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Predigt zum Berggottesdienst am „Kuhstall“, Sächsische Schweiz am 2. Mai 2010

Der Sonntag muss dem Nutzendenken entzogen sein

Predigttext: „Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (Genesis 2, 2 f.)

Liebe Gemeinde,

an einem Ort wie diesem ist dieser Text unmittelbar einsichtig und erscheint uns als besonders treffend: Wir bestaunen die Schönheit der Natur, sie ist ein Werk Gottes, keineswegs ist sie das Resultat eines blinden Zufalls; darum sprechen wir Christen von der Schöpfung. Sie ist größer, reicher und schöner als unsere menschlichen Möglichkeiten. Wir sollen sie, wie es an anderer Stelle in der Schöpfungsgeschichte heißt, bewahren und bebauen – wir dürfen sie nicht ausbeuten und nicht zerstören. Der Nationalparkgedanke entspricht dem Schöpfungsglauben – es ist dies ein besonderer, ein guter Ort für einen Gottesdienst. Die Schöpfung ist uns aber nicht nur Lebensgrundlage, sondern auch Quelle der Freude am Leben, und es ist wahr: Wir haben allen Grund zur Dankbarkeit. Was wir zum Leben nur nötig haben, steht uns zur Verfügung.

An einem Tag wie diesem stimmen wir auch alle darin überein, wie wichtig die erholsame Wirkung eines Tages in Gottes freier Natur, seiner Schöpfung ist. Jeder weiß, wie wichtig es ist, auszuspannen und aufzutanken; und wo wäre es schöner und zugleich erholsamer als hier? Jeder von uns ist dankbar, wenn wir einen Tag, einen Moment wie diesen erleben dürfen, wenn wir zur Ruhe kommen.

Aber in der Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens bereitet  es uns große Schwierigkeiten, das richtige, und für uns zuträgliche Verhältnis von Arbeit und Ruhe, von Anspannung und Entspannung zu finden. Es ist nicht mehr so einfach, wie in Zeiten des Postverkehrs mit Pferdekutschen, als es „Ausspannen“ gab – festgelegte Ruhezeiten und Orte der Entspannung für Mensch und Tier. Damals galten klare Regeln, die dem Alltag der Menschen eine innere Ordnung gaben. Es war eine gemächliche Zeit, und wir lächeln, wenn Goethe in seinem Bericht über die italienische Reise schreibt, dass es leider nicht möglich sei, alles Schöne, Staunenswerte genau zu betrachten – wegen der Schnelligkeit der Reise mit der Kutsche. Eigentlich müsse man wandern…

Das ist sehr anders geworden inzwischen. Für solche Sitten und Gebräuche wie die „Ausspanne“ ist unser moderner Alltag zu hektisch und zu unübersichtlich geworden… Es gibt so unendlich viele Möglichkeiten, das Leben und die Freizeit zu gestalten, ganz nach dem eigenen Wollen, den Wünschen und Vorlieben. Diese Zeit ist ja von unentwegten Veränderungen bestimmt. Wir staunen, wie schnell sich die Dinge ändern, was alles möglich ist. Und wir ergreifen diese Möglichkeiten auch gerne! Urlaubsreisen locken, ferne Kontinente sind in ein paar Stunden zu erreichen… Überall in den Städten laden interessante Veranstaltungen ein, 30 Fernsehprogramme senden rund um die Uhr… Wer will, kann jeden Abend ein Fußballspiel im Fernsehen verfolgen.

Manchmal hat man darüber den Eindruck, dass für manche Mitmenschen die Gestaltung der Freizeit eine Aufgabe geworden ist, die auch schon wieder Stress auslöst… Ein Gedanke kann zu einer bohrenden Frage werden – was man wohl versäumt, wenn man still bei sich zu Hause bleibt?

Tatsächlich: die Hochleistungsgesellschaft hat Schwierigkeiten mit der Ruhe, dem Aus- oder Entspannen. Unser Tempo ist so hoch, dass wir es kaum ertragen können, zur Ruhe zu finden. Wir sind eine Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft geworden. Das wird am Streit um den Sonntag unübersehbar deutlich. Seit 15 Jahren nun wird darüber geredet, von Parlamenten beraten und entschieden und von Gerichten geurteilt. Die Kirche ist ein Teil des Streits, auch wenn uns das gar nicht lieb ist. Aber es geht uns Christenmenschen um den Wert des Sonntags, und darum können wir nicht schweigen.

Denn auf der anderen Seite gibt es starke Kräfte, die an seinem Nutzen interessiert sind. Man möchte wirtschaften, seine Geschäfte betreiben können wie an den anderen sechs Tagen auch. Der Umsatz, das Geld lockt, und darum gibt es die unentwegten Angriffe auf den Sonntag. Vielen kommt diese Entwicklung ganz recht – weil sie nichts mit ihm anzufangen wissen; vielleicht sogar, weil sie die Ruhe nicht ertragen können, sich unentwegt ablenken, betäuben müssen.

Am Ende will man den Sonntag abschaffen, zu einem Tag machen wie es all die anderen sind. Der Mensch soll für die Wirtschaft da sein – aber das ist ja falsch, ein Irrtum, der schlimme Folgen haben wird. Es muss doch so sein, dass wir wirtschaften, damit wir ein gutes Leben führen können! Um des Werts des Sonntags willen muss er dem Nutzendenken entzogen bleiben.

Wir hören auf den ersten Seiten der Bibel: Der Sonntag ist geheiligt, er ist für den Menschen da – für uns, um unsretwillen! Damit wir ein gutes Leben haben in der richtigen Abfolge von Anspannung und „Ausspanne“. Es ist also kein Opfer, wenn wir ihn als besonderen Tag gestalten, wie manchmal zu hören ist: Die Kirche will das Land still legen…

Nein, Gott hat uns das 3. Gebot für uns gegeben. „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Er lässt uns zur Ruhe kommen. Diese Ruhe haben wir auch nötig. Sie stärkt Leib und Seele, schafft den Frieden, nach dem wir uns sehnen. Wir brauchen den Sonntag.

Das Beste ist, wenn wir einfach ausprobieren, wie es wirkt, wenn wir das 3. Gebot befolgen, des Sonntags ruhen. Ich bin sicher und erfahre es ja für mich selbst, dass eine heilsame Wirkung davon ausgeht. Hier in der Kuhstallhöhle, mit dem Blick auf die Schönheit des Gebirges, ist das ein glaubwürdiges Versprechen. Wer wollte in einem Moment wie diesem, an einem Ort wie diesem daran zweifeln?

„Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.“

Amen.

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