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Predigt zum Amtsantritt von Superintendent Christoph Noth im Dom St. Marien zu Freiberg am 10. Januar 2010

Ein Sonderfall des Hirtenamtes

Predigttext: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Johannes 10, 10.11.27.28)

Liebe Gemeinde, lieber Bruder Noth,

in diesen modernen Zeiten, die den meisten Menschen kaum eine tiefere oder gefühlsmäßige Bindung zur Landwirtschaft erlauben, mag das Bild vom Hirten fremd und archaisch anmuten. Es wird im Neuen Testament aber so häufig und in zentralen Zusammenhängen gebraucht, weil es für die Zeitgenossen Jesu unmittelbare Sprachkraft besaß. Schafe waren für die Sicherung des Lebensunterhalts von geradezu unverzichtbarer Bedeutung: Wolle, Milch, Käse und Fleisch waren knappe Güter, im wahrsten Wortsinn „Lebensmittel“. Also brauchte man unbedingt einen tatkräftigen und erfahrenen Menschen, der die Tiere vor Schaden und den für sie allgegenwärtigen Gefahren behütete. Von seiner Arbeit, seinem Geschick und seinem Verantwortungsbewusstsein hing viel, sehr viel ab – für die Tiere, vor allem aber für die Menschen. Im Bild vom Guten Hirten geht es unserem Herrn Jesus Christus um die Gefahren, die dem Menschenleben drohen; und wie ihnen begegnet werden kann.

Von der Gefährdung des Lebens wissen auch wir; zwar anders als diejenigen, die Christus damals ansprach, aber nicht weniger intensiv. Man könnte ja meinen, dass die Zahl der geängstigten Herzen unter den modernen Lebensbedingungen eher zugenommen hat; Angsterkrankungen sind eine Not, von der allzu viele und insbesondere junge Menschen betroffen sind. Es ist nicht lange her, dass der Tod eines Fußballers und seine Seelennot das Land erschütterte.

Auch die Situation in Afghanistan, um die Sie durch Ihre bisherige Tätigkeit an der Offiziersschule des Heeres in besonderer Weise wissen, gibt zu Sorgen Anlass, um dass mindeste zu sagen. Denn auch nach acht Jahren des Militäreinsatzes ist nicht einmal andeutungsweise zu erkennen, wie das gequälte Land zum Frieden finden könnte, es ist nicht besser geworden. Der Frieden kommt nicht durch Waffengewalt. Und im Hintergrund steht ja die beunruhigende Tatsache, dass ein kleiner Teil der islamischen Welt meint, einen Krieg gegen den freien Westen führen zu müssen. Schon steht zu befürchten, dass der Jemen ein weiteres Land geworden ist, dass den islamistischen Kämpfern eine Basis gibt. Seit vielen Monaten sorgen wir uns um die verschleppte Familie aus der Lausitz und beten für sie. 

Gegen die Gefahren und Nöte des Lebens ist das Evangelium auch uns modernen Menschen eine Hilfe. In der Heiligen Schrift spricht Christus zu uns, mitten hinein in unsere Krisen und Verlegenheiten. Er will uns helfen, dass wir den Gefährdungen, von denen wir umstellt sind, nicht erliegen. Er hat sich selbst zum Opfer gegeben, damit das Böse uns nicht überwältigt; Gott hat ihn auferweckt zum ewigen Leben als den Ersten, der nicht im Tod geblieben ist. Er ist der Gute Hirte. Wenn wir unseren Blick auf ihn richten, erkennen wir den Weg, den wir gehen können. Er leitet uns, damit wir uns nicht verirren. Das ist eine gute Nachricht, und glücklich ist zu nennen, der sie hört und zum Glauben findet.

Wir bezeichnen auch die Geistlichen als Hirten; nicht, weil wir Pfarrerinnen und Pfarrer unserem Herrn näher oder gar ähnlicher wären, als ein jeder Christenmensch, so nicht – wohl aber, weil unser Auftrag seinem Willen, der Gute Hirte zu sein, dient; und Christus erkennbar, hörbar werden lässt. Das geistliche Amt ist notwendig, damit die Gute Nachricht ihr Ziel erreicht: die Menschen, mit denen wir das Leben teilen in Stadt und Land.
 
Ihnen soll geholfen werden, ihr Leben soll geschützt werden, sie sollen Anteil bekommen an dem Heilswillen Gottes und seine Freundlichkeit erfahren dürfen. Hirten sind die Pfarrerinnen und Pfarrer, weil sie die Frohe Botschaft verkündigen, dass Er der Gute Hirte ist; weil sie dies in aller Öffentlichkeit tun, in der Predigt und der Seelsorge, durch Taufe und Abendmahl, und weil sie die Gemeinde leiten in Gemeinschaft mit den gewählten Mitgliedern des Kirchenvorstands.

Lieber Bruder Noth,

das Amt des Superintendenten, das wir Ihnen nun übertragen, dient dem Verkündigungsauftrag der Kirche und es dient den Pfarrerinnen und Pfarrern und ihrer Gemeinschaft, es ist also in einem gewissen Sinn ein „Sonderfall“ des Hirtenamtes; es ist ein Leitungsamt in unserer Kirche mit herausgehobener Verantwortung. Es ist notwendig um der Einheit der Kirche willen. Sie, die den Namen Christi trägt, braucht das Amt der Leitung, damit ihre Glieder beieinander bleiben und damit sie ihren Weg findet und nicht in die Irre geht, sondern Ihn verkündigt als den Guten Hirten.

Wir sind Ihnen dankbar, dass Sie sich dazu bereit erklärt haben, und wir – die Kirchenleitung, die Amtsbrüder und -schwestern des Kirchenbezirks, die Bezirkssynodalen, die Vorstände von Kirchenbezirk und Kirchgemeinde – wir wollen Sie ermutigen und stärken; mit unseren Möglichkeiten dazu beitragen, dass Ihr Amt Ihnen nicht zur Last wird, sondern dass Sie getrost und freudig tun können, was Ihnen aufgetragen ist: Christus bezeugen; und der Einheit des Kirchenbezirks und seiner Gemeinden zu dienen, Hirte zu sein.

Amen.

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