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Predigt am Israelsonntag, 8. August 2010, in der Frauenkirche Dresden

Die Spannung können wir nicht aufheben.

Predigttext: 1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. (Römer 9, 1 – 5)

Liebe Gemeinde,
am Israelsonntag geht es um das Verhältnis von Christen und Juden; das Thema gibt diesem Sonntag eine Prägung, die ihn von all den anderen im Jahreskreislauf unterscheidet. Heute hören wir auf die Texte der Bibel und sprechen unsere Gebete im Bewusstsein einer konfliktträchtigen Beziehung der ganzen Christenheit zu dem Gottesvolk; wir feiern diesen Gottesdienst vor dem Hintergrund einer langen Geschichte von 2000 Jahren. Schon an berühmten mittelalterlichen Kirchen Europas finden sich allegorische Darstellungen dieses Verhältnisses; oft werden Kirche (ekklesia) und synagoga als Frauengestalten personifiziert. Am Straßburger Münster trägt die Kirche eine Krone, hält ein Kreuz in ihren Händen und einen Abendmahlskelch als Zeichen für den neuen Bund. Ihr gegenüber steht die Synagoge, der die Augen verbunden sind, als Zeichen für ihre Blindheit gegenüber dem Heil in Christus, sie trägt einen mehrfach gebrochenen Stab in der Hand, die Gesetzestafeln entgleiten ihr. Christen und Juden, Kirche und Synagoge: es ist eine Vergangenheit von Unverstehen, von Blutvergießen und Schuld.
So ist es gut, dass wir in jedem Jahr den Israelsonntag haben, denn es kann ja keine Rede davon sein, dass diese Geschichte als bewältigt angesehen werden könnte. Sie beschäftigt auch uns, die wir in diesen Tagen unseren Glauben leben; und nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit. Die Gestaltung der Beziehungen Deutschlands zu Israel ist für uns eine besondere und herausfordernde Aufgabe, die wir nicht nur der Politik überlassen wollen, sondern an der wir uns im Geist der Versöhnung beteiligen; und hier in Dresden leben wir mit den Mitgliedern der Synagogengemeinde zusammen, begegnen einander, laden uns wechselseitig ein.

Durch die Tagebücher des Dresdners Viktor Klemperer aus den Jahren 1933 – 1945 wissen wir so genau und bedrückend wie aus keiner anderen deutschen Stadt, wie Juden in jener unseligen Zeit leben mussten, wie sich die Schlinge, die ein verbrecherischer Staat um sie ausgelegt hatte, immer enger zusammenzog, wie es war, in der vertrauten Umgebung der heimatlichen Straßen und Plätze – und doch in höchster Gefahr zu sein. In den Zusammenhang der Geschichte von Christen und Juden gehört auch die Frauenkirche; alljährlich gedenken wir ihrer Zerstörung, aber auch der Tatsache, dass sieben Jahre zuvor in der Pogromnacht die Synagoge, nur wenige Schritte entfernt von hier, in Brand gesetzt worden war.

Im Betstubenaufgang erinnert eine Plastik an Hugo Hahn, den ersten sächsischen Landesbischof nach dem Krieg, der bis 1937 hier als Superintendent und Pfarrer wirkte. Er leitete in Sachsen die Bekennende Kirche; und hielt wie auch die Gemeinde, die sich um ihn sammelte, dem Druck des nationalsozialistischen Staates stand. Die Gestapo inhaftierte ihn schon früh; bei der Bekenntnissynode im Mai 1934 in Wuppertal-Barmen hielt er die Eröffnungspredigt; immer wieder trat er gegen die Irrlehren der „Deutschen Christen“ auf. Sie leugneten die Verbindung der Kirche Christi zu Israel und den Juden, führten die „Arierparagraphen“ in der Kirche ein. Hahn wurde wegen seines Widerstands 1938 aus Sachsen ausgewiesen, und danach amtierten in der Frauenkirche bis zu der Bombennacht des 13. Februar 1945 nur noch „Deutsche Christen“; falsche Lehre wurde von dieser Kanzel gepredigt, aus ideologischer Verblendung; obwohl die Prediger auch damals die Figuren des Mose und des Aaron hinter sich hatten.

So zeugt dieses Gotteshaus nicht nur von den Schrecken des Krieges, sondern auch von der schuldbeladenen Geschichte von Christen und Juden. Sie beginnt mit dem Apostel Paulus; er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte; man kann sogar der Meinung sein, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die in der langandauernden Wirkung ihres Tun und Handelns ihm gleichkommen. Dass der christliche Glauben in die ganze Welt hineingetragen wurde, ist mit seinem Wirken untrennbar verbunden, darum nennen wir ihn den Völkerapostel. Die Geschichte Gottes mit den Menschen hat mit dem jüdischen Volk begonnen, mit Abraham, Isaak und Jakob – seit Paulus ist sie offen für die ganze Menschheit, wie es der Missionsbefehl des auferstandenen Christus vorgibt. Mit ihm wurden die Grenzen des Judentums überwunden.

In dem Abschnitt, der heute, am Israelsonntag der Predigt zugrunde liegt, spricht der Apostel über das Verhältnis von Christen und Juden, und er handelt von der Frage, warum das jüdische Volk in seiner großen Mehrheit Jesus von Nazareth nicht als den erwarteten Messias, als den Christus glaubt, dem Paulus vor Damaskus begegnete – sondern ihn ablehnt. Soeben hat der Apostel noch den wunderbaren Satz von seiner festen Gewissheit geschrieben, dass „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (8,38); ein bewegendes Zeugnis des unbedingten Vertrauens auf Gott, ein Bekenntnis des Glaubens an den Auferstandenen, in das die ganze Christenheit zu allen Zeiten eingestimmt hat – im nächsten Satz geht es dann weiter mit dem Predigttext dieses Sonntags. Aus dem Brief an die Römer lese ich:

„Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.“

Das ist keine akademische Abhandlung, die nüchtern-abwägend betrieben wird, diese Verse sind von Gefühlen bestimmt, es ist ein leidenschaftlicher Ausbruch, widerstrebende Empfindungen zerreißen den Apostel förmlich; hier sein gläubiges Vertrauen, seine unumstößliche Zuversicht, nichts kann ihn von Christus trennen – und da seine große Traurigkeit um Israel, das sich abwendet. Ein tragischer Gegensatz – es ist ein Drama, das sich in Paulus abspielt, eine Spannung, die ihn zerreißt; und in der äußersten Zuspitzung des Konflikts kann er sagen, dass er es willig in Kauf nähme, den Glauben zu verlieren – wenn das Gottesvolk ihn nur finden würde!

Liebe Gemeinde,

die Spannung, in der sich der Apostel befindet, konnte er zeitlebens nicht auflösen; und das können auch wir nicht. Sie besteht unverändert fort. Auch für uns liegt ein Schmerz in eben dem Gegensatz, unter dem Paulus litt; wir glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen und vertrauen auf ihn und werden uns nicht trennen von Christus, unserem Herrn. Und wissen ja, was schon Paulus beschreibt: Jesus von Nazareth war ein Jude, nicht anders als die Männer und Frauen, die er um sich sammelte, seine Jünger; er kannte die Tradition des Gottesvolkes und lebte selbstverständlich in ihr von Kindheit an, die Geschichte seines Volkes war auch die seine. In seiner Berufung wusste er sich an Israel gewiesen, darum durchwanderte er das Land, legte in den Synagogen die Heilige Schrift aus; das Alte Testament, wie wir die hebräische Bibel nennen, war ihm ebenso vertraut wie seinen Zuhörern. Darum ist es für uns, wie für Paulus ein Rätsel, eine offene Frage, warum Israel nicht einstimmt in das Lob, das wir Gott für das Heil singen, das er in Christus geschenkt hat. Und das ist keine akademische Frage, die ohne innere Bewegung zu verhandeln wäre – vielleicht sollte ich nicht von einer offenen Frage, sondern von einer offenen Wunde sprechen. Denn es ist uns ja aufgetragen, nicht zu vergessen, woher wir kommen.

Wer auf Christus vertraut, wird sich der Wurzel bewusst sein und bleiben, aus der die heilige christliche Kirche gewachsen ist: Das ist Israel, das auserwählte Gottesvolk. Diese Wurzel ist nicht abgestorben, das Volk der Juden wandert mit seinem Gott durch die Zeit, feiert ihm zu Ehren seine Gottesdienste; ihn beten auch wir an. Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs ist auch der Gott Jesu, der uns lehrte ihn als „Vater“ anzureden. Wir lesen die Bibel des Alten Testaments in derselben Erwartung wie die Juden es tun; wir hoffen, in ihr die Anrede Gottes an uns, in dieser Zeit zu finden. Die Erwählung Israels besteht fort. Wir lesen ja, dass und wie Paulus in der Gegenwartsform spricht, in geradezu sich überstürzenden Formulierungen handelt er von dem Reichtum, den die besondere Erwählung Israels bedeutet: „denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen“.

Ja, all das bleibt, es ist nicht widerrufen; der Bund, der zwischen Gott und seinem Volk geschlossen wurde besteht fort. Darum gibt es unter Christen und Juden ein besonderes Verhältnis, das sich von dem zwischen Christen und Moslems fundamental unterscheidet. Es fordert das  Gespräch, es fordert den gemeinsamen Blick auf die dunklen Abschnitte der Geschichte und es fordert in vielen Fragen der Zeit auch ein übereinstimmendes Zeugnis von Kirche und Synagoge – so gegen den Antisemitismus, den es nach wie vor, Gott sei es geklagt, in unserem Land gibt.

Liebe Gemeinde,

vor fast fünf Jahren haben wir zu dem ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Weihe dieser Kirche die israelitische Kultusgemeinde eingeladen und den sächsischen Landesrabbiner um seine Mitwirkung gebeten und für alle, die den Gottesdienst miterleben durften, war es ein bewegendes Zeichen, auf dem langen Weg der Versöhnung von Christen und Juden mit ihnen gemeinsam einen Psalm Davids beten zu dürfen.
Amen.

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