Predigt zur 16. Weihnachtlichen Vesper an der Frauenkirche Dresden, 23. Dezember 2008
Durch Gottvertrauen bekommt das Menschenmögliche seine Chance
Predigttext: 1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. 2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. (Jes. 11,1f.)
Liebe Gemeinde,
wir hören eine uralte Weissagung des Jesaja, 2700 Jahre liegt seine Zeit zurück. Schon damals hofften die Menschen auf eine Veränderung der Verhältnisse; auch das Gottesvolk litt unter inneren Spannungen, unter Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit, den immer wieder ausbrechenden Kriegen, alltäglichen Gewalttaten. Nun sieht der Prophet das zukünftige Friedensreich des Messias, es wird einer kommen, mit dem der Geist Gottes sein wird, und der Frieden wird von einer fernen Sehnsucht zu einer realen Möglichkeit. Die Christenheit hat von allem Anfang an diese Worte verstanden als Ankündigung des Heils in Jesus Christus, das jeder Mensch im Glauben ergreifen kann.
Es sind überraschend nüchterne Worte, die den Geist Gottes beschreiben, der auf dem Friedensbringer ruhen wird. Es sind menschliche Verhaltensweisen, die zu allen Zeiten gebraucht wurden und werden: Lebensweisheit, verständige Vernunft, Rat hören und geben, Zuversicht und Vertrauen, einsichtige Erkenntnis. Sie sind notwendig, um in einer Gemeinschaft beieinander bleiben zu können, sie zu beherzigen ist gleichermaßen hilfreich für das Zusammenleben in der Familie, wie für die Arbeitswelt und das Wirtschaften; sie helfen für Schule und Politik. Es sind keine übermenschlichen Zuschreibungen, nichts Außerirdisches liegt darin, sondern ein Erfahrungswissen, das uns zur Verfügung steht. Es wäre gut, wenn wir es in den alltäglichen Entscheidungen unseres Lebens nutzen würden.
Nicht schwer eigentlich…und doch viel zu wenig anzutreffen und so selten beherzigt.
Auch im vergangenen Jahr wäre großes Unheil vermieden worden, hätten der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Erkenntnis die Menschen geleitet: der Krieg im Kaukasus hat tausende Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen, und war doch nur eine sinnlose, schon fast vergessene Fußnote der Geschichte.
In diesen Tagen kreisen viele Gespräche um die Folgen der Finanzkrise, die zum „Wort des Jahres“ geworden ist. Rund um den Erdball sorgen sich Menschen um ihre Zukunft, ihre Arbeitsplätze und ihren Lebensunterhalt, und besonders die Schwachen sind betroffen. Dabei handelt es sich nicht um ein Verhängnis, das aus heiterem Himmel über die Menschen gekommen wäre, vielmehr sind die Ursachen nur zu gut bekannt. Diese Krise ist entstanden aus Gier und Geiz und Hochmut.
Die Gier ist das Immer-mehr-haben-wollen, der rastlose Willen zur Mehrung des eigenen Besitzes ohne Rücksicht auf die Mitmenschen oder die Gebote der Gerechtigkeit; der Geiz eine ichsüchtige Verkrümmung in sich selbst, die nichts kennt als kalte Berechnung des Vorteils, nichts von der Freude weiß, großzügig zu geben. Und es gibt eine Überheblichkeit, die meint, die eigenen Kräfte und Möglichkeiten seien unbegrenzt, so dass die Möglichkeit des Scheiterns ausgeschlossen scheint – das ist der Hochmut, der vor dem Fall kommt.
Wenn Gier, Geiz und Hochmut überhand nehmen, kann es nicht gut werden. Dieses Unheil hätte vermieden werden können - durch den Geist der Weisheit und der Erkenntnis, der zur Einsicht und zur Bescheidenheit und zur Großzügigkeit gegenüber den Mitmenschen führt.
Nein, das alles ist nicht neu, und wiederholt sich doch immer wieder. Weder die Fehler, die gemacht wurden, noch die Hilfe, die es dagegen gibt, weder die Laster noch die Tugenden sind unbekannt. Man möchte meinen, nichts Neues geschieht unter dem Himmel, die Menschen können nicht anders, als sich selbst immer wieder zu gefährden, das Unheil über sich zu bringen, das sie doch längst zu fürchten gelernt haben.
Liebe Gemeinde,
wieder wird es uns Weihnachten, und wir hören die nüchternen Worte des Propheten Jesaja von dem Geist, der den Friedensbringer leitet: Lebensweisheit, verständige Vernunft, Rat hören und geben, Zuversicht und Vertrauen, einsichtige Erkenntnis; es sind menschliche Verhaltensweisen, die wir ergreifen können. Das kann uns gelingen, wenn die Furcht des Herrn hinzukommt. Sie hat nichts zu tun mit der Angst, die unfrei macht und zittern lässt – im Gegenteil. Sie will Gott die Ehre geben und bezeichnet eine Haltung des Vertrauens, aus der eine besondere Stärke erwächst. Das Gottvertrauen hilft gerade gegen die Ängste, von denen so viel Unheil kommt: zu kurz zu kommen, nicht genug zu haben, abgehängt zu werden, allein stehen zu müssen. So hilft es auch gegen Gier und Geiz und Hochmut. Von Gott kommt uns eine feste Zuversicht, die uns stärkt und hilft in den Nöten des Lebens. Sie macht frei zur Großzügigkeit und zu verständiger Vernunft. Durch Gottvertrauen bekommt das Menschenmögliche seine Chance.
Im Glauben werden wir uns nicht über das menschliche Maß erheben; wir werden auch nicht meinen, die anderen gingen uns nichts an. Vor Gott erkennen wir die Wege, die wir in Verantwortung vor den Mitmenschen gehen können.
Wir wollen mit unseren Kräften helfen, dass Gerechtigkeit einzieht, und Frieden bleibt, im Geist der Versöhnung wollen wir miteinander die Zukunft gestalten.
Dabei ist die Frauenkirche uns ein Zeichen, das helfen kann. Bei ihrer Weihe an jenem strahlend hellen Tag vor drei Jahren haben wir gesagt, dass ihr Wiedererstehen ein Gottesgeschenk ist, das Menschen einander gemacht haben. Vielleicht liegt darin ein Bild für das Kommen des Friedensreiches, von dem der Prophet spricht. Auch daran sind wir nicht unbeteiligt, sondern können jetzt und hier mit Weisheit, Verstand, Erkenntnis daran mitwirken. Wir hoffen auf den Geist Gottes, der uns dabei geleitet, so dass wir nicht in die Irre gehen. Mit ihm kann es gelingen, der Gerechtigkeit zu leben, die dem Frieden vorausgeht.
Morgen ist der Heilige Abend und das Fest der Geburt Jesu Christi beginnt, des Friedensbringers. Er ist unser Heil, und im Glauben kann jeder Mensch den Frieden ergreifen, der mit ihm in diese Welt gekommen ist. Das Fest will unseren Glauben stärken, und die Hoffnung auf sein Friedensreich, dass es unter uns wachsen möchte. So wollen wir unsere Herzen und Sinne für seinen Geist öffnen; und wünschen einander ein friedvolles, gesegnetes Weihnachtsfest.
Amen.


