Navigation überspringen

Predigt am Sonntag Judika, 21. März 2010 in Stürza

"Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen."

Predigttext: Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebräer 5, 7-9)

Liebe Gemeinde,

„es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, das ist eine Redensart, die ich als Kind häufig zu hören bekommen habe. Mein Vater war Handwerksmeister, er ist es mit seinen 87 Jahren auch immer noch, und sein Arbeitsleben hindurch hat er Lehrlinge ausgebildet, die man damals auch noch so nannte oder gar als „Stifte“ bezeichnete, was je nach Betonung liebevoll anerkennend oder auch barsch zurechtweisend klingen konnte. Er hat sie so behandelt, wie er es in seiner Jugend selbst erfahren hatte; und das bedeutete: man muss sich die Grundlagen des Berufs aneignen, und das ist für niemanden eine kleine Aufgabe, sondern erfordert Anstrengung, Übung und vor allem die Bereitschaft, auf die Erfahrung und das Wissen der Älteren zu hören. Ohne die elementaren fachlichen Grundlagen kann man das Handwerk nicht ausüben, und die Erwartungen der Kundschaft dürfen nicht enttäuscht werden. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, das meinte, dass eine harte Schule durchlaufen werden muss, und von dieser Erwartung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“; diese Redensart war immer dann zu hören, wenn einer der Lehrlinge meinte, auf angenehmere und leichtere Weise zum Ziel kommen zu können: Nein, Meister fallen nicht vom Himmel, sie werden auf Erden geformt, und nicht ohne Mühen, nicht ohne die Bereitschaft, auf die Erwartungen der Älteren, der Erfahrenen zu hören, es geht nicht ohne Gehorsam, wir müssen lernen, um dann vor den Herausforderungen des Lebens bestehen zu können.

Mein Vater ist ein alter Mann, die Zeiten haben sich geändert, aber nicht so sehr, dass seine Lebensweisheit überholt wäre. Vielleicht ist es sogar so, dass es heute noch wichtiger geworden ist, zu lernen – wir reden ja gern vom lebenslangen Lernen, das notwendig ist; und da ist bestimmt etwas – oder sehr viel – Wahres daran. Anders denn als ein Lernender kann man nicht durch das Leben kommen. Dennoch ist es überraschend, ganz und gar ungewöhnlich, dass in dem heutigen Predigttext von Gottes Sohn gesagt wird, er habe lernen müssen. Gottes Sohn als Lehrling, als Lernender (Vers 8)? Das ist kaum zu glauben, denn wir werden weder Gott Vater noch Gott Sohn so sehen, dass es sich bei ihnen um Lernende handelt. Der ewige Gott ist in unserer Vorstellung ja den Grenzen des Menschenlebens entzogen, er ist der ganz andere. Gott ist nicht wie wir, er ist kein Mensch, nicht der Schwere des Irdischen unterworfen, nicht fehlbar, nicht irrtumsbehaftet und unangefochten – Gott ist der ganz andere. So wie hier wird von dem Messias, von Jesus Christus, im Neuen Testament nur an dieser Stelle geredet, es ist eine überraschende, ungewohnte Redeweise, wer hätte schon einmal gedacht, dass Gottes Sohn ein Lernender wäre, ein Lehrling?

Aber bestimmt ist das Ungewohnte auch erhellend. Denn wir glauben ja, dass Jesus Christus wahrer Mensch war, dass der Mann aus Nazareth ein ganz und gar menschliches Leben geführt hat, von der ärmlichen Geburt im Stall bis zu dem Tod am Kreuz. Jedes menschliche Leben besteht aus ganz unterschiedlichen Erfahrungen, aus hellen und dunklen Zeiten, und das galt auch für ihn und sein Leben. Auch für ihn lag Gegensätzliches nahe beieinander, er durfte sich freuen an den Erlebnissen guter und tragfähiger Gemeinschaft im Kreise der Jünger, er hat den Jubel bei seinem Einzug in Jerusalem gehört. Aber Jesus hat auch schwere Erfahrungen machen müssen, es konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass er Feindschaft oder gar Hass auf sich zog, dass er die Kreise der Mächtigen störte und sie danach trachteten, sich dieses Störfaktors zu entledigen. Bestimmt ist es ihm nicht leicht gefallen, damit umzugehen, er wird nicht immer gewusst haben, wie er sich verhalten soll, was zu tun war. Auch die Erfahrung, dass es Wege gibt, die sich niemand wünscht und die nur schwer zu gehen sind, hat er mit uns geteilt. Ja, Gott ist ein wahrer Mensch geworden, und darum war er auch ein Lernender. Der Sohn Gottes musste mühsam lernen, was der Wille Gottes ist; Jesus von Nazareth war es nicht leicht, den Weg zu gehen, der ihn an das Kreuz auf Golgatha führte, denn es war ein Weg der Schmerzen und des Leidens.

„So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt“, lesen wir. Es ist schon überraschend genug, dass Gottes Sohn als ein Lernender geschildert wird – aber nun heißt es auch noch, dass er Gehorsam lernte durch Leiden… Das hört sich hart und vielleicht sogar herzlos an, und man möchte nichts damit zu tun haben.

Kinder werden aus Schaden klug, das mag ja sein; aber wir versuchen doch, unser Kind davor zu bewahren, treffen Vorkehrungen, dass es nicht auf die heiße Herdplatte fasst. Und doch, manche Wahrheit kann man wirklich nicht anders lernen als unter Schmerzen.

Denn es kann wohl niemand durch sein Leben kommen, ohne Schicksalsschläge erleiden zu müssen. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Ereignis uns so trifft, dass wir bis in die Grundfesten unseres Lebens hinein erschüttert werden. Es gibt Momente des Schmerzes und des Leids, in denen alle unsere Kräfte gebraucht werden, um der Situation standzuhalten: der Verlust eines geliebten Menschen, eine gefürchtete Diagnose des Arztes, die Sorge um die Wege unserer Kinder. Es gibt Situationen des Leids, der Enttäuschung, des Schreckens, da möchte man irre werden an der Welt, am Leben, verzweifeln vor Gott.

Wahr ist aber auch, dass diese Erlebnisse und Erfahrungen nicht vergebens sind, sondern dass sie uns, wenn wir sie denn durchlebt haben, stärker machen können, auch weiser, dass sie die Liebesfähigkeit zu stärken vermögen und das Verständnis, was es heißt, ein Mensch zu sein – Mitleid zu empfinden, barmherzig zu leben, dem Nächsten in seiner Not beizustehen. So ist es auch für den Mann aus Nazareth gewesen; er musste erleiden, was Menschen auch leiden, das hat Gott seinem Sohn zugemutet. Und wie jeder Mensch hat er das nicht gewollt und ging doch hindurch, er musste lernen, dem Willen Gottes zu folgen. Ein ganzer, wahrer Mensch ist der ewige Gott geworden, einer von uns. Wir lesen: „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte“.
 
Liebe Gemeinde,

seit nun 325 Jahren erinnert der Altar die christliche Gemeinde in Stürza an die Lebensgeschichte Jesu Christi. Wir sehen auf die Szene der Kreuzigung in der Mitte, die dem Betrachter einen Eindruck verschaffen will von der furchtbaren Not des Gekreuzigten: der Schmerz der Folter, die Gleichgültigkeit der Soldaten, die Hilflosigkeit der Frauen, die nichts ausrichten können, die wilden und brutalen Gesellen an den beiden anderen Kreuzen. Er musste leiden, der Tod stand ihm vor Augen, es gab keine Hilfe – das Bild zeigt die äußerste Verlassenheit eines Menschen. Das hat er nicht gewollt, davor hatte er sich gefürchtet – und ist doch diesen Weg gegangen, im Gehorsam zu seinem Vater. Und dieser Weg ist nicht vergebens gewesen, sondern war notwendig, in einer doppelten Weise, für ihn; und für uns. Da ist zunächst er, der gelernt hat – die Gemeinschaft mit seinem Vater hat ihn getragen, über das Sterben hinaus, er ist nicht im Tod geblieben, sondern wurde auferweckt zu einem neuen, nicht vergänglichen Leben. Auf dem linken Altarflügel steht der Auferstandene im Licht, eine Siegesfahne in der Hand – das Auge Gottes wacht über ihm, von Anfang an, der Geburt in Bethlehem, in seinem ganzen Leben war er nicht allein.

Notwendig war sein Weg auch um der Menschen willen, die durch sein Kreuz Erlösung gefunden haben. Er starb für uns, wir lesen: „Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden“. Sein Lernen, sein Leiden wird uns zum Heil. Sein Kreuz war notwendig; nicht um einen zornigen Gott milde zu stimmen, sondern um unserer Dunkelheiten und Gottferne willen. Er ist gestorben für uns, damit wir Frieden mit Gott finden und fähig werden zur Versöhnung. Ein Mensch wie wir, ein Lernender und doch wahrer Gott. Kein Meister, der vom Himmel fiel, sondern Gott, der Mensch wurde.

Liebe Gemeinde,

es ist ein Geschenk und eine Gnade, dass diese Gemeinde jeden Sonntag in einer solch schönen, wunderbar restaurierten Dorfkirche Jesus Christus anbeten kann. Wir Christenmenschen, die wir seinen Namen tragen, feiern den Gottesdienst, weil er uns gedient hat – und weil wir ihm dienen und mit unserem Gebet antworten wollen. Er wird euch beistehen auf euren Wegen, und so bitte ich euch alle, dem Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen treu zu bleiben.

Amen.

 

 


 

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps