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Vortrag am 14. Januar 2010 im Berufsbildungswerk Leipzig

Wir wehren uns dagegen, dass die Lebensqualität von Menschen nach ihrer Leistung bemessen wird!

Sehr geehrter Herr Menz, meine Damen und Herren,

ich bin sehr dankbar, dass ich nach einer doch längeren Unterbrechung wieder einmal im BBW sein darf, möchte versichern, dass ich Ihre Arbeit immer mit großem Interesse verfolgt habe und mir meine eigenen Erfahrungen aus meiner Mitarbeit im Aufsichtsrat mir nach wie vor deutlich vor Augen stehen – und zwar in guter Weise.

I

Das Berufsbildungswerk Leipzig ist im Verbund der Diakonie seit vielen Jahren aktiv in der Begleitung behinderter Menschen engagiert. Das BBW tut damit, was uns als Kirche von allem Anfang an aufgetragen ist:  Wir stehen nach unseren Möglichkeiten an der Seite der Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung und den damit verbundenen Einschränkungen Unterstützung benötigen. Während die Kirche in der DDR fast die einzige Institution war, die diesen besonderen Dienst an den Behinderten übernommen hat, bewegen wir uns heute auf einem Markt, der recht unübersichtlich geworden ist. Wir dürfen uns von der Geschichte der Diakonie her sicherlich als Vorreiter fühlen und stellen uns gerne dem Wettbewerb um die besten Ideen und die beste Qualität der Dienste – allerdings nicht im Sinne eines Preiskampfes auf dem Sozialmarkt. Ich bin auch sicher, dass es uns – Ihnen – immer wieder gelingen wird deutlich zu machen, was eigentlich das besondere daran ist, wenn sich Christen diakonisch engagieren. Diese Frage beantwortet sich im Alltag der Arbeit, weniger theoretisch durch Erwägungen des Bischofs.

Gerade für Menschen mit Behinderungen gibt es inzwischen eine doch beträchtliche Vielzahl von Leistungen und Angeboten. Im fachlichen Kontext wird dabei allgemein die Qualität der Leistung auch an dem Paradigma der gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderung gemessen. Integration ist ein Begriff, der inzwischen einen sehr hohen Bekanntheitsgrad hat – und er ist nicht spezifisch christlich geprägt. Integration sagt, dass  Menschen mit spezifischen Bedürfnissen gemeinsam mit anderen z. B. in der allgemeinen Schule lernen können. Integrationspädagogik bezieht sich dann auf die entsprechenden Prozesse und Effekte des gemeinsamen Spielens, Lebens, Lernens und Arbeitens in heterogenen Gruppen.

Andererseits wird Integration in der Praxis inzwischen gelegentlich so weit gefasst benutzt, dass alles Mögliche darunter verstanden wird. Gemeinsamer Unterricht in der allgemeinen Schule, punktuelle Feste und Feiern, selbst die Prozesse innerhalb einer Sonderschule werden gelegentlich als Integration bezeichnet. Fast kann man sagen: Alles, was als gut, fortschrittlich und hilfreich gesehen werden will, heftet sich das Etikett 'integrativ' an. Tatsächlich sind die Hürden, um etwa einen integrativen Kindergarten zu führen, bei uns nicht sehr hoch.

Dennoch: Integration ist ein wichtiger und richtiger Weg. Die jüngeren Entwicklungen und neuere Möglichkeiten fordern aber heute zu einem konsequenteren Blick und Zugang auf. Vor allem ist es unbefriedigend, dass Integration in ihrer bisherigen Praxis ein sektorales Phänomen ist: im Kindergarten und in der Grundschule (ca. 80 %!)  weit verbreitet, in der Sekundarstufe I nur noch in geringem Maße zugelassen und in der Sekundarstufe II und im Bildungsbereich geradezu exotisch. Die Integrationsquote von Förderschülern in Sachsen betrug im Schuljahr 2006/07 nur 11 %; und bei Schülern mit kognitiven Einschränkungen bei nur 1 %. Demnach bleibt einer großen Gruppe von Schülern der Weg der Integration verschlossen. Wollen wir wirklich davon ausgehen, dass es eine Gruppe der Integrationsunfähigen gibt?

Keine Frage: integrative Einrichtungen für Kinder im Vorschulbereich sind eher anerkannt sind als im schulischen Bereich bzw. im Bereich der beruflichen Bildung – wenn es gewissermaßen um den Ernst des Lebens geht. Gerade im Bereich der Erwachsenenbildung scheint die Gleichung zu gelten: je schwerer die Behinderung, desto geringer die Chancen für Integration. In Nordamerika wird dies als 'readiness-model' bezeichnet: Die Chancen zur Integration steigen mit den Fähigkeiten des zu Integrierenden. Das aber heißt, dass sich Menschen erst durch bestimmte Fähigkeiten für Integration qualifizieren müssen.

Damit bliebe Integration etwas Selektives und dem ist besonders aus christlicher Sicht zu widersprechen. Wir wehren uns dagegen, dass die Lebensqualität von Menschen überhaupt nach ihrer Leistung bemessen wird. Weder der Wert des Lebens noch die Lebenschancen dürfen sich an den Fähigkeiten des Einzelnen entscheiden. In der Praxis unseres Daseins tun sie es dennoch immer wieder. Weil wir davon ausgehen, dass jeder Mensch ein Geschenk Gottes und als solches lebenswert und wertvoll ist, müssen wir uns gegen ausgrenzende Tendenzen in unserer Gesellschaft stemmen.

Dazu hat die Integrationspraxis sicher einiges beigetragen und überkommene Reflexe verändert. Vielleicht hat sie aber auch das Denken in zwei Gruppen verstärkt: einerseits die Nichtbehinderten, Integrierten, „Normalen“ und Eigentlichen – und andererseits die Behinderten, zu Integrierenden, „Anormalen“. Für uns Christen kann es aber nicht um solche Zuordnungen, sondern nur um das Ziel eines gemeinsamen Lebens gehen.

Das Vorbild für ein gemeinsames Leben aus biblischer Sicht ist der Umgang, den Jesus selbst praktiziert hat. Im Neuen Testament lesen wir von Gehörlosen und Taubstummen, auch von Blinden und Gehbehinderten. Dass Jesus Heilungen an diesen Menschen vollbringt, dass Blinde sehen und Lahme gehen lernen, ist dabei nur ein Teil der neutestamentlichen Botschaft.

Für uns Christen ist wichtig, was dem Heilwerden vorausgeht: Es ist die Erfahrung, dass Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen nicht getrennt voneinander leben müssen. Dass sie nicht in Gruppen unterteilt werden sollen.

II

Diesem Ansatz entspricht das noch immer recht neue Konzept der Inklusion. (Einschluß) Zunächst einmal ist Inklusion für die Theorie der Integrationspädagogik nichts Neues. Jedoch kann durch diesen Ansatz die kritische Selbstreflexion der integrativen Praxis einige Anregungen erhalten. Im Konzept der Inklusion wird von einer untrennbaren, wenn auch heterogen zusammengesetzten Gruppe, und nicht von zwei verschiedenen ausgegangen. Es werden die Dimensionen vorhandener Heterogenität zusammen gedacht, und neben dem institutionellen Rahmen wird vor allem auch die emotionale und die soziale Ebene des gemeinsamen Lebens und Lernen in den Blick genommen. Am 26. März 2009 ist in der Bundesrepublik Deutschland die UN–Menschenrechtskonvention in Kraft getreten. Wir haben uns damit zu einer umfassenden Gleichstellung behinderter Menschen in allen Lebensbereichen verpflichtet – nicht nur die Regierung, sondern die Bürgergesellschaft. Der Freistaat Sachsen ist darum aufgefordert, seine Anstrengungen zur Inklusion von Menschen mit einer Behinderung zu verstärken.

So bin ich sehr dankbar für eine ganze Reihe innovativer Projekte des BBW Leipzig, die dem Gedanken der Inklusion verpflichtet sind:

Das Jugendbeschäftigungsprojekt „Netz kleiner Werkstätten“ motiviert junge Menschen zu einem Wiedereinstieg in Schule und Berufsausbildung. Es gehört mit seinen 56 Plätzen zu den besonders niedrigschwelligen Angeboten der Jugendsozialarbeit in Leipzig. Junge Menschen ohne Kontakt zu Schule oder Berufswelt erhalten hier über praktische Tätigkeit die Chance eines Wiedereinstiegs.
Die diakonischen Unternehmensdienste haben sich zur größten Integrationsfirma Leipzigs entwickelt. Durch die wohnortnahe berufliche Rehabilitation ermöglichen Sie Menschen, eine Ausbildung am Wohnort, d. h. in ihrem gewohnten Umfeld zu absolvieren. Der Ansatz wird ergänzt durch die „Produktionsschule“ (Mobu). Die Förderung von Lernmotivation erfolgt durch die Erfahrung, an einem Produkt oder einer Dienstleistung maßgeblich beteiligt zu sein. Dabei wird in alltagstauglichen Arbeitsprozessen gelernt, z. B. in einer Fahrradwerkstatt oder beim Catering.
Die Diakonie am Thonberg (DaT), Werkstatt für geistig und körperlich behinderte Menschen, bietet einen Wäsche- und Reiniungsservice an. 19 % Außenarbeitsplätze bei der Diakonie am Thonberg sind angesichts der zu überwindenden Schwierigkeiten ein stolzer Wert.
Hinzu kommen interne Maßnahmen im Bereich der Verwaltung, um Hör- und Sprachgeschädigten die Möglichkeit zu bieten, die theoretische Ausbildung durch Praxis zu untersetzen.
Schließlich ist der Personaldienstleister L2 Agentur für Taten ein inzwischen in der Region weiträumig integrierter und angesehener Dienstleister zur Arbeitsvermittlung

Dies alles verdeutlicht den Anspruch der Inklusion als umfassende Vision für das BBW – der darüber hinaus in Kirche und Gesellschaft zu realisieren ist.

Gerade zu diesem Prozess der Inklusion finden wir eine beispielgebende Geschichte im Markusevangelium. Dort ist vom Umgang Jesu mit einem Taubstummen die Rede, und es heißt (Mk 7,32 f.): „Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er [...] legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel.“

In einem gewissen Sinn handelt es sich hier ja um die Begebenheit, die für die Arbeit des BBW grundlegend ist; der Anlass für die heilsame Begegnung des Hörbehinderten mit Jesus war also, dass sich andere Menschen auf ein gemeinsames Leben mit dem Behinderten eingelassen haben, dass sie sich auf einer Stufe mit ihm gesehen haben. Es ist nicht der Ort für eine Auslegung des Textes – es liegt mir aber sehr daran, zu betonen: genau darum geht es in Wahrnehmung des diakonischen Auftrags der Kirche. Jede Person ist ein wichtiges Mitglied der Gemeinschaft – unabhängig von ihren Möglichkeiten und Einschränkungen.

Entscheidend ist dann der Aufbau von Möglichkeiten der Begegnung: emotional, sozial und mit allen Sinnen. So geht Jesus auf den Taubstummen zu, so sollen und wollen wir uns begegnen. Was daraus erwächst, das können wir dann getrost Gott überlassen, er wird es gut machen.

Ich hoffe, dass unser Land im Jahr 2010 Fortschritte in Bezug auf das bedeutsame Ziel der Inklusion machen wird und wünsche dem BBW viel Erfolg auf dem bereits beschrittenen Weg und danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich Tag für Tag für Inklusion engagieren.

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