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Landeskirche

Was wir heute noch von Luther lernen können

Fünf grundlegende Erkenntnisse des großen Reformators, die besonders bedeutsam scheinen.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen!“ – das ist einer der bekanntesten Aussprüche Martin Luthers, und wenn er auch vor fast 500 Jahren fiel, so mag er einem modernen Menschen in Zeiten einer weltweiten Finanz – und Wirtschaftskrise durchaus in den Sinn kommen.

Viele der Einsichten des Reformators sind von ungebrochener Modernität, und darum haben wir vor einigen Wochen für den Bereich der sächsischen Landeskirche in Zwickau die „Lutherdekade“ eröffnet. In den kommenden Jahren wollen wir uns der Bedeutung Luthers für unsere Zeit vergewissern und das große Jubiläum des Jahres 2017 vorbereiten. Dann jährt sich der Auftakt der Reformation zum 500. Mal, der Anschlag von 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg.

Sie beginnen mit den Worten „Aus Liebe zur Wahrheit, und im Bestreben, sie ans Licht zu bringen…“ Martin Luther war ein Suchender, der mit einer verwegen anmutenden Radikalität den Konsequenzen seiner Erkenntnisse folgte. Fünf scheinen mir besonders bedeutsam.

Da ist zuerst die Frage nach Gott - welche Bedeutung er für das Leben eines Menschen hat, wie er erkannt werden und wie man ihm nahe kommen kann. Dabei machte der Reformator befreiende Entdeckungen: Dass Gott in der Lektüre der Bibel gefunden wird, dass der Glaube wächst und lebt aus der Begegnung mit der Heiligen Schrift. Und: dass man sich die Nähe Gottes nicht erarbeiten kann. Sie ist vielmehr ein Geschenk, das im Glauben ergriffen wird, und in der Folge das ganze Leben prägt. Dann: Gott ist gnädig und barmherzig, man soll ihn ehren und seiner Wirklichkeit nicht ausweichen - muss sich aber vor ihm nicht ängstigen.

Auf diese Wahrheiten ist Verlass, und bis heute können sich Suchende an ihnen orientieren.

Die Suche Luthers war intensiv, und sie führte in eine tiefe Form der Selbsterfahrung. In der Folge fand er zu Wahrheiten über das Menschenleben und zu einem Menschenbild, das von ungebrochener Aktualität ist. Für ihn ist jeder Mensch ein wunderbares Geschöpf, von staunenswerten Möglichkeiten, reich und in vielerlei Hinsicht begabt, zu verantwortlichen Entscheidungen in der Lage, liebesfähig – zugleich aber stets gefährdet in einer widersprüchlichen und unübersichtlichen Welt. In dieser Sicht liegt ein nüchterner Realismus, der zu höchsten Kulturleistungen ermutigt, aber zugleich die destruktiven Potentiale der Menschen im Blick behält. Luther sah sich selbst auf seinem Totenbett als einen „Bettler“, und dabei war ihm durchaus bewusst, was er bewegt und verändert hatte.

Von dieser Demut wünschte man einem Teil der heutigen Eliten wenigstens etwas.

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ist eine der zentralen Schriften Luthers überschrieben. Der Reformator hat darin das Verhältnis von Freiheit und Bindung beschrieben. Für ihn ist Freiheit von „Christus erworben und gegeben“; also nichts, was ein Mensch sich selbst zuerkennen könnte. Vielmehr ist sie göttliche Gabe, und darum ist der gläubige Mensch niemandem, auch nicht den Mächtigen dieser Welt, untertan.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, sagte er den Mächtigen des Reichstags. Jeder hat so viel Freiheit, wie er sie seinem Gott glaubt. Er stellt die Menschen in einen weiten Raum. Freiheit kann aber kein Selbstzweck, sondern soll die Grundlage für ein gutes Leben in Gemeinschaft sein. Darum überlassen die Glaubenden die Welt um sie herum nicht ihrem Lauf, sondern gestalten sie als den Bewährungsraum der Verantwortung. Die geschenkte Freiheit in die Bindung an den Mitmenschen.

Dieser reformatorische Impuls hat die Gesellschaften des Freien Westens zutiefst geprägt. Angesichts der sich vertiefenden Spaltungen in unserer Zeit wäre es wichtig, das Element der Bindung und die Verantwortung für das Zusammenleben stärker zu betonen.

Luther entwarf das Bild einer spirituellen Gemeinschaft von Christenmenschen, in der es keine Rangordnungen gibt. Die Gleichheit vor Gott führte ihn zu der Konkretion, dass jeder und jede einen Beitrag zu dem Gelingen dieser Gemeinschaft leisten kann und soll. Eine Berufung gibt es also nicht nur zu dem geistlichen Beruf des Pfarrers, sondern zu jeder Tätigkeit in der Gesellschaft.

Daher hat das Wort „Beruf“ in der deutschen Sprache seinen besonderen Klang; und es begann ein langer Weg zur Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten. Einen besonderen Ausdruck hat diese 1523 in der „Sozialcharta“ (Luther nannte sie „Kastenordnung“) für die sächsische Stadt Leisnig gefunden, in der Grundsätze niedergelegt sind, die bis heute den Sozialstaat prägen.

Eine andere Tiefenwirkung der Reformation war eine Bildungsoffensive, die alle Teile, Schichten und Klassen der Bevölkerung einbezog. Jeder Mensch sollte selbst die Bibel lesen können, nicht länger in Fragen der Wahrheitsfindung auf Autoritäten angewiesen sein. Es entstanden „Volks“schulen, übrigens auch für Mädchen, und Philipp Melanchthon, ein enger Freund Luthers, wurde später „der Lehrer Deutschlands“ genannt.

Insofern sehe ich in der evangelischen Schulgründungsbewegung der vergangenen 15 Jahre eine Anknüpfung an die reformatorische Tradition und ein Zeichen für die lebendige Kraft des Luthertums. In Sachsen gibt es inzwischen 44 freie Evangelische Schulen.

Damit sind einige der Wurzeln benannt, von denen nicht nur die Kirchen der Reformation leben. Sie haben das Zusammenleben in unserem Land geprägt, und darum soll die Lutherdekade ihrer Vergewisserung dienen. Eine unkritische Jubelfeier wird sie nicht sein.


Jochen Bohl
Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Sächsische Zeitung, 30. Oktober 2008

 

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