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Sonderausstellung im Buchmuseum der SLUB

„800 Jahre Kreuzchor? Fragen an die älteste Musikinstitution Dresdens“

Bild: Blick in die Festveranstaltung im Vortragssaal der SLUB mit Prof. Dr. Thomas Bürger (r.)
Blick in die Festveranstaltung im vollbesetzten Vortragssaal der SLUB mit Prof. Dr. Thomas Bürger (r.)

Mit einer Festveranstaltung in der Sächsischen Landesbibliothek -Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) wurde am 29. September eine Sonderausstellung eröffnet, die sich im Buchmuseum der SLUB der Geschichte des Kreuzchores als älteste Musikinstitution Dresdens widmet. Die Ausstellung „800 Jahre Kreuzchor? …“ ist über das Jubiläumsjahr hinaus bis zum 22. Februar 2017 zu sehen.

Bild: Banner Titel der Ausstellung

Die SLUB würdigt damit den Kreuzchor als traditionsreichen Klangkörper, der über Jahrhunderte hinweg das Dresdner Musikleben prägte und heute zu den wichtigsten musikalischen Botschaftern Sachsens zählt. Zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend begrüßte der Generaldirektor der SLUB, Prof. Dr. Thomas Bürger, die Gäste im vollbesetzten Vortragssaal und nahm Bezug auf das Fragezeichen im Jubiläumstitel der Ausstellung. Diese bewusste Fragesetzung solle als Einladung zum Gespräch verstanden werden, so, wie die Ausstellung den Chor aus verschiedenen Perspektiven betrachte. Es gehe um Erfolgsgeschichten und Grenzerfahrungen in der Tradition der Ausstellungen im Buchmuseum mit Themen, die Stadt und Land bewegten.

Bild: Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange
Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange

Neben den Hinweisen auf die Exponate der aktuellen Ausstellung, in die auch Leihgaben einbezogen wurden, verwies Dr. Bürger auf das Internet-Projekt „95 Autographe der Reformation“, das bis zum Reformationsfest 2017 auf der Portalseite jede Woche ein anderes historisches Dokument vorstellt.

Auch in den Grußworten von Staatsministerin Dr. Eva-Maria Stange, Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, und von Landesbischof Dr. Carsten Rentzing wurde die Bedeutung des Kreuzchores hervorgehoben. Die Wissenschaftsministerin wünsche sich, dass die sächsischen Knabenchöre, die sich seit 2015 auf der Kandidaten-Liste für immaterielles Erbe stehen, in die Welterbeliste aufgenommen werden. Dem Kreuzchor bescheinigte sie ein besonderes „Werte- und Beharrungsvermögen“, weil der Chor so viele Jahrhunderte erlebt und sich in ihnen verändert habe. Sie würdigte aber auch die Leistungen der Landes- und Staatsbibliothek in der Digitalisierung von Dokumenten und der weltweiten Vernetzung. So könnten Menschen einbezogen werden, die sonst nicht an diese historischen Quellen kämen.

Bild: Landesbischof Dr. Carsten Rentzing
Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

Auch dadurch entstünden immer wieder neue Fragestellungen und mit ihnen neue Erkenntnisse. Ein endgültiges „Wegforschen“ eines Themas gebe es nicht.

Landesbischof Dr. Rentzing bezeichnete die Ausstellung als einen „wahrlich besonderen Höhepunkt im Jubiläumsjahr“ des Kreuzchores. Ihre Präsentation ergänze  die Verluste durch Krieg und Feuer und die Besichtigung werde „Horizonte öffnen“ vom Rückblick auf den Ursprung und den Lauf in der Geschichte. Dr. Rentzing sprach auch die Gefährdungen der politischen Vereinnahmungen in der neueren Geschichte an. Dieser Gefahr könne man wehren, wenn der Dreiklang von Chor, Schule und Kirche erhalten bliebe. Er erinnerte an den Kreuzgang am 21. August in Dresden, als der alte Wahlspruch zum Ausdruck kam, der auch in die Zukunft führe: „Schule des Kreuzes, Schule des Lichtes, wir gehen, Herr, wohin du führst“ (Schola crucis, schola lucis, imus domine quo ducis).

Der berühmte Dresdner Kammersänger Peter Schreier bezeichnete sich als Zeitzeuge, da er zum Kreuzchor gekommen sei als zuvor elf junge Kruzianer bei Bombenangriffen starben und alles darniederlag.

Bild: Dresdner Kammersänger Peter Schreier
Dresdner Kammersänger Peter Schreier

Einen Neuanfang in Provisorien ermöglichte die Sowjetische Militäradministration. „Wir hatten die Möglichkeit, den Chor in Windeseile neu zu schaffen“, sagte er auch in Würdigung von Kreuzkantor Rudolf Mauersberger. Er sei es gewesen, der Schreiers Gesangtalent erkannte und förderte. Somit habe die Kreuzchorzeit für ihn einen besonderen Wert, was später beruflich zum Tragen gekommen sei. Für ihn sei aber die Erfahrung in der Gemeinschaft das wichtigste gewesen, für die er sehr dankbar sei. Peter Schreier bezeichnete gerade im Vergleich zu früher die heutige musikalische Ausbildung als „hervorragend“.

In seinem Festvortrag hob Prof. Dr. Matthias Herrmann, Hochschule für Musik Dresden, die Bedeutung der Kreuzkantoren hervor. Mauersberger solle sich als „Kreuz- und Querkantor“ bezeichnet haben. Unterschiedliche Interessen würden sich in dieser Funktion kreuzen. Beziehungen zu Stadt und Kirche bedeute zwei Herren zu dienen – Kirche und Welt.

Bild: Vortrag von Prof. Dr. Matthias Herrmann
Prof. Dr. Matthias Herrmann

Der Kreuzkantor habe die Aufgabe das Gleichgewicht zu wahren. Prof. Herrmann erinnerte ebenfalls an den Neuanfang des Chores nach dem II. Weltkrieg, wobei die Existenz des Chores auch Vorbild für Neugründungen von Knabenchören in Deutschland gewesen seien, die dann den alten Chören mit unterschiedlichen Aufgaben und Ausprägungen gegenüberstanden. Die beiden sächsischen Chöre seien dagegen in ihrer Ausrichtung am ähnlichsten. Gerade in der Erweiterung der liturgischen Funktion, die Bildung einer Kurrende im Altarraum, die Aufführung von  Mettenspielen zu Weihnachten und Ostern und das Zusammenwirken von Pfarrer, Kantor und Organist seien Ausdruck dafür. Das Kreuzkantorat gehöre zu den wichtigsten kirchenmusikalischen Ämtern in Deutschland. „So gut wie heute waren die äußeren Verhältnisse für den Kreuzchor noch nie“, sagte der Musikwissenschaftler zur gegenwärtigen Situation.

Die musikalische Ausgestaltung des Abends übernahm ein Männerensemble des Dresdner Kreuzchores unter Leitung von Kreuzkantor Roderich Kreile.
Am Ende der Festveranstaltung erfolgte die Einführung in die Ausstellung und die Einladung zu einer Führung im Buchmuseum.

Bild: Männerensemble des Dresdner Kreuzchores

Obwohl über die Anfänge von Kreuzkirche, Kreuzschule und Kreuzchor wenig bekannt ist, begehen die drei Institutionen in diesem Jahr ihr 800-jähriges Jubiläum. In einer Urkunde von 1216 wurde Dresden erstmals als „civitas“ (Stadt) erwähnt. Historiker schlossen daraus, dass die damalige Nikolaikirche, die 1388 als Kreuzkirche neu geweiht wurde, schon bestanden haben muss.

Bild: Führung in der Ausstellung
Ausstellung: Führung durch das Buchmuseum

Dass dort Sängerknaben ihren liturgischen Dienst versahen und für diesen Zweck Unterricht in Gesang und Latein erhielten, bleibt reine Vermutung. Urkundlich ist die Schule erstmals am 6. April 1300 nachweisbar. Frühester Beleg für den Chor ist eine Ratsverordnung aus dem Jahr 1380, die vorsah, dass sich der Schulmeister mit sechs Knaben von Sonnenuntergang bis Mitternacht bereitzuhalten hatte, um den Priester bei seinen Krankenbesuchen mit Gesang zu begleiten.

Ihren Lebensunterhalt verdienten sich die Schüler durch das Singen bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Vor hohen kirchlichen Feiertagen mussten sie sogenannte „Singe-Umgänge“ veranstalten und dabei Spenden für ihre Ausbildung sammeln. Das jährlich zelebrierte Johannesfest, bei dem Szenen aus der Bibel nachgestellt wurden und die Schüler verkleidet und musizierend durch die Straßen zogen, brachte Abwechslung in ihren grauen Alltag. Einen weiteren Höhepunkt stellte der „Gregorius-Umgang“ dar.

Bild: Führungen durch die Ausstellung

Mit Einführung der Reformation in Sachsen Anfang Juli 1539 wandelte sich der liturgische Auftrag der Sängerknaben grundlegend. An die Stelle der zahlreichen Sondergottesdienste und Prozessionen trat die Pflege des evangelischen Kirchenliedes und des mehrstimmigen Figuralgesangs.

Als die Kirchen- und Schulämter in Dresden neu besetzt wurden, begann 1540 der erste evangelische Kreuzkantor Sebaldus Baumann auf Empfehlung Philipp Melanchthons seine Tätigkeit. Seit 1559 waren Kreuzschüler und –kantoren außerdem für die Kirchenmusiken in der Frauenkirche zuständig. 1610 kam der Dienst in der Sophienkirche hinzu. Der Chor verfügte damals über ein beachtliches Leistungsvermögen - zählten doch Werke von Ludwig Senfl, Heinrich Isaac und Orlando di Lasso zu seinem Repertoire.

Bild: Kleidung der Kruzianer durch die Zeiten

Nach Gründung der italienischen Oper in Dresden 1717 wirkten einige Alumnen der Kreuzschule in den prächtigen Inszenierungen mit. Bei den großen Kantaten- und Passionsaufführungen unter Leitung der Kreuzkantoren Theodor Christlieb Reinhold und Gottfried August Homilius stellte der Chor seine künstlerischen Fertigkeiten ebenfalls unter Beweis. Seit 1790 wurden Kreuzschüler zu den Vorstellungen des Impresarios Joseph Seconda im Theater auf dem Linckeschen Bade herangezogen, wo sie wohl auch Solopartien übernahmen. Als Carl Maria von Weber kurz nach seinem Amtsantritt einen eigenen Opernchor gründete, verließen sie 1817 die Theaterbühnen der Stadt, wurden jedoch verstärkt in das öffentliche Musikleben einbezogen und unterstützten Konzerte weltlicher Musikvereinigungen.

Pflegte der Chor in der fast 50jährigen Dienstzeit Ernst Julius Ottos vor allem die klassisch-romantische Literatur, begründete Oskar Wermann 1879 mit der Aufführung der „Johannes-Passion“ dessen Bach-Tradition, die Otto Richter ab 1906 fortsetzte. Während Richters Dienstzeit unternahm der Chor die ersten Auslandsreisen nach Schweden (1920) und Holland (1921).

Bild: Das im Jahr 1519 gedruckte Missale enthält die genutzte Messordnung
Das im Jahr 1519 gedruckte Missale enthält die genutzte Messordnung

Als Rudolf Mauersberger 1930 die Leitung übernahm, erklangen neben den Werken von Heinrich Schütz zeitgenössische Kompositionen von Hugo Distler, Günter Raphael, Ernst Pepping und Kurt Thomas. Zwei Tourneen führten die Kruzianer 1935 und zum Zeitpunkt der Reichskristallnacht 1938 nach Amerika. 1943 reisten sie nach Oberschlesien, u.a. auch nach Auschwitz, um vor deutschen Soldaten aufzutreten.

Bei den Angriffen auf Dresden wurden Kreuzkirche, -schule und Alumnat in der Nacht des 13. Februar zerstört und die Notenbibliothek sowie das Chorarchiv vernichtet. Für Gottesdienste und Vespern nutzte der Chor bis zur Wiedereinweihung der Kreuzkirche 1955 andere Stadtteilkirchen. Die erste Kreuzchorvesper, bei der Mauersbergers Trauerhymnus „Wie liegt die Stadt so wüst“ uraufgeführt wird, fand am 4. August 1945 jedoch in der zerstörten Kreuzkirche statt.

Bild: Auf erster großer Reise in den 30er Jahren
Auf erster großen Reise in den 30er Jahren

Kreuzschule, Kreuzchor und Alumnat blieben für lange Zeit getrennt, ehe ihnen das Freimaurerinstitut auf der Eisenacher Straße 1959 eine neue Heimat bot. Trotz mancher Behinderung durch das DDR-Regime konnte der Kreuzchor auch unter der Leitung von Kantor Martin Flämig seinen kirchlichen Auftrag bewahren. Als 1982 für den Chor ein Direktor als staatlicher Leiter eingesetzt wurde und sein Status als Kirchenchor verlorenging, hatte das aber kaum Auswirkungen auf die praktische Arbeit.

Unter Roderich Kreile, der den Chor seit 1997 leitet und die Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern intensivierte, brachten die Kruzianer viele Kompositionen zur Uraufführung. Fünf Konzerttourneen führen sie im Jubiläumsjahr durch fünf Kontinente. Natürlich sind sie auch im öffentlichen Leben ihrer Heimatstadt präsent. Einen Höhepunkt stellte die Aufführung von Beethovens „Missa solemnis“ im Rahmen der Festwoche am 23. April in der Kreuzkirche dar.(29.9.2016)

Bild: Zeichnung des Zuges durch die Stadt

Zur Kreuzchorausstellung in der SLUB

Im Zusammenhang mit der Ausstellung findet am 14. Dezember 2016, 19:00 Uhr im Vortragssaal ein Adventskonzert statt. Mitglieder des Dresdner Bach-Chores, der Wurzener Jugendkantorei und die Professores Cantantes Dresdensis führen Werke Dresdner Kreuzkantoren auf.

Rückblick KREUZGANG am 21. August 2016

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