Predigt von Landesbischof Jochen Bohl im Gottesdienst zur Glockenweihe in der Christuskirche Rom am Sonntag Okuli, 7. März 2010
„So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“
Epheser 5, 1 – 8 a
Liebe Gemeinde,
heute feiern wir den Sonntag Okuli, dem es um den geistlichen Augenkontakt, die Blickrichtung des glaubenden Menschen geht. „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, heißt es im Psalm 25: Das Augenlicht ist uns nicht nur gegeben, damit wir uns in der Welt orientieren und behaupten können, sondern es wird auch gebraucht, damit wir geistlich leben können. Wer den Blick hebt zu Gott, der nimmt eine bestimmte Haltung ein. Der sieht nicht zu Boden, der lässt die Schultern nicht hängen, sondern richtet sich auf, streckt sich nach dem Licht, das uns scheint, damit der Reichtum des Lebens sich entfaltet und wir die Wege erkennen, die wir gehen können. Es ist die Haltung eines freien Christenmenschen. Paulus sagt an anderer Stelle, dass wir zur Freiheit berufen sind – sie gründet in dem Licht, das uns in Christus scheint. Wir lesen die Berichte der Heiligen Schrift von der Geschichte Gottes mit den Menschen, wir betrachten Naturphänomene und staunen über die Schönheit der Schöpfung, wir bauen Kirchen in dem Bemühen, unserem Glauben Ausdruck zu geben, wir versammeln uns in den Wohnungen des Glaubens, deren Gestalt im Inneren wie im Äußeren uns helfen will, den Blick zu heben zu Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.
Okuli – meine Augen sehen auf den Herrn: Der Sehnerv hilft uns, zu Gott zu finden; das Augenlicht macht es möglich, geistlich zu leben, Christus nachzufolgen.
Das gilt in ähnlicher Weise für die anderen Sinne. Wer glaubt und getauft ist, richtet sich mit Leib und Seele auf seinen Herrn aus – der Glaube prägt das ganze Leben und die ungeteilte Wahrnehmung der Welt.
Liebe Gemeinde,
heute nun steht aus sehr besonderem Anlass das Gehör im Mittelpunkt. Es ist ein denkwürdiger Tag im Leben dieser Gemeinde, wir dürfen die Glocken erneut in den Dienst nehmen, nachdem sie mehr als zwei Jahre wegen der Schäden am Glocken¬stuhl schwiegen und die Christusglocke bereits früher stillgelegt werden musste. Als sie gerade erklangen, haben wir wohl alle empfunden, dass es etwas Besonderes ist, das Schwingen der Glocken zu hören und dann ihren Klang. Wir hoffen, wie schon die Gemeinde des Jahres 1922, als diese Kirche geweiht wurde, dass sie für lange Zeit und über unsere Tage hinaus klingen werden.
Die Glocken sind Instrumente, die Menschenherzen und Seelen zum Klingen brin¬gen, sie können helfen, dass wir die Haltung des Glaubens einnehmen und unsere Sinne auf Christus richten. Sie rufen zum Gebet, für einen Moment innezuhalten in der Mitte des Tages; am Tag des Herrn laden sie die Gemeinde ein zum Gottes¬dienst. Sie wollen uns erinnern an die Liebe Gottes und unsere Hoffnung stärken. Ihr Klang ist um uns, er bleibt unverändert Tag für Tag, die Mitglieder der Gemeinde sind gewöhnt, ihn zu hören und um sich zu wissen. Das Geläut gehört in das alltägliche Leben. Es gibt ihm einen Rhythmus, eine innere Struktur, ist ein Teil des Vertrauten, das uns umgibt und unsere Tage bestimmt.
Die Glocken schlagen die Zeit und erinnern uns, dass wir nicht allein gelassen sind mit unseren Sorgen und Nöten, dass Gott uns nahe gekommen ist und dass in dem unaufhaltsamen Vergehen der Zeit sein Wort doch bleibt in Ewigkeit. Jeder von uns wird sich auch an Tage erinnern, an denen es war, als schwebe ein Segen in der Luft, als ihr Klang wie eine Verheißung des Friedens über dem Land lag. Oder wie es war, als wir nach der Rückkehr von einer langen Reise in unserer Stadt den Ton, die Stimme der eigenen Glocken unter dem der anderen erkannten. Jeder von uns hat schon einmal erlebt, dass etwas Besonderes, Einzigartiges und Unvergleichliches in dem Glockenklang aufleuchtet. Schiller sagt es so: „Holder Friede, süße Eintracht, weilet, weilet freundlich über dieser Stadt!“
Die Glocken bringen die Hoffnung auf Frieden zum Klingen, Frieden mit Gott und unter den Menschen. Sie geben ihr einen Ort, stiften eine geistliche Heimat, und das mag für die lutherische Kirchgemeinde in der Stadt Rom in besonderer Weise gelten. Ihre drei Glocken stehen für das Eigene unserer Konfession: Die Festglocke trägt den Namen des Gekreuzigten und Auferstandenen – sie bekräftigt das „solus Christus“. Die Gebetsglocke erinnert an die Standfestigkeit des Reformators, die aus seinem Glauben – und nur aus Glauben – kam. Die Taufglocke kündet von dem Ort, an dem die Reformation ihren Ausgang nahm; und von der Beteiligung der ganzen Gemeinde – aller ihrer Glieder, einer jeden und eines jeden – an dem Auftrag der Kirche, die Frohe Botschaft zu verkündigen. Die Christus-, die Luther- und die Wittenbergglocke rufen zum Gebet und zum Gottesdienst, und die Gemeinde weiß, das sie diesen Ruf braucht und mag ihren Klang nicht entbehren. Heute sind wir dankbar für alle Freigiebigkeit und staunen über die Bereitschaft so vieler Menschen, sich zu beteiligen an der Aufbringung der Kosten.
Sie kommt aus der Erfahrung und der Erwartung, dass Gott seiner Gemeinde im Gottesdienst nahe kommt, im Hören auf die Heilige Schrift, unter Brot und Wein. Er will uns dienen, und wiederum wollen wir Gott dienen, ihm die Ehre geben, zu ihm beten, unseren Glauben bekennen und den Schwachen dienen, mit den Gaben, die uns geschenkt sind. Christus folgen wir nach, und das Licht, das er dieser Welt ist, scheint hell, es erleuchtet auch uns, und Paulus kann sogar sagen, dass wir „Licht in dem Herrn“ sind.
Das ist ein großes Wort, und man kann nicht anders, als sich zu fragen, ob das nicht zu viel gesagt und zu groß gedacht ist von uns, die wir doch schwache und oft genug geängstigte Menschen sind. Auch wer glaubt, ist nicht aus dieser Welt, sondern bleibt ihr verhaftet, niemand kann heraus aus den Dunkelheiten und Brechungen des menschlichen Lebens. Unzucht, Unreinheit, Habsucht, leere Worte; das ist keine schöne Liste, die der Apostel den Ephesern vorhält; und doch könnte jeder von uns sie ergänzen – und zwar nicht aus der Beobachtung des Lebens der anderen, son¬dern aus Selbsterkenntnis. Der nüchterne Blick auf das eigene Ich ist ein Kennzei¬chen der Gläubigen. Er führt uns zu dem Wissen, dass wir nur aus Gnade, nicht um unserer Stärken oder Begabungen und Erfolge willen zu der Gerechtigkeit finden vor Gott, derer wir bedürftig sind. Wir sind nicht bessere Menschen, wir sind fehlbar wie die anderen auch. Diese Erkenntnis schließt niemanden aus, auch nicht die Bischö¬finnen und Bischöfe. Und doch werden wir „Licht in dem Herrn“ genannt…
Das Christsein kann nicht erkannt werden an Fehlerlosigkeit, sondern an der Art und Weise, wie wir mit unserer Schuld umgehen; dass wir unsere Sünde bereuen, sie nicht verharmlosen, sondern bekennen, Buße tun, um Vergebung bitten, um auf Ver¬söhnung hoffen zu können. Unsere Schwester Margot Käßmann hat durch ihr klares und unbeirrtes Verhalten gezeigt, wie das gemeint ist – ihr seid „Licht in dem Herrn“; und wir sind ihr für das Zeugnis des Glaubens dankbar, das sie gegeben hat.
Ja, das Licht geben wir uns nicht selbst, sondern empfangen es glaubend. Darum halten wir unsere Gottesdienste auch im Alltag der Welt, denn sie ist der Ort, dem die Liebe Gottes gilt. Wir folgen dem Ruf der Glocken und bringen unsere Dunkelheiten mit, das Krumme und Schuldbeladene, das Verhängnisvolle, dem wir nicht zu weh¬ren wissen. Wir hören auf Gottes Wort, empfangen Vergebung der Sünden – und nehmen die Haltung des Glaubens ein. Wir sehen auf das Licht der Welt, und sind in aller Schwachheit „Licht in dem Herrn“. Wir wollen das Licht Christi zum Leuchten bringen, in der Hoffnung, dass Wege erkennbar werden, die wir in den Krisen unse¬rer Zeit gehen können. Sie ist ja in vielerlei Hinsicht von Widersprüchen gekenn¬zeichnet, Helles und Dunkles stehen unvermittelt, gegensätzlich nebeneinander:
Ungeahnte Dimensionen des Wissens werden erschlossen, aber es mangelt an Orientierung, wie das Böse gemieden, dem Guten gedient werden kann; abstoßende Gier nach materiellen Gütern steht neben aufrichtiger Suche nach Sinn und geistlichem Halt.
Der Reichtum wächst in nie gekannter Weise, aber zugleich die Zahl Hoffnungslosen in Armut. Die Kluft zwischen oben und unten, den Starken und den Schwachen vertieft sich, und wir beklagen, dass und wie die Gebote der Gerechtigkeit verletzt werden.
Christus aber, das Licht der Welt, lehrt uns die Gerechtigkeit Gottes; und macht uns frei zur Nächstenliebe. Er hilft, die Haltung des Glaubens einzunehmen, freie Christenmenschen zu sein und niemandem untertan; freie Christenmenschen zu sein und doch unserem Nächsten ein Diener, eine Dienerin. Paulus sagt: „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“
Liebe Gemeinde,
es ist ein Freudentag heute, und dankbar sehen wir zurück auf die Geschichte dieser Gemeinde, der Christuskirche und ihres Geläuts. Wir vergewissern uns der Hoffnung, die uns geschenkt ist; der Klang der Glocken wird sie stärken. Gebe Gott, dass die Glocken für lange Zeit an ihrem Ort bleiben werden und die Gemeinde sich rufen lässt zu Gebet und Gottesdienst. Rom, die ewige Stadt, steht in besonderer Weise für die Erfahrung, dass Gott mit seinem Segen in guten und schweren Zeiten nicht spart. Das Lied von der Glocke endet so: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.“
Amen.


