Pfingstpredigt am 24. Mai 2010 im Dom zu Meißen
Es ist ein Glück, begabt zu sein
Predigttext: „Es sind verschiedene Gaben; aber es ist "ein" Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist "ein" Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist "ein" Gott, der da wirkt alles in allen. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.“ (1. Korinther 12, 4 – 11)
Liebe Gemeinde,
„ich wusste gar nicht, dass ich so etwas kann“ sagte ein junger Mann mit Tränen in den Augen. Er hatte bei sich etwas entdeckt, eine Fähigkeit, die er nie, nie bei sich vermutet hätte. Vor langem schon hatte er sich einmal daran versucht, ohne rechten Erfolg; und seitdem dachte er, dafür nicht begabt zu sein. Jetzt aber war er jemandem begegnet, der ihm nicht nur gezeigt hatte, wie es geht, sondern auch das Vertrauen und den Mut in ihm geweckt hatte, die für das Gelingen notwendig waren. Jahre nach diesem Erlebnis sagte der erwachsene Mann: Das war der Moment, in dem ich wurde, der ich bin – denn ich entdeckte in mir eine Begabung, die meine Person und mein Leben prägt.
Es ist schön, begabt zu sein; es macht Freude, etwas anzufangen, und zu beobachten, wie es gelingt; es ist ein Glück, Kräfte in sich zu wissen, die gebraucht werden; etwas zu können, macht Spaß. Es ist gar nicht so wichtig, ob es die geschickten Hände sind, oder die Klarheit der Gedanken, die Beweglichkeit des Körpers oder das empfindsame Herz, das andere Menschen suchen – oder eine Kombination aus all dem oder noch ganz etwas anderes: Es ist gut, begabt zu sein, und ein Glück, es zu wissen. Wenig anderes im Leben kommt dem gleich, und jeder kann dieses Glück finden, denn jeder Mensch ist begabt, niemand ist ausgeschlossen – jeder, jede, ohne Ausnahme! Besonders schön kann man diese Wahrheit auch in den Einrichtungen der Diakonie für Menschen mit Behinderungen entdecken – ich werde nie vergessen, als ich sah, wie ein geistig behinderter Mitarbeiter des Missionshofes Lieske in der Lausitz mit dem Rückepferd, für das ihm Verantwortung übertragen war, umging: ein zerbrechlicher Mensch und ein schweres belgisches Kaltblut und beide miteinander ein leistungsstarkes Gespann. Jeder ist begabt – das ist ein Wunder, so wird auch derjenige sagen, der über einen nüchternen Verstand verfügt und darum nicht zur Wundergläubigkeit neigt. Die Begabungen gleichen sich; und doch, wie nicht zwei Menschen denselben Fingerabdruck hinterlassen, ist jeder einzelne auch in seinen Begabungen unverwechselbar. Gaben sind individuell. Es hört sich unwahrscheinlich an, ist aber wahr – zu der Person, die du bist, wirst du durch deine Begabungen.
Etwas anderes ist es, was wir mit unseren Gaben anfangen – und da wird es weniger wunderbar, manchmal sogar schwierig. Gar nicht so selten werden Begabungen nicht genutzt, so dass sie brach liegen wie ein nicht bestellter Acker. Das ist dann traurig, unschön anzusehen.
Es versteht sich auch nicht von selbst, wofür wir unsere Gaben gebrauchen. So viele verschiedene Ziele gibt es, für die wir sie einsetzen können. Wie schnell hat man sich für etwas entschieden und muss später doch feststellen, dass es die Begeisterung nicht wert war. Man kann aus seinen Gaben etwas Gutes oder etwas Schlechtes entwickeln, von ihnen kann ein Leuchten ausgehen, sie können aber auch hässliche Gestalt annehmen. Schon auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir eine Geschichte, die vom Misslingen erzählt. Kain und Abel, die Brüder, waren beide begabt, und beide wussten ihre Begabungen einzusetzen. Das war der Grund, dass sie zu Erfolg kamen, jeder wusste sich in seinem Beruf zu behaupten. Sie machten etwas aus sich, und doch scheiterte ihre Beziehung, sie konnten miteinander nicht leben. Am Ende ermordete Kain seinen Bruder, und der Grund für seine Untat war Neid, gelber, giftiger Neid. Er missgönnte Abel seine Gaben, und was er aus ihnen zu machen wusste. Jeder Blick auf den Bruder zeigte Kain immer nur dasselbe Bild, bis er es nicht mehr ertragen konnte: Er sah vor sich, was ihm selbst fehlte, an welchen Gaben es ihm mangelte.
Es ist eine alte Geschichte, aber sie ist nicht überholt. Manches in diesen modernen Zeiten ist nicht anders, als es immer war. Auch wir wissen, was Neid ist, und auch wir sehen jeden Tag, wie das Leben der Menschen misslingen kann, weil sie die anderen um ihre Gaben beneiden und sich verzehren in Missgunst. In unserer Zeit ist der Konkurrenzgedanke mächtig geworden. Nicht wenige Menschen führen sich auf, als seien sie ein Unternehmen, das mit anderen im Wettbewerb steht; eine „Ich-AG“ ganz eigener Art. Die Krise an den Finanzmärkten hat ihre Ursache auch darin, dass die Jagd nach dem Vorteil in wahrhaft unerträglicher Weise beschleunigt worden ist. Es handelt sich um die Krise der Ich-Sucht, viel zu viele verlieren sich in Selbstsucht, sie kreisen um sich selbst. Darüber werden Gemeinschaften zerstört, Lebensschicksale verdunkeln sich und die Gaben verkümmern, nehmen hässliche Gestalt an – aber wir haben sie doch empfangen, damit sie wachsen und blühen und die Herzen erfreuen.
Liebe Gemeinde,
heute ist Pfingsten, und für uns Christen ist dies der Tag, an dem wir die Gaben feiern, mit denen Gott uns beschenkt; und zugleich feiern wir die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi, die unsere Gaben braucht, der sie dienen sollen und können. – So viele, so sehr Verschiedene waren an jenem Tag in Jerusalem zusammengekommen, dass es eigentlich eine Unmöglichkeit war, gemeinsam etwas zu erleben – schon allein das Hindernis der vielen verschiedenen Sprachen, man konnte sich ja nicht einmal verstehen. Aber es geschah ein Wunder, sie neideten einander nicht das Anderssein, fürchteten sich auch nicht vor den Fremden. Vielmehr verstanden sie die anderen, freuten sich an der Vielfalt ihrer Gemeinschaft und erkannten darin einen Widerschein der Liebe Gottes, der so viele Begabungen schenkt wie es Menschen gibt.
Dieses Wunder wurde möglich, weil sie Gottes Geist empfingen. Er ist es, der die Versöhnung der Verschiedenen möglich macht; wer mit Jesus Christus lebt, dem wird ein Weg eröffnet, der das Unverständnis, die Fremdheit und den Neid überwindet. Er führt zuerst zum Mitmenschen, in dem wir unseren Nächsten sehen, und das Ziel am Ende des Wegs ist die versöhnte Gemeinschaft der Kinder Gottes in der einen Welt. Denn der Geist Gottes befreit uns vom Kreisen um unsere eigene Person, das jede Gemeinschaft zerstören kann, er lässt die Freude in uns wachsen über die Begabungen der anderen. Der Heilige Geist weist den Begabungen ihre Richtung, er hilft, dass wir sie einbringen in das Leben der Kirche Jesu Christi.
Das bedeutet nicht, dass alles gleich gemacht wird, „es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist“, schreibt der Apostel Paulus. Der Heilige Geist ebnet nicht die Begabungen ein. Vielmehr will er jede einzelne zum Leuchten bringen, der Geist zeigt uns den Ort, an dem sie gebraucht werden und das Ziel, das es wert ist, sie einzusetzen. Unsere Gaben werden gebraucht in der Kirche, damit der Leib Christi wächst und blüht. Der Geist hilft uns, damit wir sie nicht ichsüchtig für uns allein haben wollen, sondern der Kirche helfen, ihrem Herrn zu dienen. Gottes guter Geist ruft und befähigt Menschen mit je ihrer Begabung zur Verantwortung für das Leben der Gemeinde, für den Weg der Kirche. Unsere lutherische Konfession ist vor allen anderen dadurch ausgezeichnet, dass sie dieses Geschenk in besonderer Weise bewahrt. Wir bekennen das Priestertum aller Gläubigen, dass alle Glieder der Kirche den Geist Gottes empfangen, der ihnen hilft, mit ihren besonderen und unverwechselbaren Gaben den Glauben in der Welt zu leben, die Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus zu bezeugen. Nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer, jeder getaufte Christenmensch ist ein Zeuge der Liebe Gottes. Der eine Auftrag der Kirche, Christus zu bezeugen, verbindet uns miteinander; und dazu sind uns die Gaben in ihrer Weite und Vielgestaltigkeit gegeben, alles was wir mit und durch sie tun dient der Verherrlichung Gottes. Damit wir sie nicht verschwenden, damit wir sie zum Wachstum und zur Blüte der Kirche einsetzen, ist uns Gottes Geist versprochen.
Mit ihm feiern wir Pfingsten, das liebliche Fest. Wir feiern Gottes Geist, der die geistlichen wie die weltlichen Gaben heiligt. Darum spricht der Apostel einige Verse weiter davon, dass wir in dieser Welt sein Leib sind. Die Liebe Christi zu den Seinen wird konkret zu Pfingsten. Ja, heute vergewissern wir uns der Hilfe des Heiligen Geistes, mit dem Gott seine Kirche auf all ihren Wegen und gerade auf den neuen, offenen, führen will. Wir empfangen einen neuen Geist, der die Menschen befähigt, mit je ihrer Begabung Verantwortung für die anderen zu übernehmen. Dann werden wir unsere Gaben nicht eigensüchtig für uns behalten, auch nicht für Ziele gebrauchen, die es nicht wert sind, sondern einsetzen zum Wachstum und zur Blüte des Leibes Christi – und darum sprechen wir auch von dem lieblichen Fest. Zu Pfingsten zieht der Geist Gottes in die Herzen ein und macht es möglich, dass Starke und Schwache, Reiche und Arme, Junge und Alte miteinander leben – in Frieden.
Liebe Schwestern und Brüder,
manchmal weint man Tränen vor Glück. Wenn wir eine Gabe in uns entdecken, so dass wir werden, wozu wir berufen sind. Ja, du bist begabt, deine Gaben sind einzigartig - wie du selbst es bist, dem sie gegeben sind. Sie werden gebraucht, du wirst gebraucht, damit wir miteinander leben und Leib Christi sein können. Am Pfingstfest feiern wir mit der ganzen Christenheit die guten Gaben, die wir empfangen durften. Wir danken Gott für seinen Geist, der uns miteinander verbindet.
Amen


