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Predigt zur Einführung von Dr. Johannes Kimme in das Amt des Präsidenten der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens am 16. Januar 2010 in der Dreikönigskirche Dresden

Die Kirche ruft zum Glauben, dient den Schwachen, lobt Gott und erwartet den Tag des Herrn

Predigtwort: Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (Johannes 1, 17)

Liebe Gemeinde, lieber Bruder Kimme,

den Spruch für die mit dem morgigen 2. Sonntag nach Epiphanias beginnende Woche könnte man angesichts des Anlasses Ihrer Einführung in das Präsidentenamt als in besonderer Weise treffend empfinden. Er bezeichnet ja eine klare und präzise zu beschreibende Trennung: das mosaische Gesetz, die Thora mit den 10 Geboten in ihrem Kern auf der einen Seite, und demgegenüber die frohe Botschaft von der allumfassenden Gnade in Jesus Christus.

Das könnte so verstanden werden, als stünde das eine gegen das andere; und manche von uns werden schon einmal die Sottise gehört haben, das Zusammenwirken von Theologen und Juristen in der Leitung der Kirche sei nach eben diesem Muster zu beschreiben: Die Juristen seien zuständig zuerst für die Gesetzgebung und dann für die Befolgung der Gesetze; die Theologen im Landeskirchenamt stünden demgegenüber für die Dimension der Gnade, für das freie Walten des Geistes, der weht, wo er will. Wenn die Rollenverteilung so sein sollte, so erschiene ersteres dann als eine Aufgabe, mit der nicht allzu viele Sympathien zu gewinnen wären; denn wer würde nicht für die Freiheit plädieren und auf den jede Enge sprengenden Geist setzen, wenn es um diese Alternative geht? Und das gilt umso mehr, weil wir ja in einer Kirche leben, die in ihrem Selbstverständnis von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade geprägt ist. Man würde dann die Juristen im kirchlichen Dienst als diejenigen sehen, die in einer eher zur Flatterhaftigkeit neigenden Gemeinschaft dafür zu sorgen haben, dass Beständigkeit und Verlässlichkeit, nüchterner Realismus und Sinn für das Machbare nicht verloren gehen – wie die Theologen angesichts einer solchen Aufgabenteilung zu beschreiben wären, versage ich mir an dieser Stelle.

Aber so einfach ist es nicht und soll es auch nicht sein. Dem Zusammenwirken der beiden Professionen in unserer Kirche liegen keine Vorurteile oder Ressentiments zugrunde.

Die Zusammenarbeit von Theologen und Juristen in der Leitung der Kirche beruht auf einem Verständnis, das seine bleibende Bedeutung hat, auch in der Gegenwart.
Auftrag der Kirche ist es, das Evangelium zu predigen, sie bezeugt den Willen Gottes in einer Welt, die sich nach Frieden und Erlösung sehnt. Wie die Menschen zu Gott finden, wie wir Anteil bekommen an seinem Reich, das unter uns wächst – das verkündigt die Kirche. Sie ruft zum Glauben, dient den Schwachen, mahnt die Starken, sie wandert mit dem Evangelium durch die Zeit, sie lobt Gott und erwartet den Tag des Herrn. Kirche Jesu Christi sind wir um dieses Auftrags willen, und an ihm messen wir alles, was wir tun und anstreben.

Ihm dienen auch die Regeln und Ordnungen, die unter den höchst irdischen Bedingungen des Lebens in jeder menschlichen Gemeinschaft, auch in der Kirche notwendig sind. Es muss geordnet sein, wer zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung berufen ist, welche Aufgaben den Gemeinden und ihren Kirchenvorständen übertragen sind, welche die Landeskirche zu erfüllen hat, wie das Verhältnis zum Staat zu gestalten ist, was zu tun ist, wenn jemand seinen Dienstpflichten nicht nachkommt…

Wir wissen, dass die Begrenzungen des menschlichen Lebens auch das Leben in der Kirche bestimmen, wir wissen um den Mangel an Erkenntnis und die Fehlbarkeit unseres Handelns; wir kennen das Ungenügen, das aus menschlichen Schwächen kommt, die Verführbarkeit, die Konflikte, divergierenden Interessen.

Es liegt eine bleibende Spannung darin, dass wir Gott in dieser Welt bezeugen, nicht in einer imaginären. Wir leben in dieser Welt und unter ihren Bedingungen; aber es ist unsere Aufgabe, sie auf die andere Wirklichkeit des Gottesreiches zu verweisen, das in Christus bereits angebrochen ist.

Der Wochenspruch aus dem Prolog des Johannesevangeliums spricht vom Gesetz und vom Evangelium, und darin scheint eine Grundspannung des Christenlebens auf: Wir leben zwischen Himmel und Erde, sind gleichsam Bürger zweier Welten, wir leben mit der Verheißung göttlicher Erlösung in einer unerlösten Welt; zugespitzt könnte man sagen, dass Christenmenschen in keiner ganz zu Hause sind – in der einen nicht mehr, in der anderen noch nicht. Wir unterscheiden das Reich Gottes vom Reich der Welt und beziehen sie doch aufeinander, beide haben je ihr eigenes Gewicht und ihre eigene Bedeutung, in beiden ist Gott am Werke.

Ihre Unterscheidung begründet das Zusammenwirken der beiden Professionen, der Theologie und der Jurisprudenz und fordert die Zusammenarbeit ihrer Vertreter.

Diese Überzeugung spiegelt sich seit je in der Struktur der Leitung der Kirche wieder.
Das Landeskirchenamt steht in einer langen Tradition; sie beginnt mit dem Meißner Konsistorium von 1545 und dem Dresdener Oberkonsistorium von 1580, in dem es aufgegangen ist: Ein Jurist gehörte jenem ersten Konsistorium an; und bis heute ist es so, dass an den Entscheidungen jeweils die gleiche Zahl von Theologen und Juristen beteiligt ist.

Lieber Bruder Kimme,

die Amtszeit Ihres Vorgängers H.-D. Hofmann war geprägt von einer Fülle von Veränderungen in der Folge der Zeitenwende von 1989/90. Die Strukturen und auch der rechtliche Rahmen des kirchlichen Lebens mussten an die neuen Bedingungen angepasst werden. Das hat Zeit gefordert und die Kraft aller Beteiligten beansprucht. Sie übernehmen das Präsidentenamt nun in einer Phase, in der alle Aufmerksamkeit darauf gerichtet sein muss, dass und wie wir als „Kirche in der Mitte der Gesellschaft“ unseren Auftrag bewähren. Es ist eine offene Situation – die wir als eine missionarische verstehen. Wir bemühen uns, den Menschen unseres Landes, die auf der Suche sind, eine einladende Gemeinschaft zu sein; und den Gliedern unserer Kirche wollen wir eine Heimat des Glaubens sein. Das sind bedeutende und lohnende Ziele, für deren Erreichung die äußeren Rahmenbedingungen weitgehend geschaffen sind; zugleich sind die langfristigen Trends absehbar und erlauben es der Kirchenleitung, die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen, damit sie nicht aus dem Blick geraten. So haben wir die Gelegenheit, all unsere Kräfte an den Auftrag zu wenden, der uns erst zur Kirche macht – Christus zu verkündigen in Wort und Tat, in Diakonie und Seelsorge, Kirchenmusik und Gottesdienst. An diesem Auftrag haben alle Glieder der Kirche Anteil durch ihre Taufe, unabhängig von Ihrem Beruf. Wir wollen als Juristen und Theologen Gott dienen, der durch Mose das Gesetz gegeben hat, das unserem Leben Halt und Festigkeit gibt; und uns in Kreuz und Auferstehung Christi aus Gnade beschenkt, die uns zum Heil führt.

Das wollen wir tun mit den Gaben und Kenntnissen, die uns zur Verfügung stehen. Sie sind, Gott sei Dank, verschieden.
Amen.


 

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