Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 15. August 2010, in der Markranstädter St. Laurentiuskirche
Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
Predigttext: Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden –; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. 1Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
(Epheser 2, 4 – 10)
Liebe Gemeinde,
des nachts auf der Autobahn, im Scheinwerferlicht ein zerstörtes Auto am Straßenrand, Qualm steigt auf, offenkundig ist der Unfall gerade erst geschehen, noch hat niemand angehalten, keine Helfer zu sehen – was soll man tun? Bremsen, Hilfe leisten, sich in eine nicht ungefährliche Situation begeben? Auch den Anblick verletzter Menschen mag man fürchten – also weiter fahren, flüchten, sich beruhigen, dass andere bestimmt das Notwendige tun werden? Ein Bekannter schilderte mir kürzlich genau diese Situation, und ich bewundere ihn für das, was er getan hat, er wurde den Unfallopfern zum Samariter. Oder:
Jeden Tag kommt das Kind aus der Schule, und alle in der Nachbarschaft wissen, dass die Situation in der Familie so ist, dass es über Stunden allein ist und niemand bei den Hausaufgaben helfen wird. Eines Tages aber mag eine Frau sich das Elend nicht mehr ansehen, Tag für Tag lädt sie das Kind zu sich ein, wird ihm eine Lehrerin aus Berufung und es wächst eine Vertrauensbeziehung, von der das Kind ein Leben lang zehren wird. Oder:
Der junge Arzt, der in der Notaufnahme des Krankenhauses vom ersten Tag an in eine Situation der Überforderung gerät, Schichtdienst, Schlafmangel, Ruhezeiten, die permanent gestört werden, ständige Überforderung der Kräfte – es gibt einfach zu wenig Personal angesichts der Zahl der Patienten. Und doch tut er seinen Dienst mit ganzer Hingabe an seinen Auftrag, mit konzentrierter Zuwendung zu jedem Einzelnen behandelt er keine „Fälle“, sondern notleidende Mitmenschen: Das ist bewunderungswürdig und verdient höchste Anerkennung.
Ja, es ist ein Glück, dass es Menschen gibt, die das Gute und Richtige tun, der Menschlichkeit einen Raum schaffen und im Alltag des Lebens bewähren, was Jesus von Nazareth den Seinen als das höchste Gebot gegeben hat: dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Wie arm wäre die Welt ohne die Werke der Barmherzigkeit; und das wird man auch angesichts des furchtbaren Mords in Afghanistan sagen, dem eine junge Frau aus unserer Landeskirche zum Opfer gefallen ist. Sie, wie auch die anderen, die mit ihr starben, wusste um die Gefahren des Einsatzes in einem von der Geißel des Krieges seit 30 Jahren gepeinigten Landes. Und doch handelten sie aus Glauben, um der Menschlichkeit und des Liebesgebots willen; und ihre guten Werke haben den Menschen am Hindukusch ein Bild von dem gezeichnet, wozu wir uns berufen wissen, sie waren Zeugen Christi.
Liebe Gemeinde,
wir hören den Apostel Paulus sagen, dass wir nicht um unserer guten Werke selig werden; und in unserer lutherischen Kirche haben seine Worte einen besonderen Klang. Für Martin Luther war es die zentrale Entdeckung seines Lebens, dass wir ganz und gar auf die Gnade Gottes angewiesen sind, dass alles, was wir tun können, so edel und hilfreich und gut es auch sei, doch nicht ausreichen kann, um die Distanz zu Gott aufzuheben. Allein aus Glauben werden wir vor Gott gerecht, „mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren“.
Also könnte man fragen, ob es dann nicht ganz gleichgültig ist, wie wir uns verhalten? Wenn es sowieso nicht darauf ankommt, ob wir des nachts an der Straße auf die Bremse treten, uns der Not eines Kindes erbarmen oder das eigene Wohlergehen geringer achten als das Leid der Kranken? Weil es ja um ganz etwas anderes geht, nämlich um den Glauben?
Und tatsächlich wird uns diese Frage ja auch gestellt, nämlich von denen, die nicht glauben und sich doch in ihrer persönlichen Lebensführung hohen Ansprüchen verpflichtet wissen. „Ein guter Mensch kann ich sein auch ohne Gott“ hat mir einmal jemand gesagt, auf eine durchaus glaubwürdige Weise. Tatsächlich kennt jeder von uns ja wunderbare Mitmenschen, die immer bereit sind, zu helfen, wo sie nur können, die aus Barmherzigkeit sich den Schwachen zuwenden, auf die man sich verlassen kann; und beileibe nicht alle von ihnen sind Christen. Menschen tun gute Werke, und so wird die Welt zu einem besseren Ort, das ist eine Lebenserfahrung; und wer sie machen durfte, wird dafür dankbar sein.
Nein, es ist nicht gleichgültig, wie wir Christenmenschen uns verhalten. Wie könnten wir so etwas auch nur denken, in der Heiligen Schrift lesen wir ja immer wieder, wie sehr das Verhältnis zu Gott auch das Verhältnis zu den Mitmenschen beeinflusst. Schon die Propheten des Alten Testaments werden nicht müde, dem Gottesvolk das Gebot der Gerechtigkeit einzuschärfen und kritisieren mit schneidender Schärfe, wenn die Armen an den Rand gedrängt, ausgebeutet werden – es verletzt den heiligen Willen Gottes, wenn die Starken nur ihren eigenen Vorteil verfolgen. Jesus von Nazareth kannte die Propheten und ihre Botschaft; seine Botschaft war, dass das Reich Gottes kommt – und dass es schon auf Erden angebrochen ist. Erkannt wird es daran, dass Lahme gehen, Blinde sehen und Menschen einander zum Nächsten werden. Das höchste Gebot lehrte er, ist seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Nein, die reformatorische Antwort von dem Glauben, der am Anfang steht, soll uns nicht zu einem sanften Ruhekissen werden. Wir würden den Willen Gottes verfehlen, wenn wir meinten, es sei beliebig, was wir tun und was wir lassen. Selbstverständlich wird, wer glaubt, das Gute suchen und ihm nachstreben; und wenn es gelingt, so dürfen wir uns daran freuen, dann scheint ein Licht in einer oft dunklen Welt.
Liebe Gemeinde,
Gutes zu tun, das hat seinen Wert – aber eine ganz andere Frage ist es, ob es einen guten Menschen überhaupt gibt, geben kann. Denn jeder Mensch trägt nicht nur die Möglichkeit in sich, das Gute zu tun, sondern ebenso gibt es auch das Dunkle, Böse, dass wir in uns verbergen. Und es ist die Wahrheit, dass wir von beidem auch Gebrauch machen. Auf manches in unserem Leben sehen wir mit Wohlgefallen, vielleicht sogar mit Stolz, staunen gar darüber, wozu wir fähig waren, als es darauf ankam, ein Werk der Barmherzigkeit zu tun – aber das ist eben nicht das einzige, was zu sagen ist. Auf anderes können wir nicht anders als beschämt zurücksehen und erschrecken, zu welcher Bosheit wir fähig sind. Ich kenne sogar das fassungslose Unverständnis – wie konnte ich nur? Was hat mich da getrieben?
Die Wahrheit ist, dass im Leben eines jeden Menschen Gutes und Böses durcheinander geht, und das ist so, weil wir zu beidem fähig und in der Lage sind. Es ist auch niemand davon ausgenommen: schon gar nicht diejenigen, die noch nie über sich selbst erschrocken sind. Eine merkwürdige Mischung aus Licht und Finsternis sind wir.
An dieser Einsicht hängt sehr viel; und es gibt leider sehr, sehr viele Menschen, die sich ihr verweigern. Die sich Illusionen machen, oder in Selbstgerechtigkeit erstarren, unfähig zu einer kritischen Sicht der eigenen Person. Uns aber hilft der Glaube zu einem nüchternen, unverstellten Blick auf uns selbst, was auch immer es da zu sehen gibt; und das Dunkle ist dabei eingeschlossen. Paulus sagt es drastisch: „Wir waren tot in den Sünden“, lesen wir hier; und damit ist dieser Zustand gemeint, dass wir von dem Bösen nicht frei sind, dass wir nicht anders können als zu sündigen. Und dass es für keinen Menschen eine Möglichkeit gibt, daran etwas zu ändern. Wir leben im Gegensatz zu Gott, tun Böses. Es wird nicht aus der Welt geschafft durch Gutes.
Darum sagt der Apostel Paulus:
„Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“
Diese Gnade können wir uns nicht selbst geben, wir empfangen sie im Glauben; wir brauchen sie, damit unsere Zerrissenheit geheilt wird und wir mit Gott versöhnt werden. In diesen Worten ist ein Leuchten, das Martin Luthers Leben veränderte, sie künden von der Liebe Gottes, der seinen Sohn gab um unsretwillen. Er starb am Kreuz, damit wir frei werden und leben können. Wir müssen uns nicht selbst helfen – uns wird geholfen. So werden wir fähig, unserem Nächsten im Geist der Liebe zu begegnen. Gute Taten sind eine Frucht der Rechtfertigung aus Gnade; so wird die Welt verändert zum Guten.
Liebe Gemeinde,
das sind keine leeren Worte, sondern die Folgen daraus sind im Leben eines Christenmenschen mit Händen zu greifen. Wir werden geprägt von der Gnade, die wir glaubend empfangen, sie verändert uns, Tag für Tag, das Leben lang.
Vor einiger Zeit las ich eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zu der Frage, ob sich junge Christen denn von ihren Altersgefährten unterscheiden, die nicht glauben. Ja, das tun sie, sie sind tatsächlich anders; und so, dass man sich daran freuen kann. Sie unterscheiden sich in ihrem Sozialverhalten, sind weniger auf den eigenen Vorteil aus, eher bereit, dem Mitmenschen zu dienen, legen weniger Wert auf materielle Güter, ihr Ziel ist es, den Frieden im Zusammenleben zu fördern.
Ja, Christen sind nicht unbedingt die besseren Menschen, aber mit unserem Glauben sind wir besser dran und auf einem Weg, der uns frei macht, das Gute zu tun. Wir haben keinen Grund, uns über andere zu erheben; aber allen Grund, Gott für das Heil in Christus zu danken. „Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“
Amen.


