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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl zur Jahreslosung am 1. Januar 2012 in der Dresdner Kreuzkirche

 2. Korinther 12,9 (Jahreslosung):
„Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“

                         

Liebe Gemeinde,

in den Schwachen ist die Kraft Christi mächtig…so, wie wir an diesem ersten Tag des neuen Jahres zusammengekommen sind – wer von uns sind die Schwachen, wer sind die Starken?

Man kann es wohl nicht so genau wissen. Stärke und Schwäche sind nicht ein für allemal verteilt, die Verhältnisse sind dynamisch, und davon ist niemand ausgenommen. Jeder Mensch durchlebt Zeiten der Schwäche, und es liegt ein Trost in der Erfahrung, dass die Kräfte zurückkehren können oder die Bewältigung einer persönlichen Krise gar nicht selten erstaunliche Kräfte frei setzt. Andererseits sollten die Starken sich nicht täuschen – Stärke kann sehr schnell verloren sein, schneller als man denkt.

Nirgends sonst wird das so deutlich wie im Sport, wo unablässig um Stärke gerungen wird. Von dem Leistungsvergleich mit anderen geht ein enormer Druck aus. Wer einmal den Platz an der Spitze erkämpft hat, wird immer in der Sorge leben, ihn behaupten zu müssen. Man darf sich keine Blöße geben, keine Schwäche offenkundig werden lassen; und weiß doch, dass irgendwo schon ein anderer trainiert, der irgendwann stärker sein wird. Wenn ständig Stärke gemessen und Schwäche ausgewiesen wird, kann das sehr unbarmherzig sein, und am Ende unerträglich werden.

In der Politik ist es nicht viel anders, man kann sie als einen unaufhörlichen Kampf um Macht und Einfluss verstehen, um eine starke Position der Partei und der Politiker in ihr. Nicht anders ist es in der Wirtschaft, die Unternehmen stehen in einem permanenten Kampf um Marktanteile. Sind sie erfolgreich, können Gewinne verteilt werden. Aber ebenso wird der Misserfolg bestraft; und dann kann die Substanz schnell verzehrt sein. Alles kommt darauf an, eine dauerhafte Position aufzubauen, die Marke muss stark sein. Sicherheit aber gibt es nicht, und gar nicht selten trägt der Erfolg schon den Keim des Scheiterns in sich.

Sport, Politik und Wirtschaft sind wichtige Teilbereiche der Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Ihr Kennzeichen ist, dass Tag für Tag verbissene Kämpfe geführt werden, mit dem Ziel, eine Position der Stärke zu behaupten, Schwäche zu vermeiden. Davon wird das gesellschaftliche Klima bestimmt und die Art und Weise, in der Menschen miteinander umgehen, kaum jemand kann sich dem entziehen. So ist es in diesen Zeiten, in denen die Stärke verherrlicht wird, nicht schön, schwach zu sein. Und schon gar nicht erstrebenswert. Wem fällt es leicht, mit seinen Schwächen zu leben? Und gar unbefangen dazu zu stehen?

Liebe Gemeinde,
die Jahreslosung für 2012 ist eine Absage an das Funktionsprinzip der Leistungsgesellschaft. Nicht die Starken, sondern die Schwachen tragen die Kraft Christi in sich – das ist geradezu die Umwertung der Werte, es klingt wie die Ankündigung einer Revolution, die den Schwachen zu ihrem Recht verhilft. Wer mag das hören, wie soll das gehen? Nur eine Träumerei aus Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat?

Aber der Apostel Paulus weiß sehr gut, was er da sagt; wenn er auch in einer anderen Zeit lebte, die mit unserer modernen Welt kaum zu vergleichen war. Aber Starke und Schwache gab es damals selbstverständlich auch. Die geistliche Wahrheit von der Stärke Christi in den Schwachen hat er in seinem eigenen Leben gefunden, und unter großen Schmerzen. In Korinth muss er sich mit Gegnern auseinandersetzen, die ihm den Vorwurf machen, er sei feige und schwächlich, wenn er seinen Gegnern Auge in Auge gegenüberstehe; seine Rede sei kläglich, und gar nicht dazu angetan, für seine Botschaft zu werben. Nur in seinen Briefen markiere er eine Stärke, die er gar nicht besitze.
 
Das sind verletzende, böse Worte. Paulus wehrt sich dagegen auf eine ganz erstaunliche Weise, nämlich indem er sich seiner Schwäche rühmt, also den Vorwurf der Gegner aufnimmt - aber aus einer ganz anderen, entgegengesetzten Sichtweise auf das Phänomen von Stärke und Schwäche heraus, die im Glauben gegründet ist. Ja, sagt er, es gibt einen „Pfahl in meinem Fleisch“, ich bin nicht gesund, ich leide unter dieser Krankheit, die mich beeinträchtigt, an meinen Lebenskräften zehrt; und nicht nur einmal habe ich um Heilung gebetet. Aber vergebens, sie gehört zu mir, ich muss mit ihr leben, denn von meinem Herrn Jesus Christus habe ich zu hören bekommen: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

Liebe Gemeinde,
die Antwort des Herrn soll Paulus zeigen, dass seine Krankheit nicht nur eine Beeinträchtigung ist, nicht nur Schwäche; das ist sie sicherlich auch. In geistlicher Sicht aber ist sie eine Stärke, weil sie erkennen lässt, wie sich die Kraft Christi in der Schwachheit des Menschen vollendet. Die Gnade Gottes wird den Leidenden geschenkt und zeigt sich gerade in ihnen. Die Schwäche des Apostels, nicht etwa eine besondere Stärke, wird zu einem Medium der Kraft Jesu Christi. Die Gnade genügt, auf sie allein kommt es an. So werden religiöser Hochmut und falsche Selbstüberschätzung ausgeschlossen.

Das ist nicht leicht zu verstehen, man kann es als paradox empfinden, dass die göttliche Kraft sichtbar wird in menschlicher Schwäche. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es dem Apostel nicht leicht gefallen ist, die Absage Jesu auf sein Gebet anzunehmen und die tiefe Wahrheit in der Antwort zu verstehen. Und das geht uns wohl nicht anders. Die geistliche Sicht auf das Verhältnis von Stärke und Schwäche liegt ja buchstäblich quer zu unserem tagtäglichen Erleben.

Und doch gibt es einen Zugang. Denn was auch immer in der Leistungsgesellschaft gilt - wir stehen ja doch vor der Aufgabe, mit der eigenen Schwäche zu leben, und das ist für jeden und jede so. Kein Mensch ist nur stark; wenn manche sich auch einbilden, diese Wahrheit gelte für sie nicht. Bei einigen ist die Schwachheit offenkundig, sogar für alle sichtbar - während andere eine erstaunliche Begabung entwickeln, die eigene Schwäche vor sich selbst zu leugnen oder doch wenigstens vor anderen zu verbergen. Das aber gelingt immer nur für eine gewisse Zeit, längstens bis es zu einem Bruch in der Lebensgeschichte kommt. 

Gar nicht selten kann man beobachten, wie Menschen, die sich stark wähnen, geradezu verzweifelt darum kämpfen, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Sie sehen sich vor der Aufgabe, das Glück zu zwingen, niemals gelingt es ihnen eine empfangende Haltung anzunehmen, zu entspannen und bei sich zu sein. 

Es ist das ein erbarmungsloser Umgang mit sich selbst, ein permanenter Kampf, der unmöglich gewonnen werden kann. Viele verirren sich in dieser Weise, so dass wir inzwischen sogar ein eigenes Wort für den Zustand gefunden haben, der davon kommt – „burn out“. Stark sein wollen und kämpfen, bis man ausgebrannt ist.
So geht das menschliche Maß verloren und für das Vertrauen auf Gott bleibt schon gar kein Platz; sich seiner Gnade anzuvertrauen wird zu einem Ding der Unmöglichkeit.
Wer dagegen gelernt hat, die eigene Schwäche zu akzeptieren, weiß um seine Grenzen; und wird sich selbst annehmen mit allen Anteilen der Person, wird nicht einem vermeintlichen Ideal von Stärke nachjagen.

Natürlich gibt es Stärken, und das ist auch gut so. Was wäre es für ein Leben, wenn wir nicht dankbar die Begabungen entfalten würden, die uns auf unseren Lebensweg mitgegeben sind; wenn wir nicht darauf vertrauen könnten, dass unsere Kräfte uns helfen werden, in den Herausforderungen zu bestehen, vor die das Leben uns stellt. Es ist gut, Fähigkeiten in sich zu wissen und es ist ein Geschenk, stark zu sein. Und doch gilt, dass jeder Stärke eine Schwäche mitgegeben und an die Seite gestellt ist. Das eine wie das andere macht die Person aus, die wir sind. Wer mit dieser Erkenntnis geistlich umgeht, wird offen sein für die Gnade Gottes und sich daran genügen sein lassen. Nur Menschen, die sich ihrer Schwäche bewusst sind, können glaubwürdige Zeugen der Liebe Gottes sein. Sie wissen ja, dass sie auf andere angewiesen sind und auf anderes als die eigene Stärke.

So ist die Jahreslosung eine kraftvolle Ermutigung, die eigene Person anzunehmen. Es liegt eine geistliche Stärke in dem Wissen, dass Jesus Christus auch und gerade unsere Schwächen in seinen Dienst nimmt, um daraus Gutes entstehen zu lassen. Auf seine Kraft ist Verlass.
Darum brauchen wir unsere Schwachheit nicht als etwas ansehen, was besser nicht zu uns gehören sollte. Dem Gläubigen genügt die Gnade – mehr ist nicht nötig. Sie heiligt auch die Schwäche.

Liebe Gemeinde,
noch leben wir in der Weihnachtszeit. Gerade erst haben wir die Ankunft Gottes bei den Menschen gefeiert, die Geburt eines Kindes in Niedrigkeit. Es war keine Demonstration der Stärke, im Gegenteil. Und indem wir auf das Kind der Maria sehen, erkennen wir schon den Gekreuzigten auf Golgatha. So wie Gott in die Welt gekommen, so verlässt er sie - in Schwachheit. Was er dem Apostel Paulus und durch ihn auch uns sagt, hat Christus selbst erfahren:
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.
Amen

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