Predigt am Sonntag Quasimodogeniti, 1. Mai 2011 in der St.-Jakobi-Kirche Stollberg
Predigttext: „Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so:
Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische.
Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.“ (Johannes 21, 1–14)
Liebe Gemeinde,
unverhofft kommt oft, sagt der Volksmund, und in diesem geflügelten Wort klingt wohl eine kleine Warnung an; du Mensch, bilde dir nicht ein, dass du den Lauf deines Lebens planen könntest. Es kommt ja doch, auch das ist so ein Wort, erstens anders, und zweitens, als man denkt. Natürlich, Planung ist notwendig, wir müssen unseren Verstand gebrauchen, wenn wir im Leben bestehen wollen; denn nur weniges fliegt uns zu, das allermeiste will gut überlegt und vorbereitet werden. Und doch: Unverhofft kommt oft, fühle dich nicht zu sicher… Gewissheit kann es nicht geben, denn das Leben steckt voller Überraschungen. Hätten wir es gerne anders? Wäre es uns lieber, wenn wir uns nicht auf Unwägbares einstellen müssten, wenn wir immer und zu jeder Zeit Sicherheit besäßen?
Jedenfalls haben in meinem Leben unerwartete Begegnungen eine zentrale Rolle gespielt; Begegnungen, die allem eine bestimmte Richtung gaben. Ich erinnere mich ganz genau an den Tag, und sehe die Situation, das Bild vor meinem inneren Auge wie heute, als ich die junge Frau zum ersten Mal gesehen habe, mit der ich nun seit 39 Jahren verheiratet bin. Eine Begegnung, die mein Leben verändert und geprägt hat, unerwartet, überraschend, ungeplant und ein Glück. Ähnliches, wenn auch nicht Vergleichbares, könnte ich von anderen Lebensbereichen sagen….
Unverhofft kommt oft, ein durchgeplantes Leben gibt es nicht – und es wäre ja auch schrecklich, wenn es anders wäre. Das Leben eines jeden Menschen besteht nicht nur aus dem Geplanten, in Abwägung Gestaltetem; es geschieht vielmehr zu einem guten Teil in Reaktionen auf Unerwartetes, nie und nimmer Vorhergesehenes. Und oft genug liegt gerade darin ein Glück, das man kaum zu hoffen gewagt hätte, die gute Wendung, die uns zum Segen wurde. Wie es mit uns wird, bleibt ungewiss, trotz aller Überlegung, alles verständigen Bemühens – es bleibt Unverfügbares.
Liebe Gemeinde,
heute bedenken wir miteinander einen österlichen Text, der uns erzählt, wie ganz und gar unverhofft das Leben der Jünger Jesu verändert wurde. Wie von einem Moment auf den anderen alles anders wurde. Die Erzählung des Evangelisten erinnert uns an die Unverfügbarkeit des Lebens, und welches Geschenk in der Auferstehung Jesu uns Menschen gemacht wurde.
Dabei ist es ja auf den ersten Blick ein sperriges Geschehen, und manch einem nur schwer oder gar zu schwer zu verstehen. Da ist vor langer Zeit einer nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden, er wurde gesehen, war zu einem neuen Leben auferweckt – das ist ein Geschehen gegen alle Wahrscheinlichkeit, dem Verstand nicht zugänglich; wie sollte so etwas möglich sein? Täuschung, Illusion, das vorwissenschaftliche Weltbild des Johannes, der diese Begebenheit aufgeschrieben hat? Und wenn es schon so gewesen sein sollte, was besagt es für mich, für mein Leben, in dieser Zeit, die so eine ganz andere geworden ist? Das Osterfest ist ein Fest des Glaubens, und das Geschehen des Ostertages verlangt nach Glauben.
Aber, wir sehen die Jünger ohne Glauben, erschüttert von dem gewaltsamen Tod ihres Herrn, von Golgatha zurückgekehrt in den Alltag ihres Lebens. „Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen.“ Was hätten sie auch sonst tun sollen – denn die Geschichte Jesu, des Nazareners, war am Kreuz von Golgatha zu Ende gegangen. Zu jung, unbarmherzig und gewaltsam war das Leben eines Menschen beendet worden, der sie und viele andere in seinen Bann geschlagen hatte, durch seine Worte, die eine wunderbare Hoffnung auf Liebe und Versöhnung eröffneten, und durch seine Taten, in denen sie den Anbruch des Gottesreiches erkannt hatten. Das war vorbei, und es war ihnen nichts geblieben als Enttäuschung. Sie hatten gehofft, sie hatten ihr ganzes Vertrauen auf ihn gesetzt, dem sie durch das Land gefolgt waren, aber jetzt mussten sie es ja so sehen, dass sie einer Illusion aufgesessen waren. Von der Zukunft erwarteten sie nichts, allenfalls dass die Zeit Wunden heilt.
So war es nicht nur für sie gewesen, die in ihren Beruf als Fischer zurückgekehrt waren. Darin stimmen alle Berichte der Heiligen Schrift überein: Die Jüngerinnen und Jünger hatten abgeschlossen, sie waren auf dem Weg zurück in ihren Alltag und seine engen Grenzen, aus denen sie mit dem Nazarener aufgebrochen waren, alles andere wäre ja auch unmöglich oder schier undenkbar gewesen.
Das war die Situation vor dem Morgen des 3. Tages; und verändert wurde sie durch eine Begegnung mit dem Auferstandenen. Zuerst die Frauen, dann die Jünger, dann der Apostel Paulus begegneten dem Auferstandenen, und die Evangelien atmen das Staunen über das wunderbare Geschehen und seine alles verändernde Kraft: Es ist nicht ein Fremder, der da am Ufer steht, es ist der Rabbuni, der vertraute Meister. Niemand von den Jüngern, die ihm begegneten, hatte ihn erwartet, nicht einmal erhofft, ihn noch einmal zu sehen. Es ist das Ostergeschehen etwas vollständig Fremdes, Unverfügbares; es ist der Einbruch eines ganz und gar Neuen in das Leben der Auferstehungszeugen und in diese Welt. Ostern ist unverhofft gekommen. Erst diese Begegnung macht alles anders, und mit ihr beginnt erst recht die Geschichte der christlichen Kirche, denn am Ostersonntag wurde aus Trauer, Resignation und der Bereitschaft, sich in das Unvermeidliche zu fügen, Glaube – der Glaube, der die Welt verändert.
Wie es zu erklären ist, ob es eine Erklärung geben kann – darüber sagen die Evangelienberichte nichts. Sie sind an dieser gewissermaßen naturwissenschaftlichen Frage auch gar nicht interessiert, sie sind voll des Staunens über das Geschehen, und dass die Sache Jesu nicht zu Ende war, sondern neu begonnen hatte. Sie atmen die Freude, dass es anders gekommen war, als alle gedacht und erwartet hatten. Sie bekennen die Zukunft Gottes bei den Menschen. Ostern kam unverhofft, in Begegnungen wie sie den Fischern zuteil wurde.
Liebe Gemeinde,
manchmal scheint es so, als hätte unsere moderne Zeit, fast 2000 Jahre später, solch unverhoffte Begegnung ebenso nötig wie die trauernden Jünger Jesu. In diesen Tagen erwarten viele Menschen von der Zukunft nicht viel. Wir befinden uns wohl eher in einer Situation, in der die meisten, stellte man sie vor die Frage, ob die Verhältnisse so bleiben sollten, wie sie sind, sich ohne großes Zögern gegen das unbekannte Neue entscheiden würden. Viele schlechte Nachrichten hat es in den letzten Monaten und Jahren gegeben: die weltweite Finanzkrise und die Sorgen um die Verschuldung der Staaten und die Sicherheit des Geldes, die Diskussionen um die Einwanderung und ihre Folgen, der demografische Wandel, der Krieg in Afghanistan und die ungelöste Frage, wie er beendet werden kann, die Atomkatastrophe in Japan und der Energiehunger der Menschen… Über all dem ist Skepsis, Zukunftsangst gar eingezogen und man erhofft sich allenfalls, dass es in der Zukunft nicht schlechter werden möchte, als es jetzt ist. Manchmal macht Deutschland den Eindruck, als befinde es sich in einer Verteidigungshaltung, als seien wir zuallererst und unter Aufbietung aller Kräfte darauf bedacht, das Bestehende bewahren zu wollen gegen den Ansturm, des Neuen, Unbekannten.
Aber auch im privaten Bereich spielt die bange Frage, wie es weitergehen wird, eine große Rolle; wenn wir uns zu einem Kind entschließen, werden wir nicht so weiterleben können; was werden wir aufgeben müssen? Wird das Geld reichen? Wie viel von unserer Zeit nimmt das Kind in Anspruch? Und können wir uns aufeinander verlassen, über die Jahre hinweg?
Manches Glück verliert man gerade dadurch, dass man es allzu sehr planen will. Denn unverhofft kommt oft, die Zukunft ist offen; und vermutlich ist es so, dass sie der Zögerliche, stets und alles Planende verlieren wird, derjenige aber am ehesten gewinnen und gestalten kann, der ihr in einer Haltung des Vertrauens begegnet.
Die Erzählungen von der Auferstehung jedenfalls sind voll des Staunens über die wunderbare Veränderung einer Situation, in der doch alles geklärt und abgeschlossen zu sein schien. Erst die Begegnungen des Ostertages haben die Blickrichtung der Auferstehungszeugen gewendet und die Zukunft geöffnet. Nie und nimmer konnten sie erwarten, dass sie dem Gekreuzigten noch einmal begegnen würden – unverhofft entdecken Petrus und seine Freunde den Willen Gottes für sich, sie lassen sich darauf ein, vertrauensvoll, in einer Haltung der Offenheit für das Unerwartete: Was mir begegnet ist gut. Das ist die Osterbotschaft, von der unser Glaube lebt. Nichts sonst kann den Verzagten in unserem Land so sehr helfen, wie die Ausbreitung der Osterfreude.
Liebe Gemeinde,
dieser Sonntag hat einen wunderbaren Namen: Quasimodogeniti, wie die neugeborenen Kindlein können wir vertrauensvoll die Gabe des Lebens empfangen, das Geschenk unseres barmherzigen Gottes. Es ist der Sonntag nach Ostern, dem Fest des Lebens, wir feiern die Hoffnung, die aus der Auferstehung Christi kommt. Gott hat alle Mächte dieser Welt überwunden, sogar den Tod. Wir loben ihn und mit der ganzen Christenheit rufen wir zum Glauben, der Berge versetzen und die Welt verändern kann.
Amen.


