformation den Bautzner Dom für ihre Gottesdienste. In dieser Simultankirche hätten beide Seiten gelernt, „miteinander gut zu leben“, so Tiede.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk (MdB), der damit auch für die Sorben zuständig ist, sieht das „Volk auf dem Weg“. Das Miteinander bedeute für einander da zu sein, um „uns gegenseitig zu bereichern“.

Bild: Oberbürgermeister von Bautzen Alexander Ahrens
OB Alexander Ahrens

Er erinnerte an das historische Schicksal der Russlanddeutschen und er wisse, dass der Glaube der Menschen eine große Rolle spiele, den sie hier mit- und einbringen.

Der Bautzner Oberbürgermeister Alexander Ahrens hieß die Aussiedler und die anderen Gäste an diesem Tag in der Stadt willkommen. Er verwies auf kürzlich gefundene Hausreste aus dem 7. Jahrhundert als die slawische Besiedlung auf dem Gebiet der späteren Stadt begann. Als 300 Jahre später die Deutschen zuzogen, kam es darauf an, ein gedeihliches Zusammenleben zu praktizieren. „Wir alle gehören zusammen“, sagte der OB und er bat um Verständnis für die anstehenden Flüchtlingsaufgaben. Es sei nicht nur ein christliches Gebot, Menschen in Not zu helfen.
Oberkirchenrat Friedemann Oehme aus Dresden, der die Aussiedlertage im Auftrag der sächsischen Landeskirche mitorganisiert, informierte im Dom über die nun folgenden Angebote an diesem Tag.

Unter dem Motto des Aussiedlertreffens „Miteinander - Füreinander“ schloss sich das kulturelle Programm mit Aussiedlerchören und Tanzgruppen auf dem Hauptmarkt, ein Expertenforum für Anfragen aus dem Kreis der Spätaussiedler, sowie ein Bühnenprogramm an.

Bild: (v,l.n.r.)
Friedemann Oehme, Karl Bey, Hartmut Koschyk, Dolmetscher Roman Bannack, Andreas Schwarze

Auf dem Expertenforum im oberen Rathaus-Foyer stellte sich auch der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk (MdB), vor, der nach seiner Beauftragung vor drei Jahren zum ersten Mal den Begegnungstag in Sachsen besuchte. Er berichtete über seine Besuche in Russland und der Ukraine. So wie im russischen Omsk in einer historischen Ausstellung der Verdienst der früheren deutschen Bewohner am Aufbau der Stadt Erwähnung finde, solle in Detmold ein Zentrum für die deutsche Kultur und Geschichte in Russland entstehen.

Bild: Gespräche nach dem Forum
Direkte Anliegen nach dem FORUM

Koschyk kritisierte oberflächliche Diskussionen um die politische Einstellung der Aussiedler. Sie folgten der russischen Propaganda und sie seien rechtspopulistisch, heiße es. Eine Untersuchung habe aber ergeben, dass es keinen größeren Anteil an extremen Positionen gebe. Er plädierte dafür, dass neben dem kirchlichen Engagement und der Arbeit in Vereinen auch eine stärkere Teilhabe an der Politik in den Gemeinden, in Land und im Bund möglich werde. Aussiedler sollten zu Akteuren der politischen Bildung werden, sagte der Beauftragte. Hier gebe es staatliche Bemühungen, dies zu unterstützen.

Oberkirchenrat Friedemann Oehme, Ökumene-Beauftragter, sprach über das langjährige Engagement der Landeskirche für die Aussiedlerarbeit. Zudem berichtete er über die Partnerkirche in Russland und über regionale Beziehungen, beispielsweise zwischen dem Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz und der lutherischen Propstei in Orenburg am Ural.

Bild: Erneuter Blick zur Fragerunde

Dort wurde mit Unterstützung der Landeskirche ein diakonisches Zentrum errichtet. Nach der politischen Wende richtete sich Blick nach Russland, wobei die ersten Kontakte über Kaliningrad (Königsberg) liefen, als ein Dresdner Pfarrer als dortiger Propst, sich um die sich dort angesiedelten Russlanddeutschen kümmerte.

Ministerialrat Karl Bey, Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, überbrachte aus Dresden Grüße von Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping. Die im letzten Jahr vorgestellte neue Richtlinie „Integrative Maßnahmen“ der Sächsischen Staatsregierung käme voran, aber der Spracherwerb sei weiterhin das Wichtigste. So stünden dazu Mittel für Fördermaßnahmen zur Verfügung und Migrationsorganisationen sollen weiter gestärkt werden. Weiterhin sollen kommunale Ebenen gestärkt und Sprachmittler gefördert werden. Mit den organisatorischen Veränderungen seien die „Wege anders geworden“, aber nach Beys Meinung seien sie besser.

Bild: Stand der Initiative Majek mit vielfältigen Integrationsangeboten
Stand der Initiative "Majak" aus Bautzen

Superintendent Andreas Schwarze aus Nordhausen (EKM) berichtete über die Erfahrungen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und er freue sich auf die Zusammenarbeit auf den Aussiedlertagen seit Torgau vor drei Jahren. Es sei ein gemeinsamer Erfolg. Er fragte aber, wie man diese Bewegungen in den Alltag hinein bekomme? Die Unterstützung und die Vernetzung von Vereinen und Initiative seien notwendig. Einmal im Jahr werde eine Kollekte gerade für diese Aussiedlerarbeit gesammelt. Der Superintendent verwies auf das Reformationsjubiläum nächstes Jahr und lud dazu ein, die Lutherstätten zu besuchen. So werde der nächste Begegnungstag im Rahmen von „Kirchentag auf dem Weg“ bewusst in Leipzig begangen.

Auf dem Begegnungstag gab es wieder einen „Markt der Möglichkeiten“ mit der Vorstellung von Aussiedlervereinen und kirchlichen Werken in der Nähe des Bühnenprogramms.

Bild: Tanz im Vordergrund und Gesang auf der Bühne

Parallel zum FORUM im Rathaus begannen Stadtführungen und zuvor schon Turmführungen und am Nachmittag Führungen im Dom.
Das Bühnenprogramm auf dem Hauptmarkt mit Chören und Tanzgruppen moderierten Pfarrerin i.R. Christine Rothe (EKM) und der Sorbische Superintendent Jan Mahling aus Bautzen.

Bild: Aussiedlerchor

Trotz erhöhter Temperatur in der Mittagssonne gingen Gesang und Musik nicht nur in den blauen Himmel, da sich viele Zuschauer einfanden. Café-Besucher in der angrenzenden Fußgängerzone konnten ebenfalls dem Programm folgen. Manch russisches oder deutsches Volkslied lud zum Mittanzen ein und sorgte zumindest für lauten Beifall.

Zum Abschluss kamen Besucher und Gäste des Aussiedlertages im Dom St. Petri zum Gottesdienst unter liturgischer Leitung von Superintendent Werner Waltsgott (Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz) zusammen. Er begrüßte die Mitwirkenden im Gottesdienst. So waren Landesbischof Dr. Carsten Rentzing, der die Predigt hielt, und der katholische Alt-Bischof Joachim Reinelt, beteiligt. Die musikalische Ausgestaltung übernahm unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Michael Vetter die Evangelische Kantorei St. Petri.

Bild: Landesbischof Dr. Carsten Rentzing predigt
Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

„Der Zustand einer menschlichen Gesellschaft zeigt sich daran, wie barmherzig oder eben auch unbarmherzig es in ihr zugeht“, begann der Landesbischof Dr. Rentzing seine Ausführungen über das stille Gebet um Gottes Segen in den biblischen Klageliedern (3,22-26). Barmherzigkeit sei ein Wesenszug Gottes, aber es gebe angesichts von Notlagen auch „viele Möglichkeiten unbarmherzig zu werden“. Aber, „weshalb sollte Gott barmherzig bleiben, wenn wir unbarmherzig sind?“, fragte er. Darin liege der Unterschied: „Barmherzigkeit ist für Gott eher so etwas wie die eigene Haut.“

Immer wieder gehe Gottes Barmherzigkeit durchs Feuer. So, angesichts des sogenannten Stalinerlasses zur Deportation der Wolgadeutschen vor 75 Jahren oder vieler weiterer menschlicher Katastrophen, die in der Geschichte und Gegenwart zu beklagen seien. Welche Pläne verfolge Gott? Seine Barmherzigkeit zeige sich oft erst im Rückblick. Trotz aller Schuld unter den Menschen und der Nachkriegsprobleme, habe sich ein Neubeginn im „Miteinander und Füreinander der Aussiedlerfamilien“ ergeben. Dieses sei der Ausfluss einer Erfahrung, die etwas mit Gottes Barmherzigkeit zu tun habe.

Bild: Bischof i.R. Joachim Reinelt

Der Landesbischof plädierte dafür, diese Barmherzigkeit Gottes auch an andere Menschen weiterzugeben. „Es wäre ein guter und wesentlicher Beitrag von uns allen, der zum Wohlergehen dieses Landes und aller seiner Bewohner beitragen könnte.“

Bild: Tanz der Sorbischen Gruppe
Sorbisches Tanzensemble

Altbischof Joachim Reinelt, Bistum Dresden-Meißen, berichtete von einer Begegnung mit einer älteren Frau im Flugzeug von Russland nach Deutschland, die in Russland Dienst tat und in der Heimat beerdigt werden wollte. Sie habe Ruhe und Zuversicht ausgestrahlt. Der Glaube, der aus ihrem Gesicht sprach, erinnerte den Bischof an eine Ikone mit drei Gesichtern. Der Sohn und der Vater auf dem Bild in engem Blickkontakt zueinander stellten eine Einheit dar. Der Heilige Geist schaue auf den Betrachter des Bildes. Das sei die Zuwendung und Liebe Gottes, die nicht wegschaue. Davon wusste offenbar die Frau im Flugzeug, das ihre Leben prägte.

Der Begegnungstag für Aussiedler begann 1996 in der Hochphase der Zuzüge für Sachsen zum ersten Mal in Großenhain. Mit ihm sollen sowohl die Zugezogenen willkommen geheißen und ermutigt, als auch eine breite Öffentlichkeit in Kirche und Gesellschaft über die aktuellen Integrationsaufgaben in Sachsen informiert werden.
Er dient dem persönlichen Austausch unter den Spätaussiedlern und dem Kontakt mit den Einheimischen. Im letzten Jahr fand der Begegnungstag im erzgebirgischen Schneeberg statt.

Bild: Zuschauerinnem vor der Bühne

Die Zuzugszahlen sind seit einigen Jahren aufgrund veränderter Sprachanforderungen deutlich niedriger als beispielsweise in den 1990er Jahren. Sie steigen aber seit kurzem wieder leicht an. Im letzten Jahr kamen 295 Spätaussiedler nach Sachsen. Bis zur Jahresmitte dieses Jahres waren es mit 137 im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr mit 121 über ein Dutzend Personen mehr. Die Veränderungen sind aber weiterhin kaum relevant im Vergleich der Zuzüge nach Sachsen in den Jahren 2004 mit 3.826 Personen oder gar 1994 mit 17.173 Spätaussiedlern.

Der Begegnungstag für Aussiedler wird gefördert vom Freistaat Sachsen.(10.9.2016)

- Weitere THEMEN

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps