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Predigt anlässlich der Vereinigung der Kirchenbezirke Bautzen und Kamenz am 8. Januar 2010 in der Maria-und-Martha-Kirche in Bautzen

Der Auftrag der Kirche ist ihr Kriterium im Wandel der Zeit

Predigttext: Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matthäus 3, 13-17)

Liebe Gemeinde,

wir sind zusammengekommen, um uns einer Veränderung in den kirchlichen Strukturen zu vergewissern, der Zusammenführung zweier Kirchenbezirke; und tun dies zwei Tage nach Epiphanias, dem Fest der Offenbarung der Göttlichkeit Christi. Es mag so aussehen, als stünden das geistliche Profil dieses Tages und der doch nüchterne, weltliche Anlass ganz und gar unvermittelt nebeneinander. Das ist aber nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches, denn die Frohe Botschaft wird immer in die Welt hineingesagt, wir können gar nicht anders, als sie zu hören angesichts dessen, was uns beschäftigt in der Vorläufigkeit des Menschenlebens.

So war es auch schon, als die drei Könige dem Kind huldigten. Sie, von hohem Stand, taten etwas, was sie vor keinem Menschen taten, sie beugten ihre Knie angesichts der Gegenwart Gottes unter den Menschen. Das ist das Thema des Erscheinungsfestes und der Sonntage, die ihm folgen: Gott ist in die Welt gekommen, ein Mensch geworden, und es ist uns erdgebundenen und weltverhafteten Menschen möglich, dieses Wunder zu erkennen und darauf glaubend zu antworten.

Es ist ein Wunder, kaum zu verstehen, zum Staunen; und auch der Bericht des Evangelisten Matthäus von der Taufe Jesu ist von einem fassungslosen Staunen erfüllt. Denn überrascht, nein: überwältigt reagiert Johannes auf den Besuch des Jesus von Nazareth. „Du kommst zu mir?“ Du, der ich doch deiner bedarf, um zu Gott zu finden?

Dass der Ewige Gott Mensch geworden ist und sich verhält wie ein Mensch, dass er sich unter das geistliche Handeln beugt, das doch den Menschen in ihrer Schwachheit helfen sollen, veranlasst den Täufer zu seiner staunenden Frage. Er hatte längst von dem Nazarener gehört, aber jetzt, in der Begegnung entdeckt Johannes das Geheimnis des Glaubens. Was für die Menschen gilt, gilt auch für den Menschen Jesus von Nazareth. Um der irdischen Gerechtigkeit willen begehrt er die Taufe; er ist ein wahrer Mensch. Und ist zugleich wahrer Gott – die andere Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, hat Jesus von Nazareth den Menschen gepredigt, sie an vielen Gleichnissen verdeutlicht und vor allem: dieser Gerechtigkeit hat er gelebt in Zeichen und Taten. Wir können sie uns nicht selbst verdienen, sondern dürfen sie empfangen und wollen unseren Nächsten in Liebe und mit Hoffnung begegnen. Sie schließt niemanden aus, sondern zielt auf die Gemeinschaft der Gotteskinder. Ihr gehört auch der Sohn Gottes an; und Johannes ist gehorsam, er tauft ihn, wie die anderen vor ihm.

Johannes erkennt den Charakter der Offenbarung, er glaubt und ist gehorsam, er tauft ihn wie die anderen vor ihm. Da kam der Geist Gottes herab, wie eine Taube, und eine Stimme ist zu hören: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Auf diesem Wort, liebe Gemeinde, gründet der Glaube der Kirche. Der Täufer Johannes durfte sie hören und wir haben bei unserer Taufe Anteil an dem Geschenk bekommen, das Gott uns in Jesus Christus macht.

Wie die Menschen zu Gott finden, wie wir Anteil bekommen an seinem Reich, das unter uns wächst – das verkündigt die Kirche. Sie ruft zum Glauben, sie wandert mit ihrem Herrn durch die Zeit, und ihr Auftrag ist es, die Frohe Botschaft zu verkündigen und den Menschen die Heilige Schrift auszulegen, heute wie zu allen Zeiten. Kirche Jesu Christi sind wir um dieses Auftrags willen, und an ihm messen wir alles, was wir in der Kirche tun, auch die kirchlichen Strukturen.

Liebe Gemeinde,
um der Frohen Botschaft willen haben in der Kirche die äußeren Dinge aus sich selbst heraus keine Berechtigung. Denn im Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns steht der Verkündigungsauftrag, den sie von ihrem auferstandenen Herrn empfangen hat. Die Kirche bezeugt in Wort und Tat das gnädige Handeln Gottes in Jesus Christus; sie feiert Gottesdienst, stiftet Gemeinschaft, dient den Menschen, müht sich um Gerechtigkeit und den Ausgleich zwischen Starken und Schwachen. Die Kirchenorganisation ist diesem Auftrag zugeordnet; und darum ist sie veränderbar. Sie will so gestaltet sein, wie eben die Bewährung des Auftrags der Kirche es erfordert; er ist das Kriterium in allem Wandel der Zeiten. Das gilt – und nicht nur in diesen Tagen, in denen Gemeinden sich zu Kirchspielen zusammenfinden und wir Kirchenbezirke zusammenschließen, das zeigt auch ein Blick in die Geschichte der Landeskirche. So wurden im Zeitalter der Industrialisierung, als es ein starkes Bevölkerungswachstum in unserem Land gab, zusätzliche Pfarrstellen errichtet und neue Kirchenbezirke gegründet. Kirchenbezirke wurden in der sächsischen Lausitz erst 1927 nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung im Zusammenhang der Einführung der Kirchenverfassung gebildet und erstmals Superintendenten eingesetzt. Und in vergleichbarer Weise ziehen wir in der Gegenwart aus den sinkenden Zahlen der Bevölkerung und auch der Gemeindeglieder die Konsequenzen. Wir sind weniger geworden; und also müssen wir unsere Möglichkeiten in neuer Weise ordnen, um dem Auftrag der Kirche in guter, in bestmöglicher Weise zu dienen.
Ich will nicht verhehlen, dass darin auch ein Schmerz liegt. Nachdem viele Menschen in den Jahrzehnten der sozialistischen Diktatur die Kirche verlassen hatten, setzte nach der Zeitenwende von 1989/90 ein Prozess der Abwanderung ein; und insbesondere viele junge Menschen haben die Lausitz verlassen, auf der Suche nach Ausbildung und Arbeit. Darüber wurden die Lebenskräfte der Kirche geschwächt, und das bedeutete, dass vertraute und liebgewordene, auch segensreiche Traditionen nicht fortgeführt werden konnten. Viele Kirchgemeinden mussten lernen, sich den Pfarrer oder die Pfarrerin mit den Nachbargemeinden zu teilen, die Nachbarschaft als Gestaltungsraum zu entdecken und gemeinsam Aufgaben wahrzunehmen, Angebote für die Kinder und Jugendlichen zu entwickeln. Das fiel oftmals schwer; und wird nicht einfacher und beschäftigt uns nun schon viele Jahre. Auch sind uns die allfälligen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung nur zu bekannt. Aber Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit verheißen, sondern sein Heiliger Geist ist uns gegeben, damit wir tun können, was uns aufgetragen ist: Christus verkündigen – wie auch immer die Zeit und die Umstände sein mögen. Der Auftrag bleibt in allem Wandel unverändert. In der reichen Tradition unserer lutherischen Kirche finden wir geistliche Schätze, die auch uns zum Segen werden: dass die Kirche sich aus den Gemeinden heraus aufbaut; und dankbar sehen wir, wie das Priestertum aller Getauften und Gläubigen dazu hilft, dass viele Menschen sich in neuer Weise für das geistliche Leben engagieren. 

Wir sehen den Gegebenheiten nüchtern ins Auge; und wollen so handeln, dass wir unserem Auftrag gerecht werden. Aus diesen Gründen hat die Synode unserer Landeskirche beschlossen, die Strukturen in der Lausitz ein weiteres Mal zu verändern, nachdem vor 10 Jahren schon die Kirchenbezirke Löbau und Zittau vereinigt wurden; und die Kirchenbezirke Kamenz und Bautzen zusammenzuführen, die seit dem Jahr 1927 bestanden hatten. Die Synode hat dies in der zuversichtlichen Erwartung getan, dass so die Voraussetzungen geschaffen werden können, um den Auftrag der Kirche in den Vordergrund zu stellen und das Evangelium in den Kirchgemeinden, den Werken und Einrichtungen, in Gottesdienst, Diakonie und Seelsorge zu Gehör bringen zu können. Denn es ist die Aufgabe der Kirchenbezirke nach der Verfassung, die Kirchgemeinden und Einrichtungen zu unterstützen, die Zusammenarbeit der Kirchgemeinden untereinander und ihren Dienst am Auftrag der Kirche zu fördern. Dafür wird der neue Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz Verantwortung tragen.
So bitte ich alle Gemeindeglieder und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die neuen Umstände anzunehmen und, vor allem, sie mit Leben zu füllen – damit das Wort Gottes seinen Lauf nehmen und den Weg zu den Menschen finden kann. Sie brauchen ja das Wissen um die andere Gerechtigkeit und sind der Liebe Gottes bedürftig. Es ist unsere Sache, sie zu bezeugen.
Liebe Gemeinde,

in der Taufe Jesu kam der Geist Gottes wie eine Taube herab und wurde zu einem Zeichen, das bis in diese Tage hinein für die große Sehnsucht der Menschheit steht – dass uns Frieden werden möchte. Der im Jordan getauft wurde, ist der Friedensfürst, und die Stimme aus dem Himmel ist eine Bestätigung, dass er von Gott und zu Gott ist. Der Sohn Gottes lehrte die Menschen, im Glauben die Schritte zu gehen, die den Frieden von einer fernen Sehnsucht zu einer Möglichkeit werden lassen, die wir ergreifen können. Wir beten zu Gott, dass er unsere Füße auf den Weg des Friedens richte – und wissen, dass er unmöglich mit Waffengewalt hergestellt werden kann. Wir leben aus dem Vertrauen auf den Gottessohn, der Mensch geworden ist.
Amen.

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