Navigation überspringen

Predigt am Palmsonntag, 28. März 2010 in der Frauenkirche Dresden

Der Weg Jesu ist eine Zumutung

Liebe Gemeinde,

einen der ältesten Texte des Neuen Testaments legt die Predigt an diesem Palmsonntag aus, er ist eine poetische Verherrlichung des Heilandes, entstanden in der allerersten Christenheit, lange schon vor Paulus, der ihn im Philipperbrief zitiert, ein Bekenntnis: der Christushymnus.

„Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 
Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“
(Philipper 2, 5 – 11)
Der Herr segne an uns sein Wort, Amen.

Liebe Gemeinde,

vor kurzem hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass in den Schulen Italiens keine Kruzifixe aufgehängt werden dürfen. Das Urteil hat bei unseren südlichen Nachbarn helle Empörung ausgelöst; und es ist bezeichnend für ihre liebenswerten Eigenheiten, dass man vielerorts umgehend in den Schulen ein Kreuz angebracht hat, wo das noch nicht der Fall war. Und selbstverständlich hat die Regierung Revision eingelegt.

In Deutschland liegt das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts schon einige Zeit zurück; erstritten hatte es 1995 ein bayrischer Vater, der meinte, die „Darstellung eines sterbenden männlichen Körpers“ sei den Kindern nicht zuzumuten; es handele sich gewissermaßen um eine gewaltverherrlichende Darstellung. Selten ist das Unverständnis des Leidens und Sterbens Christi so auf den Punkt gebracht worden. Aber sicherlich denkt nicht nur der Kläger so. Viele meinen, es sei einem modernen Menschen nicht zuzumuten, wieder und wieder über diesen einen Tod nachzusinnen, es müsse doch eher darauf ankommen, sich um das Gute, das Lebensdienliche zu bemühen und alles zu tun, dass die Menschen es endlich lernen, gewaltfrei miteinander zu leben.

In dem Urteil des europäischen Gerichtshofes wird eine Tendenz erkennbar, das zentrale Symbol der christlichen Kirche aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Das Kreuz wird anstößig, zu einem Ärgernis, mit dem man nichts zu tun haben möchte. Zuerst aus dem Sinn geraten, möchte man es auch aus den Augen haben. Aber – nicht alles, was den modernen Menschen fremd erscheint, ist tatsächlich eine Entdeckung der Neuzeit. Schon Paulus hat davon gesprochen, dass Christi Kreuz eine Torheit, ein Ärgernis ist. Auch ihm stand vor Augen, wie sehr das Sterben und Auferstehen Christi jeder menschlichen Verstehensmöglichkeit zuwider läuft. Eingängig, gefällig war das Kreuz nie. Schon der Christushymnus beschreibt ja einen extremen Spannungsbogen, der ein beispielloses Geschehen umschließt, für das es nicht einmal andeutungsweise etwas Vergleichbares in der uns zugänglichen Wirklichkeit gibt. Es beginnt im Himmel, außerhalb der Welt, von der wir etwas wissen können. Wir lesen:

„Er, der in göttlicher Gestalt war“.

Die Geschichte des Jesus von Nazareth begann nicht in der Nacht von Bethlehem, die Geburt als Sohn der Maria und des Zimmermanns Josef war nicht das Erste, was der Glaube über ihn zu sagen weiß. Vielmehr ging die göttliche Gestalt dem irdischen Leben vor, dieser Mensch kam von Gott. Diese Aussage liegt jenseits von allem, was menschlichem Bemühen um Erkenntnis möglich ist. Denn der ewige Gott ist in unserer Vorstellung ja den Grenzen des Menschlichen entzogen, er ist der ganz andere. Gott ist nicht wie wir, er ist kein Mensch, nicht der Schwere des Irdischen unterworfen, nicht fehlbar, nicht irrtumsbehaftet und nicht angefochten – Gott ist der ganz andere. Und doch sagt der Hymnus von einem, der als Mensch geboren wurde, dass er von Gott kam, wahrhaftig Gott ist.

Liebe Gemeinde,

das ist der Anfang des Glaubens. Bei Gott beginnt der Bogen, der die Geschichte des Nazareners überwölbt; und wer diesen Anfang nicht glauben kann, wird in Jesus einen Menschen sehen, nichts weiter als einen Menschen. Der christliche Glaube aber beginnt nicht bei dem Menschen aus Nazareth, sondern bei dem ewigen Gott –

Er „entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach als Mensch erkannt…“

Gott tut etwas, was ganz und gar nicht göttlich ist, sondern irdisch, alltäglich, verwechselbar – er wird Mensch, nimmt die Menschengestalt an und mit ihr auch alle Begrenzungen des Menschenlebens. Er wird uns gleich. Und das nicht nur an der Oberfläche, sondern in allem, was uns ausmacht, in unseren Möglichkeiten und mit unseren Grenzen, ausnahmslos in allem wird er ein wahrer Mensch. Das schon ist ganz und gar unwahrscheinlich, und wird doch noch einmal übersteigert – sein irdisches Leben ist das eines Knechts. Gott kommt, aber nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Darum tröstete Jesus die Menschen, heilte ihre Not, stärkte ihre Hoffnung, richtete ihre Herzen und Sinne auf das, was wirklich zählt im Leben – darum ging er den Weg an das Kreuz, starb einen erbärmlichen Tod.

„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“

Er geht den Weg von der äußersten Ferne in die größtmögliche Nähe zu den Menschen, in die Verlassenheit und die Erniedrigung eines Gewaltopfers. Gott kommt nahe – aber er ist nicht willkommen, der dienende Gott hat keinen Platz unter den Menschen, er stört das Getriebe der Welt, sie kann ihn, der eine ganz andere Menschlichkeit vorlebt, nicht ertragen; sie will nicht, dass er einer von uns wird – darum muss er sterben. Der Mensch gewordene Gott wird aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen; als er am Kreuz hängt, wird die Gottferne der Welt sichtbar. Wir aber, die wir glauben, erkennen in diesem Tod, dass Gott uns nicht allein lässt mit den Dunkelheiten des Lebens. Wir wissen ja, was Menschen einander antun können, wie sehr menschliches Versagen und Schuld das Zusammenleben bestimmen und dass die Menschen dabei nicht nur Opfer sind, sondern auch Täter – und oft eine Mischung aus beiden. Gott hat sich in Jesus an die Seite der Opfer gestellt, als er selbst den gewaltsamen Tod am Kreuz starb. Er starb ihn für uns, und jeder Leidende darf seitdem darauf vertrauen, dass er Gott an seiner Seite hat. Aber auch für die Täter ist Jesus gestorben, damit ihnen ihre Schuld vergeben wird und sie einen neuen Anfang machen können. Das Lebensfeindliche in der Welt soll nicht die Oberhand behalten, sondern wir dürfen mit der Liebe Gottes leben. Jesus starb, damit wir leben können.

„Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist“.

Wir glauben seine Auferstehung, er ist nicht im Tod geblieben, und so wird der Spannungsbogen deutlich, der das Geschehen in Jesus Christus überspannt – der äußersten Ferne folgt die tiefste Erniedrigung, und ihr die letzte Erhöhung. Der Mensch Jesus kehrt zurück zu dem ewigen Gott, in dem alles begonnen hatte. Der Christushymnus der ersten Gemeinde umschließt Himmel und Erde, das Göttliche und das Menschliche.

Liebe Gemeinde,

das ist ein fremder Gedanke, eine Zumutung, aber das kann auch nicht anders sein, denn es ist ja anders als alles, was wir kennen. Der Weg Christi ist ein Weg von Gott, dem ganz anderen, zu den Menschen, und wiederum zu Gott – wie sollte das uns Erdverhafteten, die wir nur wissen, wie es in der Welt zugeht, anders sein als fremd? Es ist aber die Fremdheit, die wir nötig haben, die wir brauchen, damit es nicht so bleibt mit uns, wie es ist. Weil Jesus wahrer Gott war, verbinden wir Gläubigen mit ihm die Hoffnung auf Heilung einer geschundenen Welt. Gott ist uns nahe gekommen, Gott verharrt nicht in der Ferne des ganz anderen, sondern mischt sich ein, damit wir Hoffnung schöpfen können. Dass endlich Gerechtigkeit einzieht und die Armen zu ihrem Recht kommen, dass die Starken den Schwachen an die Seite treten und die trennenden Ungleichheiten überwunden werden; dass die Menschen einander im Geist der Liebe begegnen; dass die Völker nicht nach den Lebensgrundlagen ihrer Nachbarn trachten, sondern sich an der Vielfalt des Lebens freuen. Wer Jesus glaubt, auf ihn vertraut, der hört ja die Mahnung des Apostels:

„Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht“.

Ja, wir glauben Christus, der von sich gesagt hat, dass er das Licht der Welt ist. Ihm gehören wir an; und darum wollen wir uns nicht abfinden, wo Menschen leiden, wo böse Tat das Zusammenleben vergiftet. Vielmehr wollen wir uns einmischen in die Dunkelheiten der Welt, wie Gott sich eingemischt hat. Wir Christenmenschen nehmen die Perspektive der Opfer ein, denn wir sehen auf das Opfer, das Christus am Kreuz brachte. Darum darf nicht länger geschwiegen werden, wo Kinder missbraucht werden, wo auch immer – ob in Familien, Schulen, Internaten; und schon gar nicht dürfen die Schandtaten vertuscht werden. Darum widersprechen wir denen, die meinen, das Geld müsse die Welt regieren: Es ist genug des Unheils über die Völker gekommen durch die Jagd nach schnellem und leichtem Reichtum. Es ist höchste Zeit, dass die Spekulation der Finanzindustrie unterbunden wird.

Liebe Schwestern und Brüder,

dem Bösen sollen wir widerstehen und können es auch – in der Gesinnung, die aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus erwächst. Der Auferstandene trägt die Hoffnung auf eine veränderte Erde. Geriete sein Kreuz aus dem Blick, verlören wir die Hoffnung.

Amen.

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps